Gleich zwei Länder reklamieren den Erfolg für sich! Und was sagt die Preisträgerin Anne Carson dazu? Eine Glosse.
Island vs. KanadaWem gehört denn nun der Literaturnobelpreis?

Die frischgebackene Preisträgerin Anne Carson, durchgeblasen vom isländischen Wind
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In Island gibt es viele Rekorde, auf die man stolz ist. Jahr für Jahr liefert man sich ein Kopf- an Kopfrennen mit den skandinavischen Nachbarn, was die glücklichsten Menschen der Welt angeht. Dann gibt es noch die höchste Dichte an Buchneuerscheinungen pro Kopf. Die Zahl der außerehelich geborenen Kinder – ebenfalls Rekord. Und last but not least wäre da noch die höchste Dichte an Literaturnobelpreisträgern gemessen an der Einwohnerzahl.
Konkret heißt das: Es gibt genau einen, nämlich Halldor Laxness. Was bei den noch nicht einmal 400.000 Einwohnern Islands ganz locker zum Weltrekord reicht. Seit vorgestern ist dieser Weltrekord noch einmal übertroffen worden. „Die Isländer haben einen weiteren Literaturpreisträger gewonnen“ titelt die Tageszeitung „Morgunbladid“ stolz. Streng genommen handelt es sich dabei um eine Literaturnobelpreisträgerin. Allerdings wird Anne Carson derzeit in jedem anderen Land der Welt als kanadische Autorin gefeiert. Ist noch jemand verwirrt?
Fakt ist: Carson wurde 1950 in Kanada geboren, fünf Jahre bevor Halldor Laxness für Island den ersten Literaturnobelpreis einheimste. Doch seit 2022 besitzt Carson zusätzlich die isländische Staatsbürgerschaft. Mit seinen Pässen geht Island ebenfalls rekordverdächtig freigiebig um, Platz ist auf der Insel schließlich noch genug. Außerdem verbringt Carson laut der Tageszeitung einen großen Teil des Jahrs auf der Insel. Als die Schwedische Akademie aus Stockholm anrief, ging die Autorin gerade an der Küste spazieren.
Sie sei in Island, „um dem Wind zuzuhören“, erklärte sie am Telefon, eine kuriose Formulierung, die weltweit zitiert wurde. Typisch Poetin halt. Offenbar nicht mal eine Stunde später gab sie dem isländischen Fernsehsender „RUV“ ein Interview, bei dem der Wind derart blies, dass Carson beim Interview mit einer Hand ihre Mütze auf dem Kopf festhalten musste, während ihr die Haare ständig ins Gesicht flogen. Wenn das kein Beweis war für ihren denkwürdigen Satz? Wie das Gespräch mit dem Nobelpreiskomittee gelaufen sei, fragt die Reporterin. „Eher stockend, genau wie dieses Interview hier“, entgegnet Carson scharfzüngig.
Ihr Urteil über das Komitee: „Ich glaube, die sind alle verrückt.“ Über ihren isländischen Co-Literaturnobelpreisträger Laxness urteilt sie: „Er ist cool.“ Allerdings sei fast jeder, den sie in Island treffe, ein Poet. Wie die Kanadier die isländische Übernahme ihrer Literaturnobelpreisträgerin wohl finden? Sie haben mit Alice Munro, die den Preis 2013 bekam, nur eine einzige andere Preisträgerin. Der in Kanada geborene Schriftsteller Saul Bellow, der den Preis 1976 gewann, besaß zu diesem Zeitpunkt ausschließlich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Blöd für Kanada. Vielleicht pfeifen wir auf das Gezerre zwischen den Ländern – und konzentrieren uns aufs Lesen: Anne Carson will mit ihrer Literatur die Gehirne der Menschen bewegen. Vermutlich mit maximaler Windstärke. Lassen wir uns also durchblasen!

