Gregory Bovino, quasi-offizielles Gesicht von Trumps ICE-Schergen, posiert im Militärmantel. Und erinnert an eine aktuelle Filmfigur.
Faschismus in den USADer Mann im Nazi-Mantel, eine Bildbetrachtung


Grenzchef Gregory Bovino beobachtet eine Protestaktion in Minneapolis.
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Das Bild des Fotografen Dave Decker zeigt Gregory Bovino, einen Kommandanten der United States Border Patrol, der seit 2025 Razzien in amerikanischen Großstädten befehligt, eingerahmt von Beamten der Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement). Die Männer beobachten eine Demonstration vor dem Whipple-Gebäude in der Nähe von Minneapolis, das von ICE als Stützpunkt für die „Operation Metro Surge“ genutzt wird – laut Heimatschutzministerium die größte Einwanderungskontrolloperation, die je in den USA durchgeführt wurde.
Die Fotografie datiert vom 15. Januar dieses Jahres. Eine Woche zuvor ist Renée Good, eine 37-jährige Autorin und dreifache Mutter, von einem ICE-Beamten am Steuer ihres Wagens erschossen worden. „Hut ab“, kommentierte Bovino die Tat des Schützen. Neun Tage später wird Alex Pretti, ein 37-jähriger Krankenpfleger, mit zehn Schüssen von ICE-Beamten getötet. Pretti wollte maximalen Schaden anrichten und Strafverfolgungsbeamte massakrieren, befand Bovino vor der Presse. Zeugen des Vorfalls schilderten dagegen, wie Pretti einer Frau hatte aufhelfen wollen, die von den Bundespolizisten zu Boden gestoßen worden war. Video aufnahmen belegen das. Beide, Renée Good wie Alex Pretti, waren unbescholtene Bürger der Vereinigten Staaten.
Sturmhauben verbreiten Frucht und Schrecken im Land
Die Sturmhauben, Tücher oder Schals, mit denen sich die ICE-Beamten einerseits vor den Blicken der Öffentlichkeit verstecken, die sie aber zugleich wie eine Art von Uniformierung einsetzen, hatten ihnen schon vor den Ereignissen in Minnesota den Vorwurf eingebracht, als Trumps faschistischer Schlägertrupp Furcht und Schrecken in den demokratisch regierten Teilen des Landes zu verbreiten.
Gregory Bovino, graue Haare im Stoppelschnitt, die Schläfen ausrasiert, zeigt sich als einziger der Gruppe unvermummt. Er hat sich in den vergangenen Wochen als das quasi-offizielle Gesicht von ICE etabliert. Während seine Männer Bomberjacken und Einsatzwesten tragen, hat sich Bovino einen doppelreihigen, knielangen Gehrock in Armeegrün übergeworfen, mit breitem Revers und Schulterklappen, mit goldenen Metallknöpfen und aufgenähten Abzeichen seiner Einheit an den Ärmeln.
Darunter ist über dem schwarzen Hemd ein so genannter Sam-Browne-Gürtel zu erkennen. Er wird von einem Riemen gehalten, der diagonal über die rechte Schulter führt, benannt nach einem britischen Offizier des 19. Jahrhunderts. Der Gürtel wurde unter anderem von amerikanischen Soldaten im Ersten Weltkrieg getragen, bevor er von den Nationalsozialisten für die Uniformen der SS kopiert wurde. Auch Adolf Hitler trug ihn gerne zu offiziellen Anlässen.

Die ganze Aufnahme von Gregory Bovino und seinen ICE-Schergen.
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Aber eigentlich reicht der Militärmantel völlig aus, um beim Betrachtenden eine starke Abwehrreaktion auszulösen. Man denkt – das mag die freundlichst mögliche Assoziation sein – an Curd Jürgens in „Des Teufels General“, man denkt an einen Wehrmachtsgeneral der Hitler-Armee. Oder direkt an die Actionfilm-Ausgabe eines SS-Schergen. Denn selbstredend spielt der Kontext eine Rolle. Auf einem Laufsteg etwa würde man den gleichen Mantel höchstens mit einer hochgezogenen Augenbraue kommentieren. An der Spitze eines maskierten Mobs, der People of Color gegen Wände oder zu Boden drückt, bleibt nur wenig Interpretationsspielraum.
Bovino hat den gleichen Gehrock bereits bei ICE-Einsätzen in Los Angeles und in Chicago getragen. Er posierte damit in einem Imagefilm des Ministerium für Innere Sicherheit. Untertitel: „Wir lassen uns nicht aufhalten.“ Er verkörperte, mit sichtlichem Genuss, eben jenen Archetypen, den der deutsche Privatgelehrte Klaus Theweleit in seinem Klassiker „Männerphantasien“ als „soldatischen Mann“ bezeichnet hat. Jenen gestörten, durch Zucht zerstörten und Drill gestählten „Fragmentkörper“, dessen gehemmte Gefühlswelt zu einer übersteigerten Angst vor der Ich-Auflösung führt.
Zerbrechliche Männlichkeit, nur von Gürteln zusammengehalten
Eine Männlichkeit, so zerbrechlich, dass sie nur von schweren Mänteln, leuchtenden Abzeichen und Sam-Browne-Gürteln zusammengehalten wird. Eine Männlichkeit, die sich alles Weiche, Leidenschaftliche und Lebendige unterjochen muss, eine Körpererfahrung, die sich im ideologisch unterfütterten Mord kanalisieren ließ. Es waren solche emotional amputieren Männer, argumentierte Theweleit Ende der 1970er Jahre, die dem Nationalsozialismus den Weg bereitet haben.
Die Geschichte wiederholt sich bekanntlich als Farce. Sean Penn hat in Paul Thomas Andersons absurdem Actionthriller „One Battle After Another“ die Karikatur eines solchen soldatischen Mannes gespielt. Sein Col. Steven J. Lockjaw jagt, genau wie Gregory Bovino, im Auftrag der US-Regierung Migranten ohne Papiere. Zudem bemüht er sich – rührend, muss man sagen – um die Aufnahme in eine geheime rassistische Elite-Organisation. Penn spielt ihn als eine Art lebenden Krampfzustand, mit versteiftem Gang und – wie der Nachname verrät – zusammengepresstem Kiefer. Gerade wurde er für seine Darstellung mit einer Oscar-Nominierung belohnt.
Wird eine solche farcenhafte Figur wieder Wirklichkeit ist freilich Schluss mit lustig. Dann sterben Menschen und Demokratien. Es wird kaum so sein, dass Bovino unbewusst auf die gleichen Strategien verfallen ist, wie SS-Männer, die in den Kadettenanstalten des Kaiserreichs aufgewachsen waren. Vielmehr betreibt der Grenzschützer sein Nazi-Cosplay ganz bewusst als Kampfansage an die Liberalen seines Landes und als Einschüchterungstaktik: Schaut, was hier plötzlich geht! Und wohl auch aus aufrichtiger Bewunderung der zitierten Organisationen.

