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Hella von Sinnen„Diesen Backlash  hätten wir uns nicht träumen lassen“

5 min
Foto: Raab Entertainment GmbH/Willi Weber

Hella von Sinnen startet ihren Podcast "Gestatten, von Sinnen!"

Hella von Sinnen über ihren neuen Podcast, ihren lange Zeit schwierigen Umgang mit Alkohol und Sexismus in der Humorbranche.

Frau von Sinnen, 2024 haben Sie bei einem Sturz mehrere Knochenbrüche erlitten, mit dessen Folgen Sie bis heute zu kämpfen haben. Nun haben Sie einen Podcast gestartet, weil Sie den auch im Sitzen machen können, wie Sie sagen. Ist das Ihr Lebensmotto – aus der Situation, auch wenn sie schwierig ist, das Beste zu machen?

Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass ich es nicht in meinen Genen habe, aufzugeben. Es muss immer weitergehen. Ich habe zum Beispiel 1992 „Alles Nichts Oder?!“ und „Weiber von Sinnen“ gemacht. Anschließend war ich dann bei RTL2 mit dem Format „Wenn die Putzfrau 2x klingelt“. Als das abgelaufen war, gab es weit und breit kein interessantes Fernsehformat für mich. Ich war bedrückt und dachte: Dann gibt es mich ja nicht mehr, wenn ich nicht mehr in diesem kleinen Kästchen bin.

Was haben Sie mit dieser Erkenntnis gemacht?

Zum Glück kam mir die Idee, dass ich ja Schauspielerin bin. Und dann habe ich mit Conny (Cornelia Scheel), einem befreundeten Regisseur und anderen Autorinnen ein Solo für mich geschrieben. Damit bin ich zwei Jahre auf Tour gewesen. Das war super, weil ich wusste, ich bin nicht abhängig vom Fernsehen. Ich bin vielseitig interessiert und habe zum Glück auch einige Talente. Aufgeben kam schon damals für mich nicht in die Tüte.

Sie waren immer konsequent. Wenn Ihnen etwas nicht gepasst hat, haben Sie es nicht gemacht. Gleichzeitig war da die beschriebene Angst, im Medium Fernsehen nicht mehr vorzukommen. Ist Ihnen das heute nicht mehr so wichtig, weil es auch viele andere Möglichkeiten gibt, Menschen zu erreichen?

Ich denke, ja. In einer Folge des Podcasts ist Evelyn Burdecki zu Besuch. Die junge, schöne Evelyn kommt in mein Studio und ruft: Ich freue mich so, du bist eine Legende. Wenn diese jüngere Generation das Gefühl hat, Hella von Sinnen ist so lange dabei, die ist eine Legende, finde ich das großartig. Und es beruhigt mich auch. Als Legende wirst du doch hoffentlich immer einen Job kriegen.

Ihr Podcast heißt „Gestatten, von Sinnen!“. Aber um Sie geht es eigentlich gar nicht.

Mein Hauptinteresse galt den Gästen. Ich bin neugierig auf Menschen und habe immer Freude an guten Gesprächen gehabt. Mit 30 war ich anders gepolt und habe ja auch eine Autobiografie geschrieben. Aber heute habe ich überhaupt kein Interesse mehr, über mich zu sprechen. Ich kenne mein Leben. Und viele Dinge gehen auch nur mich und meine engsten Freundinnen oder meine Familie etwas an.

Vielen in Ihrer Branche steht da die eigene Eitelkeit im Weg.

Lustig, oder? Ich glaube tatsächlich, dass ich nicht besonders eitel bin oder war.

Ich war eine ausgewiesene Trinkerin, und das bin ich jetzt nicht mehr. Ein Harald-Juhnke-Problem hatte ich aber nie
Hella von Sinnen

Warum haben Sie sich jetzt dennoch entschieden, über das Thema Alkohol öffentlich zu sprechen? Das ist ja auch eine sehr persönliche Geschichte.

In einem Volk von Alkoholikern finde ich das nicht die persönlichste Geschichte. Ich war nach 50 Jahren Suff sicher, dass ich abhängig davon bin. Ich habe geglaubt, ich kann gar nicht feiern ohne Alkohol. Aber ich stelle fest, es geht. Das ist ein kleines Wunder, das mich fasziniert. Ich spucke ja auch nicht ins Glas. Wenn ich ein Belohnungsbierchen trinken will, trinke ich ein Belohnungsbier. Ich bin keine trockene Alkoholikerin. Ich war eine ausgewiesene Trinkerin, und das bin ich jetzt nicht mehr. Ein Harald-Juhnke-Problem hatte ich aber nie. Ich habe auch nie bei der Arbeit getrunken.

Sie sind auch eine der Protagonistinnen des bald im Kino anlaufenden Dokumentarfilms „Was haben wir gelacht“ über Frauen in der Humorbranche. Da wird noch einmal sehr deutlich, mit wie viel Sexismus sie konfrontiert wurden im Laufe Ihrer Karriere. Wie verkraftet man das?

Ich habe das große Privileg, eine Mutter gehabt zu haben, die gesagt hat, ich darf alles, was sie als Mädchen nicht durfte. Ich bin mit einem gesunden Selbstbewusstsein aufgezogen worden. Meine Mutter wäre – wäre dieser Ausdruck in den 1960er Jahren mehr en vogue gewesen – sicherlich auch eine Feministin gewesen. Weil sie immer, wie man so schön sagt, ihren Mann gestanden hat. Und sie war natürlich ein tolles Role Model für mich.

Das Verhalten Ihrer Mutter hat Ihnen so viel Stärke gegeben, dass Sie das abprallen lassen konnten?

Als Teenagerin konnte ich das nicht abprallen lassen. Aber ich hatte meine Mutter. Und mein Vater hatte sieben Schwestern. Wenn wir Familienfeiern hatten, waren das alles kräftige, laute, gestandene Weiber. Ich hatte privat und auch im Fernsehen Role Models, die ich klasse fand, und die mir Wind unter die Flügel gegeben haben. Aber als ich noch in Gummersbach lebte, hatte ich nicht den Mut zu sagen, ich bin lesbisch. Das war erst mit 18, als ich in Köln war. In Gummersbach habe ich noch behauptet, ich wäre bisexuell, weil sich das irgendwie cooler anhörte.

Ich habe das große Privileg, eine Mutter gehabt zu haben, die gesagt hat, ich darf alles, was sie als Mädchen nicht durfte.
Hella von Sinnen

Sie sind zu Beginn Ihrer Karriere auch im Karneval aufgetreten, haben das aber bald wieder aufgegeben, weil sie keine sexistischen Witze erzählen wollten. Da wurde Ihnen vorgeworfen, wie man auch in dem Film sehen kann, Sie seien gescheitert.

Ich bin unglaublich empfindlich gegen Ungerechtigkeit. Ich bin nicht gescheitert. Ich hatte als Elevin sofort 60 Engagements. Im Jahr 1983 kann sich das für eine junge Frau sehen lassen. Und ja, ich bin fünfmal ausgebuht worden, aber das waren alles Herrensitzungen. Bei meiner ersten Mädchensitzung standen die Frauen wirklich auf Tischen und Bänken, so haben sie sich gefreut, dass da die Putzfrau Schmitz mit Selbstvertrauen ihre Rede gehalten hat.

Wie sind Sie damit umgegangen, wenn Sie sich ungerecht behandelt gefühlt haben?

Natürlich trifft es dich in dem Moment, aber bei mir war oft das erste Gefühl nicht ein Gefühl der Verletzung, sondern ein Gefühl der Empörung. Diese Empörung, die bei mir sofort Widerspruch auslöst, ist gleichzeitig ein Ventil. Ich habe dann Dampf abgelassen und gewusst, ich lasse mich auf diesen Kampf ein.

Haben Sie das Gefühl, wir haben uns in die richtige Richtung entwickelt, wenn es um Frauen in der Humorbranche geht?

Es gibt mehr Comediennes als noch 1990. Die Herrschaften, die Veranstaltungen oder Fernsehsendungen machen, haben offensichtlich dazugelernt. Deswegen haben die Mädchen heute mehr Spielfelder als wir Mädchen damals hatten. Das ist eine positive Entwicklung.

Maren Kroymann sagt in dem Film, es habe in ihrer Jugend nicht viele Komikerinnen als Vorbild gegeben. Haben Sie das auch so empfunden?

Ich glaube, ich weiß, was sie meint. Aber ich, Hella, bin groß geworden mit Lore Lorentz, Hanne Wieder und Ursula Herking in den Kabarettsendungen. Ich habe am Sonntagnachmittag Grethe Weiser und Trude Herr gesehen. Bei Millowitsch-Übertragungen habe ich Elsa Scholten gesehen, beim Ohnsorg-Theater Heidi Kabel. Ich habe Mitte der 60er-Jahre immer den Blick auf die Frauen gehabt und gedacht: Das ist super. Diese starken, kräftigen Frauen sind ja häufig viel komischer als die Jungs.

Wie schauen Sie von einem feministischen und queeren Standpunkt aus auf die aktuelle Situation, wenn es um wirkliche Gleichheit geht?

Wir hätten uns Ende der 70er, Anfang der 80er nicht träumen lassen, dass es noch mal diesen Backlash geben würde. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass die Faschisten im Bundestag sitzen würden. Ich gucke darauf mit Sorge und hoffe, dass es genügend gestandene Komikerinnen, Schauspielerinnen, Autorinnen und auch Politikerinnen und Künstlerinnen geben wird, die aufstehen und kämpfen werden. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass unsere Demokratie Bestand hat.


Hella von Sinnen (67) wuchs in Gummersbach auf. Die Komikerin und Entertainerin wurde ab 1988 mit der Comedy-Reihe „Alles nichts oder?!“ bekannt. Sie war Rateteam-Mitglied in „Genial daneben“ und wurde mehrfach mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Nach einem Unfall 2017 zog sie sich zurück. Nun kehrt sie mit ihrem Video-Podcast „Gestatten, von Sinnen!“ zurück, der seit Juni 2026 alle zwei Wochen mit prominenten Gästen erscheint.