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Joana Mallwitz dirigiert in der PhilharmonieProvozierend schöne Idyllen

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Joana Mallwitz, Chefdirigentin am Konzerthaus Berlin, dirigiert zur Eröffnung der Saison das Konzerthausorchester. Mallwitz beginnt die Spielzeit an zwei Abenden mit den jeweils ersten Sinfonien von Sergej Prokofjew, Kurt Weill und Gustav Mahler. +++ dpa-Bildfunk +++

Joana Mallwitz, Chefdirigentin am Konzerthaus Berlin, dirigiert zur Eröffnung der Saison das Konzerthausorchester.

Joana Mallwitz dirigiert Mahlers berühmte fünfte Sinfonie im Kontrapunkt-Konzert

Die Gesten, mit denen Joana Mallwitz den Beginn von Beethovens drittem Klavierkonzert dirigierte, waren auf Anhieb gewöhnungsbedürftig. Wo – so möchte man jedenfalls meinen – das zentrale Satzmotiv, die punktierte Viertel samt Achtel, „eigentlich“ eine energische Markierung zumindest der jeweiligen Takthälften zu fordern scheint, breitete Mallwitz vogelgleich ihre Arme aus und überführte sie in eine schwingend-fließende Bewegung. Irgendwie passt die nicht zur Musik, aber im Ergebnis macht das nichts: Die Orchestereinleitung kam angemessen energisch und plastisch in der Formung, mit genau gesetzten Zäsuren und Schwerpunkten. Die Solistin Alice Sara Ott konnte sich mit dem kontrollierten Martellato ihres Themeneinstiegs sozusagen in ein gemachtes Bett legen.

Tatsächlich zeitigte die – vom Konzerthausorchester Berlin begleitete – Aufführung im jüngsten Kölner philharmonischen Kontrapunkt-Konzert auch sonst eine lustvolle Übereinstimmung und wechselseitige Inspiration von Pianistin, Dirigentin und Orchester, die zu einer überaus dichten, vitalen, in jedem Augenblick erfüllten Interpretation führte (nur ein Beispiel dafür: das fabelhafte Funktionieren der kammermusikalischen Dialoge im Mittelteil des ersten Satzes).

In der Farbgebung wie der Hervorhebung der rhythmischen Impulse und überhaupt in der sehr straighten Gangart wurde der klassische Geist des Werkes betont. In diesem Sinne unterzog Ott auch das kantable Seitenthema keineswegs einer lyrischen Romantisierung, wenngleich sie anderwärtig Verzögerungen und Stauungen keineswegs abhold war. Poetische Versenkung fand vor allem im Mittelsatz statt, während es im Finale auf unwiderstehliche Weise mit einer schlanken, spielerisch-koboldhaften, mit einem wachen Gespür für die skurrilen Züge der Musik ausgestatteten Brillanz und Eleganz zur Sache ging.

Ott bekannte sich zum virtuosen Charakter des Konzerts

Sowieso bekannte sich Ott, etwa in der Kadenz, vorbehaltlos-offensiv zum virtuosen Charakter des Konzerts. Tatsächlich gibt es keinen Grund, den schamvoll zu verbergen – so man denn als Interpretin jenseits unzweifelhaft hochgradiger pianistischer Souveränität noch etwas zu sagen hat. Dieser gedanklich-emotionale Überschuss ist bei der illustren Künstlerin in jedem Augenblick vorhanden, und in der Zugabe, Arvo Pärts „Für Alina“, zeigte sie mit Nachdruck, was es heißt, eine ausgehörte Stille zu Musik zu machen.

Aufführungsdramaturgisch ist aus dem Beethoven-Teil des Abends noch eine charakteristische Situation erinnerlich: Mallwitz ließ am Schluss des ersten Satzes die Arme oben und die Pianistin in die unaufgelöste Spannungssituation hinein den Anfang des zweiten spielen. Kannte da jemand etwa seine Pappenheimer? Der spürbar einsetzen wollende Klatschbeifall wurde jedenfalls durch diese Geste wirkungsvoll abgebremst.

Nach der Pause folgte eine genauso intensive Darstellung von Mahlers fünfter Sinfonie. In scharfen Kontrasten, harten Ein- und Abbrüchen, in grell beleuchteten Trivialitäten und provozierend schönen Idyllen entfaltete sich eine Welt am Rand des Abgrunds, aus der dann die hier überlegen herbeigeführte Choralapotheose des Finales mit einiger Mühe erlöste. Gerade das Motivpuzzle dieses Schlusssatzes gelangte zur größtmöglichen Deutlichkeit, dank der auch hier dezidiert kammermusikalischen Ausdünnung der Partitur. Größten Wert legte Mallwitz freilich immer wieder auf ein beseeltes Cantabile der Streicher (das die Musiker des Berliner Orchesters vollendet umsetzten). Sie wurden darüber (eine Mutmaßung, die hier gestattet sei) zu jener widerständigen Stimme eines Humanen, die auch in dieser – angeblich, mit Blick auf den Schluss, so „positiven“ – Sinfonie katastrophal gefährdet ist.