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Ein Störenfried im ParkAnish Kapoor und die Schrecken der Gegenwart

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Besucher im Skulpturenpark Waldfrieden vor der Großskulptur. 

Wuppertal – Die meditative Ruhe ist vorbei. Ins weitläufige Areal des Skulpturenparks Waldfrieden hat sich ein Störenfried eingeschlichen, ein fleischig roter Kubus mit zwei Öffnungen, deren Funktion man nicht auf Anhieb erkennen kann. Übersehen lässt sich der Frontalangriff auf die Erwartungen an die grüne Oase nicht. Man muss einfach hinsehen und der Verwirrung freien Lauf lassen.

Auf dem Parcours dominiert die Konstruktion aus PVC und Stahl gleich ohnehin die Sichtachsen. Nur wenn man stur weitergeht, entgeht man ihrer Sogwirkung. Lässt man sich verführen, staunt man über die handwerkliche Präzision und wird mit einem Spiel aus Farbe, Form und Licht belohnt. Kein Wunder, schließlich stammt sie vom Documenta-Teilnehmer und Turner-Preisträger Anish Kapoor, der die Kunst vor Kraft strotzender Skulpturmonster so beherrscht wie kaum ein anderer.

Kapoors Plastik war vorher in Versailles zu sehen

Der 1954 in Mumbai geborene und in London und Venedig ansässige Bildhauer, dessen Mutter eine jüdische Irakerin ist und der als Jugendlicher in einen Kibbuz ging, hat seine begehbare Plastik von 2015 auf den etwas schwerfälligen Namen „Sectional Body preparing for Monadic Singularity“ getauft. Wer die dunkle Höhle betritt, wähnt sich verschluckt im Bauch einer organischen Maschine, die mit ihren Tuben und lichtdurchlässigen Hohlräumen die Verbindung zur Außenwelt aufrechterhält.

Zur Ausstellung

„Anish Kapoor: Skulpturen“ im Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal, Hirschstraße 12, bis 1. Januar 2023. Bis Oktober Di- So, 11 - 18 Uhr, ab November Fr-So 11 - 17 Uhr. 

Kaum zu glauben, dass es nicht die erste Reise ist, die der tonnenschwere Kubus angetreten hat. Bereits in seinem Entstehungsjahr war er im Garten des Schloss Versailles neben fünf weiteren Werken von Kapoor zu sehen. Während er in der weitläufigen, vom Ludwig XIV. angelegten barocken Anlage beinahe zu klein wirkte, ist ihm in Wuppertal die Aufmerksamkeit gewiss, trotz der Anwesenheit der anderen Skulpturen, die jetzt auf den 15 Hektar zum Schattendasein verurteilt sind.

Tony Cragg teilt die Bühne mit Studienfreund

Das gilt auch für die organisch anmutenden, meterhohen Wirbel des Hausherren Tony Cragg. Seit 2006 stellt der Brite neben seinen eigenen auch Arbeiten anderer Künstler aus. Mit Kapoor, den er noch vom Studium in London kennt, hat er nach jahrelanger Wartezeit einen veritablen Weltstar in seinen Kunstparkt gelockt.

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Eine Besucherin fotografiert im Skulpturenpark Waldfrieden die Großskulptur.

Spätestens seit „Marsyas“ für die Turbinenhalle der Tate Modern, „Cloud Gate“ im Millennium Park Chicago oder „Leviathan“ im Pariser Grand Palais steht Kapoors Name für die große Geste. Das verwendete Material ist dafür eher unspektakulär: Edelstahl, Wachs, PVC, Silikon, Fiberglas oder Zement, werden in Form gebracht in Zusammenarbeit mit einem eingespielten Team aus Spezialisten, die darauf achten, dass die Symbiose aus Architektur und Plastik in der richtigen Balance bleibt.

Die Erfahrung von Raum, die Kapoor auch ohne viel Aufwand zu vermitteln weiß, etwa in seinen die Umgebung spiegelnden Objekten, impliziert auch den sozialen Raum. Auf Polaritäten wie negativ und positiv, männlich und weiblich, voll und leer, konkav und konvex, glänzend und undurchsichtig, Ordnung und Unordnung trifft man immer wieder. Und es ist ihm stets ein Anliegen, zu den politischen Debatten Stellung zu nehmen, ob es um Flüchtlingsströme geht, die Zäsur der Corona-Pandemie oder gerade den russischen Angriffskrieg.

Das Grauen sichtbar gemacht

Deshalb erlebt man im Ausstellungsraum einen ganz anderen Kapoor. Auch wenn man um die Bedeutung der Farbe Rot in seinem Werk weiß, die vielen Lesarten des Blutes zwischen Leben, Gewalt und Tod, überrascht die Konsequenz, mit der er fünf seiner neuesten Arbeiten ausgewählt hat. Die im Vergleich dezente Unruhe der Außenskulptur weicht hier einer beißenden Anklage. Obwohl die aktuellen Bezüge nicht konkret werden, kommt man nicht umhin, angesichts der blutigen Laken, rot bespritzten Auffangbecken, in Wandecken herumliegenden Innereien und verstümmelten Körpern an das Geschehen in der Ukraine zu denken.

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Assoziationen zu Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater bleiben ebenfalls nicht aus, nur dass der österreichische Aktionist im echten Tierblut watete, während Kapoor es bei einer Simulation aus Silikon, Wachs und Pigment belässt. Das Fortissimo verfehlt nicht seine Wirkung: Draußen die Friedfertigkeit der Bäume, drinnen in der transparenten Halle das brutale Wüten eines unsichtbaren Aggressors. Das trügerische Gleichgewicht ist längst gestört, die Welt ein Pulverfass.