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Dokumentarfilm über Anja NiedringhausSie schaute hin, wo andere wegsahen

4 min
Falludscha, Irak, 2004: Ein junger US-Marine stößt mit seiner Einheit in den westlichen Teil der Stadt vor.
Die Aufnahme ist Teil der Serie, für die Anja Niedringhaus 2005 mit dem Pulitzer-Preis für Aktuelle Fotoberichterstattung ausgezeichnet wurde

Ein junger US-Marine stößt mit seiner Einheit in den westlichen Teil der Stadt vor. Die Aufnahme ist Teil der Serie, für die Anja Niedringhaus 2005 mit dem Pulitzer-Preis für Aktuelle Fotoberichterstattung ausgezeichnet wurde

Das Erste zeigt einen Dokumentarfilm, der das Leben und den ungeklärten Tod der Fotografin Anja Niedringhaus beleuchtet.

Wer aus den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt berichtet, begibt sich in Lebensgefahr. Der Risiken ihres Berufs war sich Anja Niedringhaus stets bewusst, aber leichtsinnig war die Fotografin keinesfalls. Sie kannte sich aus, traf die nötigen Sicherheitsvorkehrungen und begab sich nie sinnlos in Gefahr. Dennoch wurde sie im April 2014 in einer entlegenen Provinz Afghanistans im Innenhof einer Polizeistation ermordet. Der Tod der vielfach ausgezeichneten Fotojournalistin sorgte weltweit für Entsetzen.

Yury (Buch) und Sonja Winterberg (Regie) haben für ihren Dokumentarfilm „Die Fotografin und der Krieg“ jahrelang über die Umstände von Niedringhaus' Ermordung recherchiert. Vor allem aber würdigt ihr bewegender Film das Leben und die Arbeit einer außergewöhnlichen Frau und Fotografin. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde und auch ihre Mutter, Schwester und Nichte kommen zu Wort und zeichnen nicht nur das Bild einer sehr mutigen, von ihren Idealen angetriebenen Frau, sondern bringen dem Publikum auch den lebensfrohen und offensichtlich sehr humorvollen Menschen jenseits des Berufs näher.

An ihr lautes, offenes Lachen erinnern sich viele der Weggefährtinnen wie rbb-Intendantin Ulrike Demmer (damals Reporterin beim „Spiegel“) oder Jutta Steinhoff (stellvertretende Chefredakteurin der dpa). „Man konnte sich Anja nicht entziehen“, sagt Demmer im Film. Und die Fotos, die ihre fast ausschließlich männlichen Kollegen von ihr in Regionen machten, in denen das Lachen selten Platz fand, zeigen genau das: eine Frau, die den Glauben an die Menschlichkeit nie verlor und die deshalb Menschlichkeit in Zeiten und an Orten größter Grausamkeit finden konnte.

Deshalb verwundert es auch nicht, dass sie die Zuschreibung „Kriegsfotografin“ nicht mochte. Soldaten mit Gewehren im Anschlag interessierten sie nur am Rande. Sie fotografierte Menschen, die in  Bosnien, im Irak und in Afghanistan versuchen, irgendwie zu überleben, und den Alltag, den es auch während des Krieges gibt. Sie zeigte junge Soldaten, die genauso hilflos und überfordert wirkten wie die Zivilisten. Niedringhaus verharmloste den Krieg nicht, bildete aber auch nicht auf reißerische Weise dessen größte Grausamkeiten ab. Ihre Fotos sind subtile, stille Anklagen.

Das Mitleid wurde im Laufe der Jahre größer

Die Produktion der Kölner Bildersturm Filmproduktion in Koproduktion mit  SWR, Deutsche Welle, HR, und in Zusammenarbeit mit ARTE lässt Niedringhaus selbst häufig zu Wort kommen und zeigt viele ihrer preisgekrönten Bilder, denen man sich beim Betrachten kaum entziehen kann – darunter etwa das Bild eines jungen US-Marines, der 2004 im Irak mit Kameraden durch Falludscha geht. Schwer bewaffnet und in Todesgefahr ist es ihm dennoch wichtig, eine männliche Barbie-Puppe in Uniform, das Maskottchen seiner Einheit, dabei zu haben. Die Aufnahme ist Teil der Serie, für die Anja Niedringhaus 2005 mit dem Pulitzer-Preis für Aktuelle Fotoberichterstattung ausgezeichnet wurde.

Das Mitleid sei im Laufe der Jahre größer geworden, sagt Niedringhaus in einem Interview. Schmerzhaft waren die Erfahrungen, die sie machen musste. „Ich habe am Anfang gedacht, dass ich mit meinen Fotos was erreichen kann“, erinnerte sie sich an ihre Erfahrungen in Sarajevo in den 1900ern. Sie musste erkennen, dass sich die Mächtigen oft nicht wachrütteln lassen wollen. Und dennoch machte sie weiter, wusste sie doch: „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“

Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen.

Anja Niedringhaus

Neben dem Porträt einer mutigen und begabten Journalistin, die sich auch als Sportfotografin einen Namen machte, ist dieser Film aber auch eine Aufarbeitung des Anschlags auf Niedringhaus und ihre kanadische Kollegin Kathy Gannon, die ebenfalls zu Wort kommt. Die Recherchen zeigen, dass der Täter keinesfalls spontan und allein handelte, sondern Verbindungen zu dem islamistischen Hardliner und Kriegsverbrecher Gulbuddin Hekmatyar, dem Führer der islamischen Hizb-e-Islami, hatte. Und auch die Rolle des Westens bei der (Nicht-)Aufklärung der Ermordung wird thematisiert. 

Wenn befreundete Kollegen sterben, sei das sehr schmerzhaft, sagte Anja Niedringhaus einmal. Und doch war sie sicher: „Keiner der nahen Freunde, die ich verloren habe, würde sagen: Hör auf damit! Keiner.“ Und so machte sie weiter und verlor ihr Leben bei der Arbeit, die sie liebte. Bei allem Schmerz ist das für ihre Freunde und Familie ein Trost. Auch das macht dieser Dokumentarfilm deutlich. 


„Anja Niedringhaus – Die Fotografin und der Krieg“ wird am 12. Januar um 23.05 Uhr im Ersten ausgestrahlt und steht anschließend für 100 Tage in der ARD-Mediathek zur Verfügung.