John Eliot Gardiner feierte in der Kölner Philharmonie mit einer Bach-Aufführung eine triumphale Wiederkehr.
Gardiner in KölnEin Höhepunkt der ausgehenden Saison

Erster Auftritt von Sir John Eliot Gardiner mit neuem Chor
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Tiefe Verbeugung vor Sir John Eliot – und eine noch tiefere, selbstverständlich, vor Johann Sebastian Bach. Klar, dem können auch schwächere Aufführungen nicht so viel anhaben, aber wenn er Interpreten findet, die sich, ohne ihre Subjektivität zu verleugnen, mit tiefem Verständnis und Leidenschaft in den geistigen und emotionalen Kosmos seiner Kunst begeben, dann entsteht jener sprichwörtliche Kairos, der sich in der Kölner Philharmonie über zweieinhalb Stunden ausdehnte – ohne dass der faszinierte Hörer auch nur einmal auf die Uhr zu blicken genötigt wurde.
Die Deutung kam radikal aus der Artikulation des vertonten Wortes
Gardiner also feierte, nach dem Karrierebruch von 2023, mit seinen neugegründeten Ensembles The Constellation Choir & Orchestra am Samstagabend auch in Köln ein triumphales Comeback – mit vier berühmten Bach-Kantaten sowie Motetten seiner Vorläufer Schütz und Schein. Gibt es einen Gardiner „vorher“ und „nachher“? Schwer zu sagen, der britische Dirigent drückte Bach immer schon einen unverwechselbaren Interpretationsstempel auf.
Das war jetzt vor allem der Vorstellung des exquisiten Kammerchores zu entnehmen: Die musikalische Deutung kam radikal aus der Artikulation des vertonten Wortes, die – etwa im Fall von „Ruhe“ – dessen Gehalt gleichsam performativ umsetzte. Manche Vokale bekamen etwas von schmerzhaften Dolchstichen, Vorhalte wurden bis zum Geht-nicht-mehr ausgehalten, und zuweilen setzte sich der Gestus eines peitschenden Skandierens durch. Zu viel des Guten? Vielleicht, aber was besagt das gegenüber einer Darstellung, die den Hörer in jedem Augenblick fesselte und berührte? Die stärkste Wirkung ging dabei womöglich von dem ganz verinnerlichten „Actus tragicus“ aus.
Auch die Gesangssolisten stellte der Chor. Hier gebührt der Sopranistin Marie Luise Werneburg in allen Belangen die Palme, gefolgt von dem Bass Alex Ashworth. Andere hinterließen einen schwächeren Eindruck. Großartig agierte wiederum das Instrumentalensemble, etwa mit seinem Oboisten und einer fabelhaft agilen Continuo-Gruppe. Alles in allem: ein Höhepunkt der ausgehenden Saison.
