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Die Privatisierung des PopRenaissance des Homerecordings in der Corona-Krise

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Schönes, neues Pop-Stillleben: Lady Gaga während des „One World Together At Home“-Konzerts.

„Alles, was du machst, wird auf dem Band zu hören sein“, erklärt John Lennon seinem Sohn Sean. Und dann beginnt Sean zu zählen, „two, three, four, five“, man hört eine übersteuerte E-Gitarre, im Hintergrund die Stimme des Vierjährigen. Zwischendurch hält Lennon das Band an, es knackt. „Ich mag's laut“, kreischt Sean. „Ich auch“, sagt der Papa und weiter geht's mit dem Gitarreschrubben. Die Sequenz von 1979 tauchte mit ein paar anderen als „home recordings“ bezeichneten Stücken viele Jahre später auf der „John Lennon Anthology“ auf; sie setzten den Rückzug des Ex-Beatles aus der Öffentlichkeit und seine Familienfreuden durchaus munter in Klang.

Homerecording, das hört sich gerade auch ganz vertraut an, Duden-verdächtig auf jeden Fall, ein neues Mitglied in der frisch geborenen Sippschaft von Homeoffice und Homeschooling. Und beginnen wir nicht, uns daran zu gewöhnen, dass Künstler ihre Aufnahmen aus Wohn- und Schlafzimmern in die Welt streamen; Piano, Gitarre, Bücherregal, Couchgarnitur, Frühstücksteller, Mikrofon, ein paar Kabel.

Manchmal sieht das aus wie bei dir und mir zu Hause. Zu besichtigen war das schöne neue Pop-Stillleben auch im Charity-Konzert der Superstars, „One World Together At Home“, es trug den Lo-Fi-Sound zu Millionen von Hörern. Lady Gaga und die Rolling Stones, Taylor Swift und Pharrell Williams folgten dem Lockruf des Shutdowns. Bono gewährte im Video zur lennonesken Ballade „Let Your Love Be Known“, am heimischen Piano vorgetragen, einen verträumten Blick aus dem Musikzimmer auf den Killiney Beach bei Dublin. Die Ärzte haben der Corona-Zeit einen Stubenhocker-Song im Splitscreen-Verfahren gewidmet und reimten „zuhaus“ auf „Sendung mit der Maus“. Ein launiger Reflex auf die Unbilden einer erzwungenen Isolation.

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Ausgewachsene Nerds berufen sich in dieser Situation lieber auf den Schutzheiligen des Homerecordings, der an die 400 experimentelle Pop-Alben zuhause aufgezeichnet hat. Der Amerikaner R. Stevie Moore, bestens bewandert in Beatles-Bootlegs und deren Hintergrundgeräuschen, schrieb die inoffizielle Hymne eines Genres, das Mitte der 1980er noch keinen Namen trug. In „I Like To Stay Home“ zählt er die Vorzüge des Rückzugs ins eigene Reich sorgfältig auf: Das sei eine waffenfreie Zone, sie stifte Sicherheit und Ruhe, keiner frage ihn, was falsch laufe, er könne Gitarre spielen, wie er wolle, aber Pläne schmieden, das dürften andere.

In den frühen 2000ern beförderte der erklärte Moore-Fan Ariel Pink den Homerecording-Gedanken zu einem ästhetischen Konzept, das er zuletzt auf die Formel „Ich gegen die Welt“ brachte. Der auf einem Acht-Spur-Kassettenrekorder aufgezeichnete, klanglich jederzeit verwaschene Pink-Pop suchte ganz offensiv den Abstand: Er habe sich bewusst nicht für die Musik der anderen interessiert und wie ein Künstler einer anderen Ära klingen wollen. Pink produzierte Schepperradioimpressionen aus dem Geisterhaus der Unterhaltung, nach bestem Wissen und Gewissen daheim nachgestellt.

Scheinbar ungefilterte Intimität

Das, was R. Stevie Moore in kargen Worten als „private inside me“ in seinem Lied besingt, beschreibt einen Moment scheinbar ungefilterter Intimität, der aus der Homerecording-Situation erwächst, ein Setting, in dem das Innen sich ganz selbstständig nach außen stülpe. Man kann dieser Verwandlung in den schon zu Popularität gelangten aktuellen Aufnahmen der Mountain Goats („Songs For Pierre Chuvin“) auf die Spur kommen. Deren Sänger und Songwriter John Darnielle hatte sich nach dem Corona-bedingten Abbruch der Studio Recordings für ein neues Bandalbum in die eigenen vier Wände in North Carolina zurückgezogen und seinen uralten Ghettoblaster wiederentdeckt, mit dem er Anfang der 1990er seine ersten Kassettenaufnahmen machte.

Damals zählte Darnielle zu einer Handvoll Underground-Helden, die mit ihren Lo-Fi-Aufnahmen aus dem Wohnzimmer Distanz zum rasch kommerzialisierten Grunge-Rock suchten, 1994 hielt das Homerecording mit Becks post-nihilistischer „Loser“-Hymne kurzzeitig Einzug in die Popgeschichte.

Zehn Tage lang nahm Darnielle sich jetzt kleine Familienpausen und zeichnete jeweils einen Song mit Gitarre (oder Casio) auf, das Aufnahmegerät mit den markanten, von den Fans geliebten Schleifgeräuschen wurde zu einer Art Sofortbildkamera im Homerecording-Office. Ein Buch des französischen Historikers Pierre Chuvin, das Darnielle gerade las, stellte die Begleitmusik. Die Songs sind inspiriert von Chuvins Analyse der Spätantike und der Auslöschung der Naturreligionen und spülen im selben Moment Emotionen aus den Spiralen der Abgeschiedenheit an die Oberfläche. In „The Wooded Hills Along The Black Sea“, dem spukigsten Song des Albums, erzählt Darnielle von der Last des Exils und dass er manchmal vergisst, dass es Städte da unten gibt. Erst die – an Studio-Standards gemessene – mangelhafte Aufnahmequalität transzendiert die Romantik des Einsamseins, die Wahrheit des Pop liegt da für einen Moment brach: Echte Gefühle sind künstlich. Weit weg und doch nah: Die Mountain-Goats-Songs wirken so, wie sich viele zur Zeit der Pandemie fühlen.

Die digitale Realität

Aber bringt das Virus nicht zum Vorschein, was im Pop etwas versteckt die Norm beschreibt? Homerecording ist längst digitale Realität in den Sphären der Elektronikfrickler und Beatmaker, die ihre Laptopproduktionen selbstverständlich aus dem Bedroom generieren. Oder bei den Grime-Kids, die ihre Tracks auf der PlayStation basteln. In den Experimenten etwa von Musikern wie Ernest Greene (Washed Out), die ihre Chillwave-Sinfonien mit gerippter Software zusammenbasteln. Es geht auch mit Top-Technik und drei Nummern größer: Billie Eilish nahm ihr Welterfolgsalbum „When We All Fall Asleep, Where Do We Go“ mit ihrem Bruder Finneas in dessen Zimmer auf.

Popstar Charli XCX, Expertin für merkwürdig übersteuerte Superhits, macht das auf ihrem neuen Album „How I'm Feeling Now“ mit sich selbst und ihrem Heimcomputer, und mit den Videos von Tausenden von Fans. Einsam und doch gemeinsam, so geht der Slogan ja. Tausende, die Tausende anregen, es auch mal zu versuchen wie etwa John Lennon 1979. Exponentielle Verläufe sind zu erwarten, sagen die Experten.