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GrundschulenIn internationalen Bildungsstudien schneidet Deutschland schlecht ab

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Unterricht in einer Grundschulklasse

Unterricht in einer Grundschulklasse

Köln – Mal sehen, wie unsere Grundschulen 2017, nach dem Ende der Weihnachtsferien, die Hausaufgaben angehen. Ihre Hausaufgaben, also nicht die der Schüler, sondern der Lehrer. Lange dachte man ja, in den ersten vier Schuljahren stehe hierzulande alles zum Besten. Nun offenbarte die TIMSS-Studie, dass auch in der Grundschule einiges hapert.

Deutsche Schüler im internationalen Vergleich schlecht

Zur Erinnerung: Deutsche Viertklässler sind in Mathematik schlechter als der europäische Durchschnitt, in elf EU-Staaten kommen die Schüler besser mit Zahlen, Daten und Formen zurecht als in Deutschland. Bei uns beherrscht jeder vierte Schüler Grundrechenarten und Textaufgaben beim Übergang in die Sekundarstufe kaum oder nur mit Mühe – ein miserables Fundament für weiteres Lernen und Leben.

Die Gruppe der Leistungsschwächsten ist nochmals leicht angewachsen, die der Stärksten gar geschrumpft. Dabei zeigen viele andere Länder die gegenläufige Tendenz. Und wir dürfen uns nicht damit trösten, dass unsere Schulen eine große Zahl Migrantenkinder zu verkraften hatten: Es ist das Können der deutschen Klassenkameraden, das zurückgegangen ist.

Wie machen es andere Länder nur, dass sie immer schon besser waren als wir (die asiatischen) oder sich auf hohem Niveau noch verbessert haben (Dänemark, England oder Russland)? Mancher wärmt sich am Gedanken, die Bildungsforscher betrieben doch nur Erbsenzählerei, die mit humaner Pädagogik nichts zu tun habe. Doch es gibt nicht nur äußerliche Leistungsvergleiche (wie TIMSS und IGLU), sondern auch tiefer blickende Unterrichtsforschung wie die Hattie-Studie. Und diese zeigt, dass deutsche Lehrkräfte oft nach Methoden unterrichten, die ihnen zwar kinderfreundlich vorkommen, deren Wirksamkeit aber erwiesenermaßen gering ist.

Die lange bejubelte Methode „Schreiben nach Gehör” wird scharf kritisiert

Als systematische Erziehung vieler Schulanfänger zu „Rechtschreibanarchisten“ (Spiegel) entlarvt – wenn auch noch keineswegs entsorgt – ist mittlerweile die lange bejubelte Methode „Schreiben nach Gehör“. Dabei gewöhnten sich die Kinder an eine Fülle von Fehlern, was sich später nur mühsam wieder reduzieren ließ. Als größte Opfer dieser „Reform“ erwiesen sich tragischerweise Kinder aus bildungsfernen Schichten. Fehlerarme Orthografie ist kein Selbstzweck, sondern Denkschulung und Schlüsselqualifikation, etwa für zügiges Recherchieren.

Also: Was wissen wir heute über guten Unterricht? Worauf könnten unsere Grundschulen verstärkt achten? Beispiel Anspruchsniveau: Viele Lehrer haben anscheinend Angst, von ihren Schützlingen zu viel zu verlangen, sie quasi unter Stress zu setzen. „Vermütterlichung der Grundschule“, so nannte dies der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke. Heute sagt die Forschung: Hohe Erwartungen – verbunden mit guter Unterstützung – sind besonders leistungsförderlich, auch für langsamere Lerner. Insofern war die Rechtschreibreform aus pädagogischer Sicht Unsinn – japanische Grundschüler verdanken ihre Stärken nicht zuletzt der Kompliziertheit ihrer Schriftzeichen.

Ein anderes Beispiel: die Klassenführung. Gerade schwächere Schüler haben bei TIMSS moniert, dass ihre Lehrer zu lange bräuchten, um Arbeitsruhe herzustellen. In Sachen Lerndisziplin herrscht bei manchen Pädagogen anscheinend eine gewisse Führungsschwäche. Auch machen wohl zu viele Lehrer unnötig einen Bogen um Frontalunterricht. Viele erfolgreichere Ländern praktizieren mehr Lehrervortrag und Klassengespräch als wir. Auch laut Hattie-Studie zählt „direct instruction“, also abwechslungsreicher, lehrergelenkter Plenumsunterricht zu den lernförderlichsten Arbeitsformen. Unsere heiligen Kühe „Freiarbeit“ und „individualisiertes Lernen“ schneiden dagegen als vergleichsweise ineffizient ab.

Lehrer sollten nur ihre studierten Fächer unterrichten

Weitere Anregungen finden sich im Kleingedruckten der Grundschulstudie, teilweise auch zwischen den Zeilen. Stichwort Fachlehrer: Möglichst nur solche Lehrer für den Matheunterricht einsetzen, die das Fach auch studiert haben – und die anderen für genug gute Weiterbildung freistellen! Stichwort Begabtenförderung: Leistungsstarke Kinder auch in Regelschulen individuell fördern. Das darf kein Privileg von Privatanstalten sein! Stichwort Notengerechtigkeit: Alles dagegen unternehmen, dass Schülerleistungen unterschiedlich bewertet werden! Es ist ein Unding, wenn der eine Lehrer „sehr gut“ nennt, was ein anderer nur für „gerade noch ausreichend“ hält! Und nicht zuletzt Stichwort Inklusion: den Regellehrern wieder mehr Zeit für schwächere Rechner geben! Um behinderte Kinder (ihre Zahl hat sich verdoppelt) müsste sich auch an Regelschulen dauerhaft ein Sonderpädagoge kümmern.

Die Ergebnisse von Bildungsstudien stellen jedem Lehrer, jedem Rektor eine Art Gewissensfrage. Denn jedes Kind hat nur eine einzige Bildungsbiografie.

Ein Gastbeitrag von Michael Felten, geboren 1961, Gymnasiallehrer in Köln, außerdem Schulentwicklungsberater, Publizist und Buchautor.

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