Erster Auftritt von Kay VogesKölns kommender Intendant beschwört Theaterwunder herauf

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Schauspieler des Berliner Ensembles tragen auf der Bühne Kellner-Kleidung und präsentieren Bilder der Teilnehmer an der geheimen Rechtsextremen-Konferenz in Potsdam

Szene aus „Geheimplan gegen Deutschland“, das Stück zu den Correctiv-Recherchen wurde jetzt in Köln ausgezeichnet

In Köln wurde der Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis für das Correctiv-Stück „Geheimplan gegen Deutschland“ verliehen.

„Wie machen wir gegenwärtiges, relevantes Theater?“, das sei die Frage, sagte Kay Voges am Freitag im Carlsgarten des Depots, die ihn seit 25 Jahren umtreibe und die er sich auch für Köln stelle. Voges, derzeit Intendant des Volkstheaters in Wien, wird zur Spielzeit 2025/26 die Leitung des Kölner Schauspiel übernehmen. Jetzt absolvierte der Regisseur anlässlich der Verleihung des Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreises seinen ersten öffentlichen Auftritt in Köln.

Zu den Preisträgern der mit 15 000 Euro dotierten Auszeichnung gehören Juli Zeh und René Pollesch. In seinem 15. Jahr ging der Preis nun an das Autorenduo Lolita Lax und Jean Peters für ihr schnell und konspirativ entstandenes Stück „Geheimplan gegen Deutschland“, der theatralen Umsetzung der Enthüllungen des Recherchenetzwerkes Correctiv über das von rechtsextremen Aktivisten organisierte Treffen im Potsdamer Landhaus Adlon. Hier wurde der „Masterplan“ zur „Remigration“, sprich: zur Deportation und Vertreibung von Millionen Menschen ausländischer Herkunft besprochen.

Die Correctiv-Recherchen zu einem Rechtsextremen-Treffen lösten Massendemos gegen Nazis aus

Die Correctiv-Recherchen hatten in Deutschland eine Welle der Empörung ausgelöst, Hunderttausende gingen vergangenen Januar auf die Straße, um gegen die offengelegten neonazistischen Umtriebe und gegen die AfD zu demonstrieren.

Im Carlsgarten erzählte Voges, wie er bereits vor zehn Jahren seine erste gemeinsame Arbeit mit Correctiv gemacht hat. Wie er mit Lolita Lax (die aus Personenschutzgründen unter Pseudonym arbeitetet und auch in Köln nur per Handy beglückwünscht werden konnte) nächtelang debattiert, mit Jean Peters, dem Mitgründer des Peng-Kollektivs, „mehr als Pferde gestohlen“ habe. Und wie dieses langjährige Vertrauensverhältnis schließlich dazu geführt habe, dass er sich sofort bereit erklärt habe, einen Text auf die Bühne zu bringen, von dem er nur einige in einem Hinterzimmer geraunte Stichworte kannte.

Wie Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles und dessen Ensemble, ebenso viel Mut zur Lücke bewiesen, als Voges sie bat, den unbekannten Text auf der großen Bühne des Hauses am Schiffbauerdamm inszenieren zu können. Wie das Theaterportal Nachtkritik sich bereit erklärte, die mit Spannung erwartete szenische Lesung zu streamen, wie der Deutsche Bühnenverein und mehr als 40 Theater und Kulturinstitutionen Public Viewings organisierten, wie ZDF, 3sat und RBB die Aufzeichnung in ihre Mediathek aufnahmen – und wie zwischen allen Beteiligten weder Geld, Gagen oder Honorare floss, noch Urheberrechte in Anspruch genommen wurden. Das sei für ihn, so der Regisseur, ein kleines Theaterwunder gewesen, „little utopia“.   Mehr als eine Million Menschen haben laut Voges den Stream des Stückes bislang abgerufen, eine Breitenwirkung, wie sie Bühnen sonst selten erleben.

In seiner Dankesrede verglich Jean Peters die Kategorien, die sowohl im Theater als auch im Journalismus darüber entscheiden, ob eine Geschichte erzählt werde oder nicht. „Sie heißen Deutschlandbezug und Fallhöhe, die beiden Dämonen unserer Informationslogik.“   Diese Logik habe allerdings einen großen Haken, denn sie sei die Logik der Populisten, der Postfaktiker, der Faschisten. „Wie können wir es schaffen, Geschichten zu erzählen, die unserem normativen Bezugsrahmen sprengen, wie können wir postnationalistische Geschichten erzählen? Eine Antwort darauf haben wir versucht mit diesem Stück, indem wir Allianzen zwischen Journalismus und Theater schaffen, zwischen Aktivismus und Kunst, zwischen Zivilgesellschaft und Bühne.“ Dank der digitalen Transformation des Journalismus werde man „mit Schlagzeilen vollgehagelt“ und könne kaum noch entscheiden, wohin man seine Aufmerksamkeit lenken wolle. Das Theater aber hätte den langen Atem, der über die Clickbait-Schlagzeile hinausgeht.

In seiner glänzenden Laudatio spannte Jury-Mitglied Till Briegleb einen weiten Bogen von Dürers Holzschnitt eines Rhinozeros, das, als Erstes seit römischen Zeiten in Europa zu sehendes lebendes Exemplar seiner Art, das Zeitalter der Globalisierung eingeläutet habe, zu den Reinheitsfantasien der extremen Rechten, „Demokratieverächter, die sich als Repräsentanten des Volkswillens wähnen“. Die verstünden nicht, dass Nationenbildung nichts mit Genetik zu hätte, sondern mit der Aneignung fremder Territorien durch Gewalt, verbunden mit der zwangsweisen Verpflichtung fremder Völker zu schlecht bezahlter Arbeitsleistung. „Das Deutsche im Genom ist noch nicht gefunden worden.“

Ihr Preisgeld spendeten Jean Peters und Lolita Lax an den Verein Stabiler Rücken, der sich für eine diversere Theater- und Filmlandschaft im deutschsprachigen Raum einsetzt, an das Medienprojekt Recherche Nord, das Neonazi-Aktivitäten dokumentiert, und auch an das Recherchenetzwerk Correctiv.

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