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Drei neue AusstellungenWarum der Kölnische Kunstverein jetzt zum Gruselkabinett wird

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Ser Serpas – „Sonderbare Tage“: Ausstellungsansicht im Kölnischen Kunstverein

Ser Serpas – „Sonderbare Tage“: Ausstellungsansicht im Kölnischen Kunstverein 

Von der Anatomie der Barockperücke bis zum berüchtigten Ledermann: Zum ersten Mal eröffnen im Kölnischen Kunstverein drei neue Ausstellungen gleichzeitig.

Gleich drei neue Ausstellungen eröffnet Valérie Knoll an diesem Donnerstagabend im Kölnischen Kunstverein – laut Direktorin eine Premiere des Hauses. Im Vorbereitungsprozess hätte sich eben eine solche Parallele ergeben, dass sie sich entschieden habe, sie alle gemeinsam zu zeigen. Ein Konzept, das den Besuchenden zwar etwas Konzentration abverlangt, am Ende aber überraschend gut aufgeht.

Dabei verwandelt Knoll den Riphahn-Bau in ein riesiges Grusel- und Kuriositätenkabinett – angefangen mit der großen Einzelausstellung „Sonderbare Tage“ von Ser Serpas im Erdgeschoss. Die US-amerikanische Künstlerin nimmt sich die berühmt-berüchtigte „Rocky Horror Show“ und das ikonische Riphahn-Haus des Kunstvereins als Inspiration für ihr Hauptwerk, eine Videoinstallation: Den großen Saal verwandelt sie zurück in eine Bibliothek. Zurück, weil dieser Raum schon einmal als solche diente, als der 50er-Jahre-Bau noch Sitz des British Councils war. Jetzt wird er gefüllt mit ausrangierten Regalen aus Kölner Bibliotheken und die wiederum mit den Katalog-Restbeständen aus dem Keller des Kölnischen Kunstvereins.

Räume von Angst statt Safe Spaes

Zwischen die Kataloge haben sich 30 alte, kollektiv fiepsende Monitore geschummelt, auf denen ein einziger Film zu sehen ist: Das Geräusch von hallenden Schritten der jungen Menschen, die im Film panisch vor etwas weglaufen, füllt den Raum. Nur, wovor eigentlich? Das verrät uns Serpas zwar nicht, aber es liegt nahe, dass die dreißigjährige Künstlerin aus Los Angeles damit vor allem das Gefühl unserer Zeit einfängt – vielleicht ganz besonders das einer jungen Generation, die mehr als genug Gründe hätte, weglaufen zu wollen, aber nun auch nicht so recht weiß, wohin. Denn statt Safe Spaces findet sie fast nur noch Räume voller Verunsicherung und diffuser Angst. Das mag einen vielleicht eher an das Gefühl der „Backrooms“ erinnern, jenes Horrorfilms des 21-jährigen Regisseurs Kane Parsons, der mit genau diesem Gefühl spielt, und in diesem Jahr die GenZ wieder massenweise vor die Leinwand lockte.

Ins Kino locken will uns dann auch Ser Serpas. In Obadiah Russons Version der Eingangssequenz der „Rocky Horror Picture Show“ mit dem Titel „I may be rocky, but my picture is stable“ (2026), die in einem Loop im Filmsaal des Kunstvereins läuft, sehen wir nicht auf die ikonischen, rot geschminkten Lippen, sondern die Welt – genauer gesagt, New York – durch die Lippen hindurch. Denn das zehnminütige Kurzvideo wurde mit einer Minikamera aus dem Mund heraus aufgenommen. Bei verschiedenen Live-Performances werden vor der Leinwand Kölner Dragqueens auftreten und den Geist des Kultfilms wieder zum Leben erwecken – was nach der Nachricht vom Tod Tim Currys in der vergangenen Woche ungeplant noch mehr an Aktualität gewinnt. Hinter einem Vorhang im Ausstellungsraum, versteckt die Künstlerin außerdem einen sogenannten Green Room – eine grün angestrichene Schauspielergarderobe voller Kostüme, Schminke und Requisiten, wobei die Wandfarbe eines solchen Raumes eine beruhigende Wirkung auf die Nerven der Darsteller haben soll. Vielleicht also doch ein Rückzugsort?

Die Bühne als verbindendes Element

Wenn die Drags sich hier nicht gerade auf ihren Auftritt vorbereiten, können wir dort jedenfalls im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Kulissen blicken. Und werden damit selbst zu Darstellenden auf der Ausstellungsbühne. Das Konzept der Bühne, die (Selbst‑)Inszenierung, ist dann auch das die drei Schauen verbindende Element, das Knoll meint. Vielleicht noch offensichtlicher ist der Bühnenbezug im zweiten Geschoss, das von den drei Schweizern Andreas Selg, Fabienne Boldt und Emanuel Rossetti in ein „Anatomical Theatre“, ein Theater ohne Theater, umfunktioniert wurde. Der Zürcher Kunsthistoriker Selg seziert hier den Bühnenapparat selbst, und nimmt das mit dem Sezieren zugleich wörtlich, indem er auf die vor allem in der Barockzeit populären öffentlichen Obduktionen in sogenannten anatomischen Theatern Bezug nimmt. Dafür reiste er mit dem Fotografen Rossetti nach Edinburgh, eine Hochburg des makabren Theaters.

Weil die Sezierschauen sich dort einer solchen Beliebtheit erfreuten, hatte man den „natürlichen“ Nachschub an Leichen bald erreicht, und ein blühender Schwarzmarkt der Toten entstand. Noch heute kann man dort die auf Friedhöfen errichteten Käfige und Wachtürme sehen, mit denen man versuchte, dem Grabraub Herr zu werden. Schwarz-Weiß-Fotografien dieser Architekturen eröffnen die Ausstellung, bevor man den Riphahnsaal betritt – Theatersaal und weiteres architektonisches Highlight des Gebäudes, der hier aber lediglich von Wandtexten Selgs und zwei an der Bühnenrückwand hell erleuchteten Bildern bestückt wird.

Skelette mit wallenden Locken

Das nicht vorhandene Theaterstück muss man sich hier schon selbst erarbeiten und im eigenen Kopf mühsam aus den vorgesetzten Einzelteilen zusammensetzen. Dabei sollte man auf keinen Fall den Gang auf das Bühnenparkett verpassen. Denn die beiden fast fluoreszierenden Abbildungen, die dort hängen – seltsame Skelette mit wallenden Locken – lassen uns erst einmal ratlos zurück. Auf die Erklärung kann man nun wirklich nicht selbst kommen. Denn es handelt sich um die Computertomografie-Aufnahmen einer Barockperücke, die Selg von einem Schweizer Arzt anfertigen ließ und die anschließend von der wissenschaftlichen Illustratorin Fabienne Boldt professionell aquarelliert wurden. Statt der Leiche in der Mitte des Rundtheaters wird hier also das liebste Accessoire des schaulustigen Publikums durchleuchtet.

Eine Barockperücke im CT

Kurioses CT-Bild: Die Entstehung von Fabienne Boldt und Andreas Selgs „The Wig, 20262026“ (2026)

Das Theatrale und Kuriose setzen sich auch im dritten und kleinsten Ausstellungsgeschoss fort. Hier gibt es allerdings ein handfestes Theaterstück, oder besser gesagt ein Buch, das in den 70er Jahren zum Theatererfolg wurde. Übrig von Peter Chatels „The Leatherman“ ist allerdings nur noch ein einziges, ikonisches Lederkostüm, entworfen 1978 von niemand geringerem als Karl Lagerfeld. Heute existiert der Ledermann vor allem als Mythos, den die Kabinettausstellung im Kölnischen Kunstverein jetzt mit einer intensiven Spurensuche zu rekonstruieren versucht – und dabei zugleich das Queere dieser irren Geschichte hervorhebt, dessen Kurzfassung ungefähr so geht: Der Ledermann, der eigentlich Hans Eppendorfer hieß, hatte in seiner Jugend auf grausame Weise eine alte Dame ermordet, begann im Gefängnis zu schreiben, um später Lederdominator auf St. Pauli zu werden und seine Geschichte dann dem Ethnografen Hubert Fichte zu erzählen, der sie in einem Buch festhielt – wiederum die Grundlage für das Theaterstück.

Nun hatte der Ledermann offenbar aber eine Menge Erfindungsgeist, und das Theater und damit auch die Ausstellung sind vor allem eine Bühne illustrer Selbstinszenierung.


„Sonderbare Tage – Ser Serpas“ und „Anatomical Theatre“ sind noch bis zum 13. Dezember und „The Leatherman“ bis zum 29. November, jeweils Di – So von 11–18 Uhr, im Kölnischen Kunstverein in der Hahnenstraße 6 zu sehen.