Frankfurt/M. – Die Treppe scheint kein Ende zu nehmen. Wer an ihrem Fuß steht, glaubt eine Himmelsleiter vor sich zu haben – eine Flucht ins Unendliche. Der Eindruck täuscht: Wenn oben aus einem der drei Stockwerke mal ein Besucher heraustritt, um die Ebene zu wechseln, wird man gewahr, Opfer eines raffinierten Betrugs geworden zu sein: Tatsächlich verjüngt sich die Treppenbreite nach oben hin konisch, die flankierenden Leuchtelemente werden immer kleiner – als solche, nicht nur in der Wahrnehmungsperspektive. Der Eindruck der Unendlichkeit, der entgrenzten Ferne ist mit den Mitteln der Illusionsarchitektur auf künstlichste Weise hergestellt.
Hat das was mit der Romantik zu tun, mit jener geistesgeschichtlichen Epoche, der sich das Haus mit besagter Himmelsleiter widmet? Ja, ganz offensichtlich. Die Struktur des „Als ob“, aber auch der Wille, die Illusion zu durchbrechen und die Daseinsbedingungen des Kunstwerks im und als Kunstwerk selbst ironisch zu reflektieren – beides gehört ganz wesentlich zu der Zeit, die seit September vergangenen Jahres, nach zehnjähriger Konzeptionsarbeit und Bautätigkeit, am Großen Hirschgraben in der Frankfurter City ein eigenes Domizil hat: im Deutschen Romantik-Museum. Es ist, wie Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin der Trägerinstitution Freies Deutsches Hochstift, dem Besucher aus Köln bedeutet, das „weltweit erste Museum, das sich der Epoche der deutschsprachigen Romantik als Ganzes widmet“.
„Großer Hirschgraben“ – die Adresse lässt aufhorchen. Tatsächlich wurde der neue Bau gleich neben dem Goethehaus errichtet. Während dieses nach der Zerstörung im Krieg historisierend wiedererrichtet wurde, setzt der Anbau entschieden auf Moderne – nicht ohne allerdings mit seinen drei Fassaden, seiner „Befensterung“ wie auch dem zitathaft anmutenden blauverglasten Erker zugleich den Dialog mit dem Goethehaus aufzunehmen.

Die spektakuläre "Himmelstreppe" im Museum
Copyright: Freies Deutsches Hochstift
Das setzt sich im Inneren fort: Das Foyer, zugleich der Zugang zum Goethe-Haus, wird nach der einen Seite hin durch dessen wuchtige Brandmauer begrenzt. Institutionell überwölbt beide Häuser eh die nämliche Institution, das Hochstift eben, das auch den Grund dafür liefert, dass das neue Museum in Frankfurt steht: Es beherbergt die größte deutsch-romantische Handschriftensammlung überhaupt, dazu zahlreiche Erstdrucke. Die Tatsache, dass Clemens und Bettina Brentano aus einer Frankfurter Familie stammen, war da nur eine Beigabe.
Konzeptionell ist das neue Museum eh darauf erpicht, weniger Goethes Gegnerschaft zur Romantik herauszustellen (die in der sattbekannten Kontrastierung des Klassisch-Gesunden und des Romantisch-Kranken zum Ausdruck kommt), als vielmehr seinen intensiven und produktiven, wenn auch nicht spannungsfreien Austausch mit ihr. Den Romantikern wiederum galt der „Wilhelm Meister“ als romantischer Roman par excellence und im europäischen Ausland Goethe sowieso als Leuchtturm des „German Romanticism“. Das wird gebührend betont.
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Wie auch immer: Das Frankfurter Büro Mäckler formulierte mit seiner markanten Kontrastarchitektur ein Bekenntnis zur Modernität und Aktualität auch der Romantik, die Bohnenkamp-Renken gleichfalls herausstellt: „Diese Epoche hat viel mit uns heute zu tun. Da ist zum Beispiel dieses universale Krisenbewusstsein, dieses Gefühl einer Zeitbeschleunigung. Und die Kunst wird das zentrale Bewältigungsmedium, tritt an die Stelle der Religion.“
Aber Handschriften als Grundstock und Fokus eines Museums auf der Höhe der Zeit? Das törnt auf Anhieb ab – Handschriften sind etwas für Philologen, aber kaum für ein breites interessiertes Publikum. Der Gefahr einer archivalisch-additiven, in ihrer Überfülle langweilenden Versammlung von Exponaten entgeht das Museum allerdings auf glückliche Weise. Auf zwei Stockwerken (ein weiteres wartet mit einer Gemäldegalerie zu Goethes Leben auf) durchwandelt der Besucher einen Parcours von insgesamt 35 chronologisch angeordneten Stationen, die von den 90er Jahren des 18. bis in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts reichen. „Kein systematischer Kursus“, sagt Bohnenkamp-Renken, „sondern „die Einladung zu einer Entdeckungsreise“.

Die Romantik als Spiegelkabinett - Blick in die Dauerausstellung
Copyright: Freies Deutsches Hochstift
Jeweiliger Ausgangspunkt ist in der Tat ein markantes Schriftdokument – am Beginn etwa ein Brief Wackenroders an Tiecks Schwester von einer Harzreise im Jahre 1794, in dem sich ein neuartiges Naturgefühl artikuliert und der Begriff „romantisch“ erstmals nicht in einer pejorativen, sondern positiven Bedeutung erscheint. Der Besucher kann ihn in einer Spezialvitrine besichtigen (und in Transkription lesen), wegen der zu gewärtigenden Lichtschädigung sind solche Dokumente üblicherweise öffentlich nicht zugänglich.
Der Clou der Ausstellungsidee: Der Brief wird gezielt „kontextualisiert“, in die Biografie der Beteiligten – Wackenroder und Tieck – integriert, auch in die Zeitgeschichte. Eine Wand ist mit Schlüsselwörtern bedeckt, die ein Computer in Zusammenhang mit dem Begriff „Romantik“ ausgeworfen hat. Nebenan geht es um Tiecks Neologismus „Waldeinsamkeit“ – Anlass genug, die romantische Zweideutigkeit der Natur zwischen Idylle und Horror darzustellen.
All das geschieht auf der Höhe avancierter Museumspädagogik: Manuskripte, Graphik, Gemälde und Gebrauchsgegenstände sind in eine multimediale – im romantischen Sinn synästhetische – Umsetzung von Ideen, Werken und Personenkonstellationen integriert. Damit greift die Ausstellung eine Epocheneigenschaft der Romantik selbst auf, die eben nicht nur eine der Literatur, sondern auch der Musik (in Frankfurt vor allem: Schumann) und der Malerei (in Frankfurt sind herrliche und teils sehr bekannte Bilder von C.D. Friedrich und Carl Gustav Carus zu sehen).
Schließlich weist das Konzept einen hohen Anteil an Interaktivität auf – tatsächlich hat der Besucher immer wieder Gelegenheit, selbst etwas zu tun: sich als Übersetzer zu versuchen oder auf einem Touchscreen die Beziehungen zwischen Orten, Zeiten und Repräsentanten der Romantik in Gestalt eines selbstgewählten Menüs vor Augen zu führen.Deutlich wird allemal: Die Romantik ist aus heutiger Sicht ein verwirrendes Spiegelkabinett – das Spiegelmotiv setzt die Ausstellung selbst performativ um –, in dem es kaum etwas gibt, von dem nicht auch das Gegenteil richtig wäre. Man glaubt Friedrich Schlegel aufs Wort, wenn er schreibt, er könne gar nicht sagen, was „Romantik“ bedeute, dazu bräuchte er „125 Bogen“.
Die Romantik als mystisch raunende Naturfeier, als Sieg des Poetischen über eine gemeine Wirklichkeit? Ja, das auch, aber sie ist zugleich – die Schau zeigt es am Beispiel des Elektrizitätsforschers Johann Wilhelm Ritter – die Geburtsstunde der modernen empirischen Naturwissenschaft. Und E.T.A. Hoffmann schwärmt nicht „romantisch“ über Beethovens fünfte Sinfonie, sondern unterzieht sie einer genauen musikwissenschaftlichen Analyse.
Der Erzromantiker Eichendorff schließlich muss lange und verquält werkeln, bis schließlich das scheinbar natürliche Wunder seines Vierzeilers „Schläft ein Lied in allen Dingen“ dasteht. Überhaupt: Gerade wenn die Romantik naive „Naturpoesie“ präsentieren will, steht ein Höchstmaß an künstlerischer Formkraft und Bewusstheit dahinter.
Die Romantik fixiert sich aufs deutsche Mittelalter, hasst in der Zeit der Befreiungskriege nationalistisch die Franzosen, ergeht sich, aus der Feder von Brentano und Arnim, in üblen Antisemitismen? Ja, das auch, es gibt da wenig zu beschönigen – und die Ausstellung tut es auch nicht. Aber zugleich ist in der Neigung zum Gedankenblitz, zur funkelnden Pointe das Erbe der Aufklärung unübersehbar – Heinrich Heine, der ironische Zögling der Romantik, wird es erneut aktivieren. Bettina von Arnim schließlich, die Witwe Achim von Arnims, wird sich in ihren späten Jahren mit dem preußischen König anlegen und sich geradezu als Frühmarxistin gerieren.
Vor allem aber ist deutsche Romantik europäisch imprägniert – was in der Dauerausstellung nicht so sehr zum Thema wird, wohl aber im Wechselausstellungsbereich im Keller, wo es – in enger Kooperation mit einem einschlägigen Internet-Auftritt – um die Ausbreitung der Romantik jenseits der deutschen Grenzen geht.
Speziell für den Kölner lohnt sich der Besuch in Frankfurt übrigens ebenfalls: Hier erfährt er, dass der Weiterbau des Kölner Domes ein zutiefst romantisches Projekt war. Gleich aber, ob Kölner oder Nicht-Kölner: Leicht schwindlig ob des schillernden Phänomens mag der Besucher das Haus verlassen – und wahrscheinlich seinerseits unfähig, die Frage: Was ist romantisch? zu beantworten. Aber eine Idee bekommt er auf jeden Fall – die Romantik hätte von „Ahndung“ gesprochen.
https://deutsches-romantik-museum.de/

