Bestseller-Autor Daniel Schreiber ist mit persönlich-politischen Essays bekannt geworden und schreibt jetzt über „Liebe“ als Handlungsmaxime.
Daniel Schreiber„Wir werden Opfer des Kulturkampfes, wenn wir uns zurückziehen“

Daniel Schreiber
Copyright: Paulina Hildesheim
Herr Schreiber, in Ihren letzten Büchern ging es um Themen wie Verlust, um das Allein- und Nüchternsein. Nun also ein Aufruf zur Liebe – sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihren Büchern?
Alle meine Bücher haben sich bisher mit der gesellschaftlichen Situation auseinandergesetzt. Aber „Liebe“ ist das bisher politischste Buch – in dem Sinne, dass politische Themen und die Weltlage im Zentrum stehen – und unsere Reaktion darauf.
Die Weltlage wird aktuell von vielfältigen und massiven Krisen bestimmt. Ist das auch ein Umfeld, in dem eine Kultur des Hasses gedeiht?
Ich finde das eine schwierige Frage, weil sie impliziert, dass die Krisen unserer Zeit eine Art Entschuldigung sein könnten. Ganz sicher ist Hass zu verbreiten politisch sehr einfach. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen nicht mehr politisch repräsentiert werden. In einer immer neoliberaleren Gesellschaft, in der es immer weniger Solidarität, Fürsorge für Schwächere, Verantwortung für nachfolgende Generationen gibt. Und in der das Streben danach teilweise lächerlich gemacht wird. Es gibt eine grundlegende Umverteilung von den mittleren zu den reicheren Schichten, die immer weiter eskaliert. Das alles hat Auswirkungen auf die größeren Krisen, denen wir uns gegenübersehen: sehen: Sei es Umwelt, sei es die Spaltung der Gesellschaft, sei es der rechtsextreme Siegeszug.
Sehen Sie auch die Gefahr, dass man so eine gesellschaftliche Spaltung herbeischreibt?
Sie spielen wahrscheinlich auf das Buch „Triggerpunkte“ von dem Soziologen Steffen Mau an, das ich toll finde. Und obwohl er schreibt, dass die Spaltung oft massiver wahrgenommen wird, als sie tatsächlich ist, betont auch er, dass die rechtsextreme Bewegung in Deutschland seit dem Erscheinen des Buchs 2023 nicht stagniert ist. Im Gegenteil: Es gibt ganze Landstriche in Deutschland, wo rechtsextreme Gruppen das Sagen haben, in denen sich die Leute nicht mehr sicher bewegen können, in denen demokratische Politikmachende angegriffen werden, wenn sie Wahlplakate aufhängen. In Berlin und Köln ist das nicht so drastisch, aber die Perspektive wandelt sich sehr stark, wenn man in andere Landstriche schaut.
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Da scheint „Liebe“ erstmal eine ungewöhnliche Handlungsmaxime.
Es geht in meinem Buch ja nicht um Liebe in romantischen, familiären oder freundschaftlichen Beziehungen. Sondern Liebe wird als gemeinschaftliches und politisches Beziehungsgeschehen betrachtet – mithilfe vieler Philosoph:innen, vieler politischer Theoretiker:innen, mithilfe auch von theologischer Literatur. Wir können auf eine lange Tradition dieses Begriffs zurückgreifen. Und in diesem Begriff finden viele andere Begriffe eine Anwendung, die vielleicht naheliegender klingen – beispielsweise Respekt, Würde, Gemeinwohl, innergesellschaftliche Solidarität, Fürsorge mit den Schwächeren, Verantwortung für nachfolgende Generationen und die Welt, in der wir leben.
Letztlich geht es in diesem Begriff von Liebe um eine politische Mitgestaltung der Gesellschaft
Also ein sehr weit gefasster Liebes-Begriff...
Letztlich geht es in diesem Begriff von Liebe um eine politische Mitgestaltung der Gesellschaft. Um mit Hannah Arendt zu sprechen, kann diese politische Mitgestaltung nur aus einer Weltliebe heraus geschehen. Ansonsten sind wir dazu verdammt, egoistisch zu handeln.
Da bleibt die Analyse zwangsläufig recht allgemein.
Ich bin kein Politiker, ich bin auch kein Wirtschaftstheoretiker. Und ich kann Ihnen sagen, dass ich persönlich sehr dafür bin, die Steuersätze für die überreichen Schichten deutlich anzuheben. Oder die Kapitalsteuer mit der Einkommenssteuer gleichziehen zu lassen und so weiter. Aber das ist nicht meine Aufgabe als Autor. Was ich machen kann, ist eine Sprache für die Lage zu finden, in der wir uns befinden. Was ich machen kann, ist, Ideen zu entwickeln, wie man damit umgehen kann.
Insofern hat die Liebe bei Ihnen auch eine Komponente der Selbstermächtigung?
Grundziel des Buches ist, die Lesenden aus einer Ohnmacht herauszuholen, die mich selbst sehr lange lahmgelegt hat. Und die lange dafür gesorgt hat, dass ich mich zurückgezogen habe und mich gelähmt gefühlt habe. Und ich möchte den Lesenden die Möglichkeit geben, aus dieser Verzweiflungs-Apathie herauszukommen, die viele von uns haben, wenn es um die Weltlage geht.
Wie kann das gelingen?
Mit meinem Buch will ich ein Gefühl dafür wecken, dass es möglich ist, Dinge zu tun – auch wenn sie zunächst mal klein erscheinen und unwichtig scheinen. Aber wir haben alle die Möglichkeit, unsere Welt und unsere Gesellschaft mitzugestalten. Wir leben in einer Zeit, in der uns immer gesagt wird: Das bringt nichts. Und wir haben das kollektiv geglaubt. Aber das stimmt nicht! Und man muss grundsätzlich sagen, dass dieser fehlende Glaube an die Macht der Zivilgesellschaft eine Grundbedingung dafür ist, dass autokratische Regimes in der ganzen Welt die Macht ergreifen. Eine Grundbedingung dafür, dass so viel Politik gemacht wird, die ganz eindeutig gegen das Interesse der Mehrheit der Gesellschaft agiert. Und diese Politik wird überall auf der Welt gemacht – selbst in demokratischen Ländern wie unserem.
Ukraine-Krieg, Krieg in Nahost, Klimakrise und das alles in Kombination mit der Übermacht von Medien-Giganten wie Meta. Da scheinen mir Ohnmachtsgefühle menschlich.
Ich schreibe in meinem Buch auch sehr deutlich, dass diese Ohnmacht eine adäquate Reaktion auf die Welt ist. Genauso wie die Strategie, sich ins Private zurückzuziehen. Das ist eine automatische Reaktion von vielen von uns – denn wir alle haben ja Menschen, für die wir sorgen müssen. Wir alle haben Aufgaben, denen wir nachgeben müssen. Und das können wir beides sehr schlecht tun, wenn wir die ganze Zeit in Angst leben und mit einem Gefühl der Bedrohung. Und wir können dann auch schlecht für uns selbst sorgen.
Rückzug ist also eine naheliegende, aber gefährliche Lösung?
Mein Punkt ist, dass dieser Rückzug dazu führt, dass wir uns politisch nicht betätigen, dass wir unsere zivilgesellschaftlichen Mittel nicht wahrnehmen. Er führt dazu, dass der rechtsextreme Rand zu einer Mehrheitsbewegung wird. Er führt dazu, dass wir Opfer von Kulturkämpfen werden. Er führt dazu, dass wir uns nicht gegen die rechtsextreme Umwertung aller politischen Grundbegriffe wehren. Er führt dazu, dass bestimmte Milliardäre bestimmte Nachrichtenportale führen, die ganze politische Diskurse formen.
Funktioniert Rückzug denn wenigstens als Selbstschutz-Strategie?
Nein, denn wir nehmen uns selbst auch die Macht und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das heißt, es ist letztlich eine depressive Strategie. Das heißt, wir begeben uns nicht nur in eine gefährliche gesellschaftliche, sondern auch in eine gefährliche private Situation, wenn wir uns nicht gegen diese Ohnmacht und gegen die Verlockungen des Rückzugs stemmen.
Wie sehen Sie die Rolle der Sozialen Medien? Da ist Hass ja eine Art Währung.
Die Rolle der Sozialen Medien ist nicht nur problematisch, sondern wir verlieren häufig aus dem Blick, dass sie strukturell schon in eine Richtung des Hasses führen. Man darf sich keine Illusionen machen: Die Sozialen Medien gehören Unternehmen, die offen mit der weltweiten rechtsextremen Bewegung koalieren. Und ich rede nicht nur von Elon Musk und Twitter. Auch Meta, auch Google, selbst Apple gehören dazu. Es ist nicht im Interesse dieser Unternehmen, dass wir als Demokratien überleben. Es ist in deren Interesse, weiter zu polarisieren, weiter zu spalten. Uns allen ein Gefühl von Machtlosigkeit zu geben – eben damit diese Unternehmen mehr Geld verdienen können.
In Ihrem Buch plädieren Sie in Zeiten überhitzter politischer Debatten dafür, konstruktiv über Sachthemen zu sprechen. Glauben Sie, dass das mit Rechtsextremen möglich ist?
Nein. Daran haben rechtsextreme Politikerinnen und Politiker kein Interesse. Ihre einfachen Antworten sind Ekel und Verbitterung. Und sie zerstören die demokratische Bühne, die man ihnen bietet. Wir erleben seit 15 Jahren, dass die besten Journalisten des Landes versuchen, diese Politikmachenden zu stellen. Und das klappt nicht. Es ist völlig illusorisch.
Also muss hier die Liebe als Leitgedanke versagen?
Nein, denn das bedeutet nicht, dass man rechten Politikern nicht als Menschen begegnen kann. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir der Entmenschlichung, die diese rechtsextremen Politikmachenden vorantreiben, nicht mit Entmenschlichung begegnen. Und ich glaube, dass man mit rechtsextremen Wählenden reden kann – und reden muss. Und dass wir auch keine andere Wahl haben, als das zu tun. Das ist auch eine unserer grundlegenden politischen Aufgaben bis heute. Nicht zuletzt, weil große Gruppen der rechtsextremen Wählenden selbst Opfer einer rechtsextremen Politik sind – oder werden.
Daniel Schreiber, geboren 1977, ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt. Seine Bücher – „Nüchtern“ (2014), „Zuhause“ (2017), „Allein“ (2021) und „Die Zeit der Verluste“ (2023) – standen teils monatelang auf der Spiegel-Bestseller und Sachbuch-Bestenliste. Sein neues Buch „Liebe! Ein Aufruf“ ist bei Hanser Berlin erschienen. Daniel Schreiber lebt in Berlin.
Daniel Schreiber spricht am 12. März um 20 Uhr im Brunosaal, Klettenberggürtel 65, mit Bettina Böttinger über sein Buch „Liebe!“. Am 13. März, 20 Uhr, stellt er im Gespräch mit Tupoka Ogette in der Stadthalle Köln deren neues Buch „Trotzdem zuhause“ über ihre bewegende Lebensgeschichte vor. Beide Veranstaltungen sind ausverkauft.
Wir verlosen 2x2 Tickets für beide Abende. Wenn Sie gewinnen möchten, schicken Sie bitte eine Mail mit dem Betreff „Daniel Schreiber“ und dem Datum der Veranstaltung, die Sie besuchen möchten, sowie Ihrem vollständigen Namen bis 9. März, 18 Uhr, an:
ksta-kultur@kstamedien.de

