„Die Odyssee“ im KinoWarum Odysseus ein Held für unsere Zeit ist

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Matt Damon spielt Odysseus in „THE ODYSSEY“, bei dem Christopher Nolan das Drehbuch schrieb, die Produktion übernahm und Regie führte.

Matt Damon als Odysseus am Strand von Troja in Christopher Nolans „Die Odyssee“, ab 16. Juli in den deutschen Kinos.

„Die Odyssee“ von Christopher Nolan ist der meist erwartete Film des Jahres. Warum eine 2600 Jahre alte Irrfahrt aktuelle Fragen zu unserer Multikrisenwelt aufwirft.

„Erzähle mir von einem komplizierten Mann“: So ruft der wandernde Sänger die Muse an, in der ersten Zeile von Homers „Odyssee“, zumindest in der viel gelobten, heiß umstrittenen Übersetzung der britischen Altphilologin Emily Wilson. Der berühmte Irrfahrer ist, laut Wilson, ein Migrant und Kolonisator, ein Stratege und ein Dichter, ein liebender Ehemann und ein Fremdgänger, ein traumatisierter Soldat und ein Massenmörder, ein Krüppel und ein Athlet, ein Lügner, ein Dieb und ein Held. Ein komplizierter Mann in komplizierten Zeiten.

Und in Gestalt von Matt Damon der Protagonist des neuen Films von Christopher Nolan. „Die Odyssee“ läuft am 16. Juli in den deutschen Kinos an. Es ist, laut Internet Movie Database, der am meisten erwartete Film des Jahres und eines der ehrgeizigsten Hollywood-Projekte der vergangenen 25 Jahre. Nolan hat sich von Emily Wilsons schlichter, zügig voranschreitender Neuübertragung zu seiner ersten Regiearbeit seit dem künstlerischen und kommerziellen Triumph mit „Oppenheimer“ – ein weiterer komplizierter Mann – inspirieren lassen.

Odysseus ist ein komplizierter Mann, genau wie J. Robert Oppenheimer

„Die Odyssee“ ist der erste Spielfilm, der vollständig im IMAX-Filmformat gedreht wurde. „IMAX“ steht für „Images Maximum“: Nur die größtmöglichen Bilder sind gut genug für eines der größten Epen der Menschheitsgeschichte. Gemeinsam mit der rund 30 Jahre zuvor entstandenen, ebenfalls dem wohl fiktiven Autor Homer zugeschriebenen „Ilias“ gilt die „Odyssee“ als Urknall der abendländischen Literatur. Eine 2600 Jahre alte und noch viel weiter ins Vorhistorische zurückreichende Tiefenbohrung in die menschliche Psyche.

Und in ihrer nichtlinearen Erzählweise das direkte Vorbild für Nolans Filmschaffen, mit seinen Zeitdehnungen, -raffungen, -umkehrungen und -paradoxien, mit seinen trügerischen Erinnerungen und unzuverlässigen Erzählern. Die berühmte Irrfahrt etwa kennen wir nur aus den Berichten des Odysseus selbst. Im Epos erzählt er sie am Hof des Phaiakenkönigs Alkinoos, im Film der von Charlize Theron verkörperten Nymphe Calypso. Nur nach und nach erinnert sich der vom Genuss der Lotosblüten betäubte Grieche seiner Abenteuer.

Vielleicht ist die „Odyssee“, wie Theodor Adorno und Max Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ schreiben, ein Zeugnis der Geburt des modernen Menschen schlechthin. Die Philosophen der Frankfurter Schule sahen Odysseus als Prototyp eines neuen Ichs, welches sich durch Selbstkontrolle, Berechnung und List gegen innere Regungen und äußere Natur durchsetzt. Das bürgerliche Subjekt, das die Mächte des Mythos mithilfe von instrumenteller Vernunft besiegt.

Doch trotz kühlen Kalküls bleibt Odysseus ein Spielball der Wellen, ein ewig Schiffbrüchiger. Ein Gefangener seiner Vernunft. Einer, der vortäuscht, wahnsinnig zu sein, und dann doch zehn Jahre seines Lebens im Dienst eines sinnlosen Krieges verbringen muss – und zehn weitere mit beharrlich scheiternden Versuchen, nach Hause zurückzukehren. Wenn man ihn überhaupt einen Helden nennen kann, dann den Helden einer Umbruchzeit, der selbst Krieger wie Achilles und Agamemnon nicht gewachsen sind.

Odysseus’ Irrfahrt ist, schreibt der Philosoph Hans Blumenberg, „Ausdruck für die Willkür der Gewalten, die Verweigerung der Heimkehr, die sinnlose Umtreibung und schließlich der Schiffbruch, in denen die Zuverlässigkeit des Kosmos fraglich“ wird.

Homer erzählt vom Systemkollaps am Ende der Bronzezeit

In der „Ilias“ ist die Welt noch größtenteils in Ordnung. Ihre Krieger sind Superhelden der Bronzezeit, des ersten globalen Zeitalters, so der Archäologe Eric H. Cline. Hoch entwickelte Zivilisationen, ausgedehnte Handelsnetzwerke, komplexe gesellschaftspolitische Institutionen. Für den oder die Autoren der „Ilias“ ist die Bronzezeit ferne Vergangenheit, eine untergegangene, mythisch verklärte Welt, deren Bewohner überlebensgroß gewesen sein müssen. Wenn auch wenig alltagstauglich. Achilles, Diomedes oder Hektor suchen das gewaltsame Ende im Kampf, Tod ist der Eros dieser Heroen, er allein bringt unsterblichen Ruhm. Doch die „Odyssee“ erzählt vom Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur, vom kataklystischen Ende der Bronzezeit, der schlimmsten Katastrophe des Altertums.

Die hatte nicht nur einen Auslöser. Eric H. Cline nennt unter anderem Natur- und Klimakatastrophen wie Erdbeben, eine jahrhundertelang anhaltende Dürreperiode, die daraus folgenden Hungersnöte und internen Rebellionen – und die geheimnisvollen, brandschatzenden „Sea People“, die in ägyptischen Quellen erscheinen und bei denen es sich vermutlich schlicht um Klimaflüchtlinge handelt (und für die sich Nolan eine besondere Volte ausgedacht hat, die wir hier nicht vorwegnehmen wollen). Zusammengenommen führten diese Faktoren zum Zusammenbruch der Handelsnetzwerke und der alten Ordnungen, zum Systemkollaps.

Von links nach rechts: Anne Hathaway spielt Penelope und Tom Holland spielt Telemachos in „Die Odyssee“, geschrieben, produziert und inszeniert von Christopher Nolan.

Anne Hathaway als Penelope und Tom Holland als Odysseus’ Sohn Telemachus

Odysseus ist genau der richtige Mann für diese Multikrise. Kein überlebensgroßer Krieger, sondern ein Überlebenskünstler. Nicht nur listig, auch skrupellos. Und damit ebenso ein Mann für unsere eigene Zeitenwende. „Polytropos“ ist das altgriechische Beiwort für den König von Ithaka, das Emily Wilson mit „kompliziert“ übersetzt hat, der Goethe-Zeitgenosse Johann Heinrich Voß mit „vielgewandert“ und Karl Ferdinand Lempp, dessen sehr zugängliche Prosaübersetzung anlässlich des Nolan-Films noch einmal neu im Insel Verlag erschienen ist, mit „wendig und listenreich“.

Odysseus sucht nicht den Nachruhm, er sucht nach einem Weg zurück. Wie Guy Pearces Amnesie-Patient in „Memento“, wie Christian Bales Batman in der „Dark Knight“-Trilogie, wie Leonardo DiCaprios Traumspion in „Inception“ und Matthew McConaugheys Astronaut in „Interstellar“, wie die britischen Soldaten in „Dunkirk“. Er ist ein Nolan-Protagonist avant la lettre und „Nostos“, die Heimkehr, ist das Grundthema der „Odyssee“. Zurück nach Hause, nicht nur im Sinne der physischen, sondern auch der sozialen und inneren Heimkehr des Kriegstraumatisierten.

Nicht seine Irrfahrt, sondern die Landung in Ithaka, die vorsichtige Annäherung an seinen Sohn Telemachos (Tom Holland) und seine Frau Penelope (Anne Hathaway), die blutige Rache an den Freiern (angeführt von einem süffisant fiesen Robert Pattinson), die seinen Palast belagern, sind der emotionale und actiongeladene Höhepunkt des epischen Gedichts – und auch seiner Neuverfilmung.

Nolan fragt in seinem herrlich taktilen, bildgewaltigen, vor allem jedoch gewaltig geschauspielerten IMAX-Epos, ähnlich wie in seinem Atombomben-Drama „Oppenheimer“, nach dem individuellen und gesellschaftlichen Preis der instrumentellen Vernunft. Was, wenn die Fähigkeiten, die nötig sind, um einen Zivilisationsbruch zu überleben, diesen beschleunigen? Was, wenn die einzelnen, jeweils von der Vernunft gebotenen Entscheidungen des Odysseus eine Kausalkette bilden, die schnurstracks in den Untergang führt? 

Eine letzte Spoilerwarnung: Den Zivilisationsbruch verkörpert in Nolans Version das von Odysseus ersonnene Trojanische Pferd (das in der „Ilias“ gar nicht vorkommt und in der „Odyssee“ nur am Rande erwähnt wird). Ein Gastgeschenk, das den Beschenkten Tod und Sklaverei bringt, eine Kriegslist, die den Frieden selbst und seine göttlich verbrieften Gesetze infrage stellt.


„Die Odyssee“ läuft am 16. Juli in den deutschen Kinos an.