ESC droht mit DisqualifikationIsraels Eurovision-Song „October Rain“ hat jetzt einen neuen Titel

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Eden Golan, Israel, Eurovision

Eden Golan soll für Israel beim Eurovision Song Contest 2024 in Malmö

Was zu politisch für den Eurovision Song Contest ist und was nicht, davon hat die Europäische Rundfunkunion ganz eigene Vorstellungen.

Es gehört zu den unschuldigeren Freuden des Eurovision Song Contest, die Lyrics der eingereichten Lieder auf schräge Sprachbilder hin abzuklopfen. Nicht-Muttersprachler bemühen sich, unverbindlich und authentisch zugleich zu klingen: das geht oft buchstäblich in die Binsen.

Auch „October Rain“, der von der 20-jährigen Eden Golan aus Tel Aviv gesungene israelische Beitrag zum ESC 2024, ist vollgepfropft mit klischeebeladenen Wendungen, die nicht so recht zueinander passen wollen: Von „boys don't cry“ über „dancing in the storm“ zu „living in a fantasy“ klingt das alles ein wenig, wie vom Chatbot gedichtet und von Google übersetzt. Aber wohl kaum beanstandenswert, sondern eher so harmlos wie einst die „Blume am Winterbeginn“ und die „Schreie der Vögel im Wind“ in Nicoles Siegertitel „Ein bisschen Frieden“.

EBU droht Israel mit Disqualifikation

Möchte man meinen. Doch die Europäischen Rundfunkunion EBU, die seit 1956 den ESC veranstaltet, hatte den Text von „October Rain“ als „zu politisch“ bemängelt und mit einer möglichen Disqualifizierung gedroht. Und der israelische öffentlich-rechtliche Sender Kan, dessen ESC-Vorentscheid Eden Golan für sich entscheiden konnte, hat sich nun bereit erklärt, die Lyrics sowohl von „October Rain“ als auch des zweitplatzierten Liedes „Dance Forever“ zu überarbeiten. Man habe sich mit den Textern der beiden Songs in Verbindung gesetzt, so der Sender, „und sie gebeten, die Texte unter Wahrung ihrer künstlerischen Freiheit neu zu schreiben“.

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Kreative auf Linie zu bringen, dies jedoch „unter Wahrung ihrer künstlerischen Freiheit“, das entbehrt nicht einer grimmigen Komik.

Wenige Tage zuvor hatte man bei Kan noch getönt, die Texte auf keinen Fall ändern zu wollen, doch dann hatte sich Staatspräsident Jitzchak Herzog persönlich eingeschaltet und „notwendige Anpassungen“ gefordert, um die Teilnahme Israels am ESC sicherzustellen. „Gerade in einer Zeit, in der diejenigen, die uns hassen, versuchen, den Staat Israel zu unterdrücken und zu boykottieren“, sagte Herzog, „muss Israel seine Stimme laut und deutlich in jedem Weltforum erheben.“

Israels Staatspräsident Jitzchak Herzog fordert „Anpassungen“ beim Text von „October Rain“

Was ebenfalls ein wenig hochgegriffen klingt für einen Schlagerwettbewerb, der sich seines dezidiert unpolitischen Charakters rühmt und einen Song, der Glückskeks-Weisheiten wie „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ im Angebot hat. Oder handelt es sich beim ESC eben doch um eine Angelegenheit von staatstragender Bedeutung, auch wenn EBU-Generaldirektor Noel Curran beteuert, es sei kein Wettbewerb zwischen Regierungen? Und hat seine Rundfunkunion die zwischen den Klischees versteckten Botschaften von „October Rain“ erfolgreich entschlüsselt?

Dass der Regen nicht aus Wasser, sondern aus Blut besteht und der Titel auf den Terrorangriff der Hamas anspielt, ist ziemlich offensichtlich, geschenkt. Laut der israelischen Zeitung „Israel Hayom“ hat das Stück inzwischen einen neuen Titel bekommen, nämlich „Hurricane“.

Auch dass der Eingangs-Appell „Writers of the history/ Stand with me“ (mit seinem seltsam ungelenken Artikel) eine Aufforderung darstellt, sich der israelischen Sicht des Konflikts anzuschließen, kann man absolut so verstehen. Aber dass die erwähnten Blumen als Codewort der israelischen Streitkräfte für gefallene Kameraden zu lesen seien – wie ebenfalls von „Israel Hayom“ behauptet – dazu braucht es schon ein gerüttelt Maß an interpretatorischer Fantasie.

Erinnert sich noch jemand an den Skandal um „We Don't Wanna Put In“?

Man erinnere sich zum Vergleich an den Titel des von der EBU abgelehnten georgischen Beitrags zum ESC in Moskau 2009: „We Don't Wanna Put In“. Dem konnte man seine politische Botschaft so kurz nach dem Kaukasuskrieg nun wirklich nicht absprechen. Andererseits erlaubte die Rundfunkunion fünf Jahre später Jamalas Song „1944“, der prompt in Stockholm gewann. Darin sang die Ukrainerin von ihren Urgroßeltern. Die waren Krimtataren, die Stalin nach der Rückeroberung der Halbinsel nach Zentralasien deportieren ließ. Den augenfälligen Bezug zu Putins Annexion der Krim im Jahr 2014 bekräftigte Jamala in Interviews. Die EBU vermochte dennoch nichts Politisches in dem Lied zu entdecken.

Haben sich die Kriterien in den vergangenen acht Jahren verschärft, oder wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Etwa als Reaktion auf etliche Boykott-Forderungen, unter anderem aus dem diesjährigen Gastgeberland Schweden, wo mehr als 1000 Kunstschaffende wegen „schwerer Kriegsverbrechen“ der israelischen Armee die Ausladung Israels verlangten? Die renommierte israelische Zeitung „Haaretz“ empfahl dem Sender Kan jetzt in einem Kommentar, sich in diesem Jahr freiwillig vom Song Contest zurückzuziehen, „als optimales Krisenmanagement“, weil der Wettbewerb sonst zu einem „unkontrollierbaren antiisraelischen Spektakel“ auszuarten drohe.

Als der ESC 2019 in Tel Aviv stattfand, sorgte die isländische Industrial-Band Hatari für einen Eklat, als ihre Mitglieder während der Punktevergabe Transparente mit der palästinensischen Flagge in die Kamera hielten. Ihr Song mit dem Refrain „Der Hass wird siegen, die Liebe wird sterben“ landete auf dem zehnten Platz.

Will sagen, Israel musste schon vieles schlucken in diesem ach so unpolitischen Wettbewerb. An die mordenden Mongolenhorden („Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land“), die Ralph Siegels deutsche Disco-Truppe Dschingis Khan 1979 – als der ESC zum ersten Mal in Israel stattfand – im Jerusalem Convention Center hoch feiern ließ, wollen wir gar nicht denken.

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