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Ibrahim Snoopy beim Afrika Film Festival KölnEine Stimme für den Sudan

5 min
Ein Esel zieht einen Karren mit Menschen

Szene aus "Khartoum": die sudanesische Hauptstadt vor dem Ausbruch des Krieges

Im vergangenen Jahr gewann Regisseur Ibrahim Snoopy den Publikumspreis des Afrika Film Festivals. Jetzt kehrt er als Schirmherr zurück und hat eine wichtige Botschaft dabei.

Vor einem provisorisch an die Wand gepinselten Greenscreen beschwören sie das pulsierende Lebensgefühl jener Stadt herauf, die sie hinter sich lassen mussten: „Khartoum“, so heißt der Dokumentarfilm, den der sudanesische Regisseur und Kameramann Ibrahim Snoopy im Jahr 2022 gemeinsam mit vier weiteren Filmschaffenden zu drehen begann – zu einer Zeit, als in der Hauptstadt des Sudans noch reges Leben herrschte: „Die ursprüngliche Idee war, die Geschichten von fünf Menschen zu erzählen, die in Khartum leben, alle aus unterschiedlichen sozialen Schichten“, so Snoopy. „Ein Porträt der Stadt durch fünf verschiedene Augenpaare.“

Stattdessen wurde es ein Kriegsfilm, der keiner sein wollte, aber musste. Denn die aufflammende Hoffnung auf eine demokratische Zivilregierung, die auf das Ende einer 30-jährigen Diktatur folgte, diese Aufbruchstimmung, die natürlich auch Teil des Films werden sollte, ist längst jäh zerschlagen worden von dem unerbittlichen Krieg, der 2023 mitten in der Hauptstadt Khartum ausgebrochen ist.

Seit mittlerweile mehr als drei Jahren liefern sich die Armee-Einheiten des sudanesischen Militärs (SAF) und die paramilitärische Miliz RSF einen brutalen Machtkampf, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung leidet: Beide Kriegsparteien verletzen laut den Vereinten Nationen humanitäres Völkerrecht und Menschenrechte und begehen Kriegsverbrechen: Morde, Vergewaltigungen, Folter und Plünderungen. Im drittgrößten Land Afrikas herrscht gerade die größte humanitäre Krise weltweit – Zehntausende wurden getötet, und mehr als elf Millionen Menschen vertrieben.

Ibrahim Snoopy beim Afrika Film Festival in Köln 2025

Ibrahim Snoopy beim Afrika Film Festival in Köln 2025

Ein Kriegsfilm, der keiner sein wollte

So auch die Protagonisten und Regisseure von „Khartoum“. Im Exil im Osten Afrikas kommen sie als Schicksalsgemeinschaft im improvisierten Filmstudio zusammen. „Wir mussten das Konzept umstellen, den Krieg einbeziehen und zeigen, wie sich ihr Leben dadurch verändert hat“, so der Regisseur Snoopy. Mit nachgestellten Szenen vor dem Greenscreen, Animationen und Traumsequenzen haben die Beteiligten einen kreativen Weg gefunden, ihre Geschichten trotzdem zu erzählen – und auch die schwierigen Produktionsbedingungen selbst zum Thema zu machen, anstatt sie verbergen zu wollen. Dafür wurde der außergewöhnliche Dokumentarfilm im vergangenen Jahr mit dem Friedensfilmpreis der Berlinale ausgezeichnet. Und auch hier in Köln nahm Ibrahim Snoopy 2025 für „Khartoum“ beim Afrika Film Festival den Publikumspreis entgegen.

In diesem September kommt Snoopy wieder nach Köln. Diesmal als Schirmherr des traditionsreichen Festivals: „Mich jetzt wieder einzuladen, sendet eine so wichtige Botschaft – dass ich als Afrikaner, als Sudanese, einen Ort geboten bekomme, an dem ich meine Expertise über das Filmemachen hinaus erweitern kann, als Jurymitglied und Schirmherr. Und natürlich auch eine Gelegenheit, weiter für das einzutreten, was gerade im Sudan passiert, besonders in Deutschland und anderen europäischen Ländern, wo es wenig Berichterstattung über den Sudan gibt. Ich kann dem Land eine Stimme geben.“

Zwischen den Kulturen

Sein Selbstverständnis als Filmemacher habe der Krieg zwar nicht verändert, aber vielleicht habe er doch die Idee in ihm entfacht, zu erforschen, warum diese Konflikte immer wieder passieren und bis wann das so weitergehen wird: „Was ich gerade durchmache, haben meine Eltern und ihre Eltern schon erlebt. Wir befinden uns in einer bewusst ins Visier genommenen Region. Sudan, Südwestasien, Nordafrika – sie alle teilen dasselbe Schicksal.“ Ein Schicksal, das auch seinen persönlichen Lebensweg prägt: „Immer wieder wurde ich gezwungen, umzuziehen: vom Libanon über den Sudan nach Kenia.“ Sein Aufwachsen als sogenanntes Third-Culture-Kid – den Begriff prägten die Soziologen Ruth Hill Useem und John Useem Anfang der 2000er – ist Ausgangspunkt für seinen nächsten Film, der ganz anders, persönlicher wird als „Khartoum“.

Am Tag unseres Gesprächs ist Snoopy gerade in Jordanien, wo er sein neues Filmprojekt beim Amman Film Festival vorstellt – und auch nach Sponsoren sucht, die ihm ausreichend künstlerische Freiheit lassen. Viele afrikanische Filmemacher fühlten sich unter anderem durch westliche Filmförderungsstrukturen, aber auch die vorherrschende amerikanische Netflix-Ästhetik zunehmend unter Druck gesetzt, auch westliche Sehgewohnheiten zu bedienen – dabei gehe die afrikanische Art des Geschichtenerzählens weitgehend verloren: „Das afrikanische Kino ist ganz anders. Es hat diese subtile Art, die Geschichte zu erzählen, ohne zu viel Klimax oder die Leute nur schockieren zu müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu halten.“ Festivals wie das Afrika Film Festival Köln, seien eine wichtige Plattform, um diese Erzählweise auch in alten afrikanischen Klassikern wiederzuentdecken.

Kurz vor seiner Reise nach Köln will Snoopy seine alte Heimat Khartum zum ersten Mal wieder besuchen: „Es ist sehr emotional, weil ich meine Eltern dort zurücklassen musste. Die letzten zwei Jahre waren sehr schwer auszuhalten, besonders wenn man im Ausland ist und nichts tun kann, außer Geld zu schicken.“ Seit etwas über einem Jahr ist die Hauptstadt offiziell befreit, aber: „Es ist nicht wie vorher. Die Bedingungen sind schrecklich. Wasser, Essen, Strom – so vieles fehlt.“ Und die Hoffnung auf ein nahendes Ende dieses Krieges, der in großen Teilen des Landes noch immer herrscht, ist verschwindend gering. An eine Rückkehr nach Khartum ist also für alle Beteiligten noch lange nicht zu denken.


Das 23. Afrika Film Festival Köln findet vom 17. bis 27. September in verschiedenen Kölner Kinos statt. Das gesamte Programm steht auf www.afrikafilmfestivalkoeln.de.

Ibrahim Snoopy ist Filmemacher und Kameramann. Er arbeitete für ARTE, BBC und „The Washington Post“ sowie an Musikvideos, Kurz- und Dokumentarfilmen. Er betreut Filmschaffende in Ostafrika und leitete Workshops über mobiles Filmemachen und Produktionstechniken, insbesondere für Geflüchtete in Hochrisikogebieten.

Beim diesjährigen Afrika Film Festival in Köln ist er Schirmherr und Mitglied der Jury. Außerdem ist er zu Gast beim Paneltalk „Der Sudan jenseits der Schlagzeilen – Kino, Erinnerung und Widerstand“ am 25. September, um 15.30 Uhr in der Aula der KHM.