DesignAussteuer fürs Volk

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Ein Gläsersortiment des Designers und Architekten Peter Behrens

Ein Gläsersortiment des Designers und Architekten Peter Behrens

  • Das Kölner Museum für Angewandte Kunst feiert das Frühwerk von Peter Behrens

"Geboren am 14. April 1868. Ansonsten Autodidakt." Auf den ersten Blick nimmt sich diese Selbstbeschreibung des Architekten und Designers Peter Behrens geradezu bescheiden aus - zumal für jemanden, der maßgeblich daran beteiligt war, das deutsche Kunstgewerbe zu revolutionieren, der für die AEG das Corporate Design erfand und ganz nebenbei den Schriftzug "Dem deutschen Volke" auf den Berliner Reichstag setzte. Genau besehen ist dieses "Ansonsten Autodidakt" jedoch eine geradezu maßlose Übertreibung - als hätte sich Behrens außer Zeichnen und Entwerfen auch Laufen und Sprechen selbst beigebracht.

Im Kölner Museum für Angewandte Kunst werden jetzt die ersten beiden Jahrzehnte in der erstaunliche Karriere des "Alleskönners" Peter Behrens (1868-1940) nachgezeichnet. Die ältesten Stücke der Ausstellung sind impressionistische Landschaften des Malers Behrens, wobei es schon eine besondere Pointe ist, dass Behrens ausgerechnet in dem Handwerk, das er als einziges tatsächlich erlernte, nicht über Mittelmaß hinauskam. Rasch wandte er sich den angewandten Künsten zu und schuf Buchtitel und Schrifttypen, die Aktien oder Geschäftskarten schmückten; er entwarf Gläser, Geschirr und Besteck, belieferte das Kaufhaus Wertheim mit einer Musterwohnung und versorgte die Brauereitochter Clara Reif mit einer ganzen Aussteuer. Bald gab es nichts, was es von Behrens nicht gab (oder bei ihm bestellt werden konnte), und schließlich baute er 1901 für die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe sein erstes Haus. Mit ihm wollte Behrens zeigen, wie sich Design und Architektur aus Deutschland wieder auf Weltniveau bringen ließen.

An Selbst- und Sendungsbewusstsein fehlte es dem strengen, hünenhaften Hanseaten offenkundig nie - und man kann in der Kölner Ausstellung durchaus mit Behrens zu der Ansicht gelangen, dass das moderne deutsche Kunstgewerbe erst mit ihm laufen lernte. Zwar war er weder der erste noch der einzige deutsche Designer, der die Qualitätsansprüche des guten alten Handwerks ins Industriezeitalter hinüberretten wollte. Doch die Konsequenz, mit der er sämtlichen Designsparten den Stempel des Jugendstils aufdrückte, suchte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ihresgleichen.

Insgesamt zeigt das Museum über 220 Objekte aus der Frühzeit von Behrens' Werk und hält auch für Spezialisten einige Besonderheiten bereit: Aus Hamburg konnte eine für die Weltausstellung von Turin entstandene schwere Sitzbank im Zarathustra-Stil ausgeliehen werden; aus den Trümmern des Historischen Archivs wurde der Geländeplan für eine Kunstausstellung in der Kölner Flora geborgen; und aus Privatbesitz stammt eine Machbarkeitsstudie für die Klavierfirma Ibach, die in ihrer betont eckigen, geradezu schmucklosen Form ein bedeutendes erstes Zeichen für Behrens' folgenreiche Wende zur Sachlichkeit darstellt. Seit 1905 galt das Instrument laut Kuratorin Romana Rebbelmund als verschollen; dann rief jemand bei ihr an und fragte, ob sie vielleicht noch ein Ausstellungsstück benötige.

Am Behrens'schen Klaviereck biegt der Besucher in die Zielgerade der Ausstellung ein; dort finden sich Exponate der Kölner Werkbundschau von 1914, interessante Abschweifungen zum "1. Kölner Brückenstreit" (Behrens fühlte sich - wohl zu Unrecht - vom Sieger eines Architekturwettbewerbs bestohlen) und frühe Zeugnisse von Behrens' legendärer Tätigkeit für die AEG. Als Chefdesigner der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft gestaltete er sämtliche Produkte, Bauwerke, Werbemittel und Schriftsachen neu und gab dem deutschen Weltunternehmen ein einheitliches Erscheinungsbild.

Schon damals regte sich in der AEG-Belegschaft übrigens Widerstand gegen den Durchgriff des modernen Designs auf alle beruflichen Bereiche. Und so ist eines der schönsten Exponate der Ausstellung die für eine firmeneigene Weihnachtsfeier entworfene Parodie auf Behrens' wohl berühmteste Reklame: Statt der AEG-Metallfadenlampe leuchtet uns hier ein schäumender Bierkrug heim.

Zur Ausstellung

"#alleskönner - Peter Behrens zum 150. Geburtstag", Museum für Angewandte Kunst, An der Rechtschule, Köln, Di.-So. 10-18 Uhr, bis. 1. Juli.

Eröffnung: Freitag, 16. März,

19 Uhr.

Begleitend zur Ausstellung erscheinen fünf Themenhefte zu jeweils 3,50 Euro.

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