- „Durch die Nacht“ ist die Geschichte eines Vaters, der von der Wucht seiner Trauer über den Tod seines Sohnes aus der Bahn geworfen wird.
- Stig Sæterbakken gelingt dabei etwas Rares: Er findet Worte für Trauer, Schmerz und Wut, die niemals abgedroschen oder aufgesetzt klingen.
- Unser Buch des Monats
Es gebe ein Haus, irgendwo in der Slowakei, sagt Karls Freund Boris, da werde man mit den schlimmsten Ängsten seines Lebens konfrontiert. Wer hinein gehe, komme entweder um vieles erleichtert wieder heraus, von allem kuriert, was das Leben schwer machte. „Andere, sagte er, seien mit hässlich verzerrten Gesichtern zurückgekommen, so heftig, dass ihre Angehörigen Mühe gehabt hätten, sie zu erkennen.“ Einer sei dort über Nacht ergraut, habe kaum noch gesprochen. Ein anderer habe sich, unmittelbar nachdem er das Haus verlassen hatte, vor einen Güterzug geworfen.
Für Karl Meyer, einen Zahnarzt aus Norwegen, klingt diese abstruse Geschichte zunächst wie ein Ablenkungsmanöver. Ein Versuch, ihn zumindest für einen Augenblick dem einen Gedanken zu entreißen, der ihn quält: Ole-Jakob ist tot. Ole-Jakob war sein 18 Jahre alter Sohn. Er hat sich das Leben genommen. Und Karl wird von der Wucht seiner Trauer aus der Bahn geworfen. Auch seine Leser schont der norwegische Schriftsteller Stig Sæterbakken in seinem Roman „Durch die Nacht“ nicht. Gleich zu Beginn stürzt er sie mitten hinein in Karls Schmerz: „Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Man wird gefüllt und geleert. Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen, war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken, war das Schlimmste, was ich tun konnte.“
Mit dem Verlust des Kindes leben lernen
Doch Karl muss nicht nur mit dem Verlust des Kindes zu leben lernen. Ihn plagen Schuldgefühle. Denn der Zahnarzt im mittleren Alter hatte seine Frau Eva und die gemeinsamen Kinder Ole-Jakob und Stine für die erst 28 Jahre alte Mona verlassen. Er lernte sie auf einer Party kennen, zu der Eva ihn nicht begleitete. Und manchmal scheint es, er wolle ihr deshalb die Schuld in die Schuhe schieben, für alles, was danach geschah. Karl verliebte sich in Mona, zog aus dem gemeinsamen Haus aus. Und verlor nicht nur die Ehe, sondern auch seine Kinder. „Ich bringe die alte Fotze um“, sagt Ole-Jakob einmal schlicht. Und Karl weiß, dass er ihm nicht widersprechen kann. „Es war etwas eingetreten, dass mein ganzes Verhältnis zu ihm ausgelöscht hatte. Alles in einer Handbewegung weggewischt.“ Sein Junge verachtet ihn. Und das ändert sich auch nicht, als Karl schon wenig später erkennt, dass die Beziehung mit Mona ein Fehler war, und zu seiner Familie zurückkehrt.
Zum Autor
Stig Sæterbakken wurde 1966 in Lillehammer, Norwegen, geboren. Sein literarisches Debüt veröffentlichte er bereits im Alter von 18 Jahren mit der Gedichtsammlung „Floating Umbrellas“. 1991 erschien sein erster Roman „Incubus“. Er publizierte zahlreiche Romane, Essay- und Lyrikbände und war außerdem als Übersetzer tätig. Er gehörte zu den wichtigsten und kontroversesten Stimmen Norwegens. Am 24. Januar 2012 nahm er sich im Alter von 46 Jahren das Leben.
Eva lässt ihn wieder einziehen, aber Karl ist in einer Art Schattenwelt gefangen. Alles scheint wie früher und doch ist nichts, wie es war. Denn Ole-Jakob und Eva erinnern ihn täglich daran, dass ihre Großmütigkeit, ihn wieder in ihr Leben zu lassen, ihnen die moralische Überlegenheit sichert. Sein Sohn antwortet ihm, wenn er gefragt wird. Mehr aber auch nicht. „Es gab nichts mehr von mir zu lernen, es gab nur noch etwas, von dem er sich distanzierte. Ich taugte einzig noch als Vorbild dafür, wie er nicht werden wollte.“ Der Junge ist sehr in sich gekehrt, Eva beunruhigt das, Karl nennt das Verhalten für dieses Alter normal. Auch, um sich nicht zu fragen zu müssen, wie groß sein Anteil an dieser Wesensveränderung ist.
Im ersten Teil seines Romans schildert Stig Sæterbakken das Zerbrechen einer Familie. In vielen Rückblenden erinnert er an bessere Tage, an das Kennenlernen von Eva und Karl, an das vollkommene Glück, das Karl empfand, als sein Sohn geboren wurde. Und so kraftvoll und direkt die Sprache ist, die er für die Trauer und die Wut findet, so leise und zärtlich beschreibt er die schönen Erinnerungen. Allein, sie sind nicht von Dauer.
Im zweiten Teil wird „Durch die Nacht“ zum horrorhaften Albtraum
Als Ole-Jakob sich das Leben nimmt, zerbricht Karls Welt endgültig. Er versucht, einen Weg zu finden, damit zu leben. Aber wer soll ihm Halt geben? Eva sicher nicht. Die ist selbst im Schmerz erstarrt. Und gibt ihm die Schuld an den Ereignissen. „Was sie an Liebe in sich hatte, hatte ich ihr genommen.“ Also erinnert sich Karl irgendwann an Boris’ Geschichte von dem Haus in der Slowakei und macht sich auf den Weg. Frei nach den Bremer Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Wobei da auch eine große Todessehnsucht in Karl lauert. Denn auch das ist eine der zentralen Fragen, die „Durch die Nacht“ aufwirft. Wofür soll man kämpfen, wenn man alles verloren hat, für das sich der Kampf einst lohnte?
Im zweiten Teil wird „Durch die Nacht“ erst zu einer Art Roadmovie und dann zu irgendetwas zwischen Horrorfilm, Albtraum, Märchen und surrealistischem Gemälde. In Deutschland trifft Karl Caroline. Er erblickt sie, als sie in den Trägern einer einer Brücke herumklettert, wie er meint, kurz vor dem Sprung in den Fluss. Er will sie retten, reißt sie zurück. Es stellt sich aber heraus, dass sie lediglich fotografierte. Es ist vielleicht die einzige Stelle, die Sæterbakken etwas arg plakativ geraten ist.
In der Slowakei angekommen, wandelt sich die Geschichte dann noch einmal vollständig. Was Karl in dem Haus erlebt, soll hier nicht verraten werden, aber so viel sei versprochen: Die Erzählung entwickelt eine solche Sogkraft, dass man das Buch bis zur letzten Szene nicht mehr aus der Hand legen kann. Und verstört zurückbleibt.
Stig Sæterbakken war in Norwegen ein Star, ein literarisches Wunderkind, das schon als Jugendlicher auf sich aufmerksam machte. Karl Ove Knausgård nennt ihn einen der wichtigsten Autoren seiner Generation. Als künstlerischer Leiter des norwegischen Festivals für Literatur in Lillehammer sorgte Sæterbakken für einen Skandal, als er den Holocaust-Leugner David Irving einlud. Die Aufregung war groß, er trat von dem Posten zurück Ein zweifellos schwieriger Charakter, der unter Depressionen litt und sich im Januar 2012 das Leben nahm.
„Durch die Nacht“ erschien in Norwegen 2011 und man kann den Roman nicht lesen, ohne sich zu fragen, mit wie vielen der beschriebenen Dämonen Sæterbakken selbst kämpfen musste. „Trauer ist eine Gabe. Menschen, die nicht unglücklich sind, haben nichts, was sie erzählen können“, heißt es in dem Roman. Stig Sæterbakken hatte viel zu erzählen.
„Wir wissen nichts voneinander, dachte ich. Wir kennen einander nicht. Menschen, die am Rand eines Abgrunds stehen, kennen sich nicht“, heißt es an einer anderen Stelle. Im größten Schmerz sind wir ganz allein, auf uns selbst zurückgeworfen. Geht es um große Gefühle, fehlen vielen Menschen schon bald die passenden Worte. Allzu kitschig und schwülstig klingen Liebeserklärungen dann. Wer einen Trauernden trösten möchte, muss erkennen, dass jedes Wort eines zu viel zu sein scheint, dass Trost nicht möglich ist, weil alles banal klingt. Stig Sæterbakken gelingt in „Durch die Nacht“ etwas Rares: Er findet Worte für Trauer, Schmerz und Wut, die niemals abgedroschen oder aufgesetzt klingen. Der Schmerz, den Karl spürt – und von dem Sæterbakken wohl selbst zu oft heimgesucht wurde –, er trifft den Leser mit ganzer Kraft.
„Durch die Nacht“, so lautet der Titel des Romans auch im norwegischen Original. Und in der Tat nimmt Sæterbakken den Leser mit in die dunkelsten Stunden des Tages, in die Abgründe der Seele. Ob er allerdings durch die Nacht kommt, ob da am Ende einer neuer Morgen wartet, wie es der Titel zu versprechen scheint, ist unwahrscheinlich. Am Ende gibt es keine Erlösung.
Der Roman erscheint am 12. Juli im DuMont-Verlag
