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Eklat um BuchpreisBischöfe verweigern Ehrung wegen Transgender-Inhalten

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Bücher entführen in fremde Welten. (Symbolbild)

Köln – Immerhin 15 Titel umfasst die Empfehlungsliste des „Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises“ 2021. Die mit ausgewiesenen Fachleuten besetzte Jury findet lobende Worte etwa für das Bilderbuch-Gespann Micha Friemel (Text) und Jacky Gleich (Illustrationen), für Romane über den Holocaust, die Umweltzerstörung und – natürlich – für die jüngsten Variationen des uralten Themas Erwachsenwerden. Doch einen Träger des renommierten Preises selbst sucht man vergebens. Warum nur?

Sollte die Jury unter den 175 Einsendungen von 61 Verlagen oder gar aus ihrer 15er-Shortlist nicht den einen, herausragenden Titel gefunden haben? Sollte die Qual der Wahl zu groß gewesen sein? Gab es keine Einigung? „Im Jahr 2021 wird kein Preisbuch gekürt“, heißt es dazu lapidar in einer Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz.

Die Formulierung im Passiv ist verräterisch. Denn auch wenn aus der Jury öffentlich kein Sterbenswörtchen verlautet, ist die Nachricht dennoch diffundiert: Die zehnköpfige Jury unter Vorsitz des Trierer Weihbischofs Robert Brahm hatte sich nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ sehr wohl für einen Favoriten entschieden – und wollte ihn auch prämiert wissen. Doch dann tagte der Ständige Rat der Bischöfe. Die Oberhirten der 27 Bistümer fällen laut Statut die Entscheidung, welches Buch den Preis erhält, „endgültig“ und unter Ausschluss des Rechtswegs.

Mischung aus Tage- und Skizzenbuch

Einige der geistlichen Herren stießen sich am Votum der Jury für Elisabeth Steinkellners Buch „Papierklavier“. In einer Mischung aus Tage- und Skizzenbuch, kongenial illustriert von Anna Gusella, hat die Autorin im Tonfall einer Jugendlichen aufgeschrieben, was der 16 Jahre alten Maia in ihrem Alltag widerfährt und durch den Kopf geht.

Maia lebt mit ihrer allein erziehenden Mutter und zwei Schwestern in einer zu kleinen Wohnung. Die Väter (drei verschiedene) haben sich aus dem Staub gemacht. Maia versucht, mit Problemen wie Übergewicht und auch sonst mit ihrem Leben klarzukommen, ihr kleines Glück zu finden. Als Schicksalsschlag trifft sie und ihre Schwestern der plötzliche Tod von Oma Sieglinde.

Gegen das Einsortieren in Schubladen

So weit, so altersüblich und so lebensnah. Aber nicht für katholische Bischöfe. Dass Maia in „Papierklavier“ auch über ihre Transgender-Bekanntschaft Carla/Engelbert schreibt, die/der locker von Party-Sex erzählt und Sätze fallen lässt wie „Ich bin ja nicht einmal der und einmal die, sondern immer ich“ und sich gegen das Einsortieren ins traditionelle Frau/Mann-Schema wehrt, das war offenbar zu viel.

Ob die Bischöfe sich wohl von Carla/Engelberts Bemerkung getroffen fühlten? „Solange die nicht wissen, ob du Mann oder Frau bist, können die nicht mal normal mit dir reden… Manche denken nur in zwei Kategorien: Daumen rauf oder Daumen runter, hot or not, Mann oder Frau, richtig oder falsch, schwarz oder weiß. Ich aber mag die Dazwischens, die vielen Nuancen, Details und Widersprüchlichkeiten, die dem Leben erst seine Würze verleihen.“

Bischöfe verlangen religiöse Dimension

Bischöfe dagegen haben für das Leben Kategorien, und für die Kategorien haben sie Statuten (hier lesen Sie mehr). Da heißt es dann, der katholische Kinder- und Jugendbuchpreis werde „für Arbeiten verliehen, die beispielhaft und altersgemäß christliche Lebenshaltungen verdeutlichen“. Dabei müsse „die transzendente und damit religiöse Dimension erkennbar sein“.

Toleranz für Transgender? Nix da mit christlicher Lebenshaltung und religiöser Dimension! Also auch kein Preis für „Papierklavier“. Das Buch, das die Jury sich vom Verlag Beltz&Gelberg eigens zur Begutachtung schicken ließ, erscheint jetzt noch nicht einmal mehr auf der Empfehlungsliste. Auf einen Ersatzpreisträger aber wollten sich die Juroren – unter ihnen die Religionspädagogik-Professoren Norbert Brieden und Markus Tomberg, die Journalistin und Übersetzerin Anna Winkler-Benders und die Buchhändlerin Susanne Kriesmer als Vertreterin des Katholischen Medienverbands (KM.) – dem Vernehmen nach nicht einlassen.

Solidargemeinschaft der Schweigenden

Eine Frage der Ehre, steht zu vermuten. Man übe sich nun, sagt ein Insider, in der „Solidargemeinschaft der Schweigenden“. Auf Anfrage verwies der Jury-Vorsitzende, Weihbischof Brahm, auf die Bischofskonferenz. Deren Sprecher Matthias Kopp sagte, zu Jury-internen Vorgängen gebe es grundsätzlich keine Auskunft. Die Preisverleihung 2021 fällt jedenfalls aus. Und das eben nicht nur, wie die Bischofskonferenz behauptete, coronabedingt.

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Steinkellner, Gusella und der Verlag können sich trösten. Außerhalb des katholischen Kosmos wird „Papierklavier“ gebührend gefeiert. Die Besprechungen überschlagen sich vor Begeisterung. „Eines der besten Bücher des Jahres 2020“, schreibt Ulf Cronenberg auf „jugendbuchtipps.de“ (hier lesen Sie mehr). Es gebe sie nicht oft, die Bücher, an denen der Rezensent absolut nichts auszusetzen habe. „Aber Papierklavier gehört dazu. Bei diesem Buch stimmt einfach alles auf jeder Seite.“ Und auch Auszeichnungen gab es dafür zuhauf. Dass die katholische nicht dabei ist, fällt nicht auf „Papierklavier“ zurück.

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