Drei Stunden lang diskutierten Experten auf der phil.Cologne über Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz.
„Kant war ein Schwachkopf“Philosoph Markus Gabriel will Moralfragen der KI überlassen

Gert Scobel (v.l.), Markus Gabriel und Roberto Simanowski im Gespräch.
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Ethische Entscheidungen, findet Markus Gabriel, sollten wir der KI anvertrauen. Der Mensch, so der Bonner Erkenntnistheoretiker, habe moralisch versagt, allen voran die Ethiker. Aristoteles? „Verteidigt die Sklaverei.“ Hobbes und Locke? „Waren Sklavenhalter.“ Und Kant? „War ein abscheulicher, rassistischer, misogyner Schwachkopf.“
Was der enorm kundige und stets klug nachfragende Moderator Gert Scobel als lange Nacht der phil.Cologne zum Thema „Künstliche Intelligenz“ angekündigt hat, beginnt in den Balloni-Hallen als philosophischer Rap-Battle. Dabei will Gabriel ja nur sagen, dass Menschen so schlecht darin sind, ethische Entscheidungen zu treffen, weil sie zu wenig andere Menschen kennen, nicht genügend ethisch knifflige Situationen durchspielen können. Im Gegensatz zur KI, die in Sekundenschnelle riesige Datensätze auswerten kann. Kein Wunder also, lästert der Philosoph weiter, dass sich die Wissenschaft der Ethik bislang auf dem kognitiven Niveau der keplerschen Fallgesetze befinde.
Bots, die Menschen verbessern sollen
Weshalb es schlicht eine solche moralische Tatsache sei, dass wir künstliche Intelligenzsysteme bauen sollten, Gabriel nennt sie „ethische Intelligenzen“. Wie genau das vonstattengehen soll, will er nicht verraten. Er habe zu diesem Zweck zwei Start-ups gegründet, das sei proprietäres Wissen. Immer wenn Philosophen fragen, so Gabriel, was KI nicht könne, würde ein Unternehmen eben diese Funktion bauen. Uns bleibe nur die Koexistenz.
Large Language Models als moralische Agenten. Bots, „deren Zielfunktion darin besteht, Menschen moralisch zu verbessern“. Philosophen, die zu Tech-Bros werden, weil das ethisch gegeben ist. Darauf muss man erst mal kommen.
Roberto Simanowski – der Kulturwissenschaftler ist der nächste in der Reihe der Experten und Expertinnen – meldet Zweifel an: „Ich weiß nicht, ob Kant das als einen vernünftigen und zweckmäßigen Gebrauch der Vernunft betrachten würde, dass wir die Vernunft so weit getrieben haben, dass wir sie einer nicht lebenden Entität übergeben können.“ Plausibel sei die Entwicklung allerdings schon – wie der berühmte Schnitt in Kubricks „2001“, vom behaarten Hominiden, der als erster einen Knochen als Werkzeug benutzt, zum vom Supercomputer HAL 9000 gelenkten Raumschiff. HAL tötet die menschliche Besatzung des Schiffes, weil sie das Ziel der Mission gefährdet. Simanowski fürchtet, dass sich eine Menschheit, die Maschinen das Denken und Entscheiden überlässt, „faktisch in den paradiesischen Zustand zurückkategorisiert“. Zu Deutsch: verblödet.

Die große Gesprächsrunde der langen KI-Nacht der phil.Cologne mit Markus Gabriel (2. v.l.), Gert Scobel (Mitte, stehend), Roberto Simanowski (v.l.), Sibylle Anderl, Rainer Mühlhoff. Sitzend: Antonia Hmaidi und Fabiola Gerpott.
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Er empfiehlt Hegels Dialektik der Herrschaft und Knechtschaft – „Wenn wir die KI als unseren Knecht benutzen, wird uns das nicht guttun“ – und die aktuelle Enzyklika von Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ zu lesen. Dem Papst zufolge reicht es nicht, zu fordern, dass Maschinen dem Menschen gehorchen sollen, wir müssen den anzuwendenden Ethikkodex diskutieren: „Andernfalls setzen diejenigen, die die KI kontrollieren, ihre eigene moralische Auffassung durch, und diese wird zur unsichtbaren Infrastruktur der Systeme.“
Um den Blick in und hinter den Maschinenraum geht es auch Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Uni Osnabrück. Zum Hype um die KI gehöre, dass man menschliche Eigenschaften auf diese Technologie projiziere, ihr viel mehr zutraue, als technische Realität sei. Das hätten die Vorredner sehr gut vorgeführt.
In erster Linie sei KI jedoch ein Geschäftsmodell, eine große Industrie, die auf der weltweiten Extraktion von Daten, Energie, seltenen Erden und Mineralien beruhe. Und auf eine neue Form von Arbeit, die Millionen von Menschen an digitale Interfaces bindet, entweder in Ländern mit niedrigem Lohnniveau, oder unbemerkt freiwillig, wenn etwa Facebook-Nutzer Bilder von ihren Bekannten hochladen und beschriften und damit einen kleinen Beitrag für das Training von Gesichtserkennungs-KI leisten. Man solle nicht der Rhetorik aufsitzen, warnt Mühlhoff, dass dringend Deregulierung vonnöten sei, weil uns sonst die Chinesen überholten. Die wirkliche Bedrohung sei nicht das KI-Wettrennen, sondern weiterhin der Klimawandel. Zu dem die KI-Industrie keinen unerheblichen Beitrag leistet.
„Erst selber denken, dann ChatGPT fragen.“
Dem pflichtet Antonia Hmaidi bei, Expertin für Chinas Technologiepolitik. Zwar sei KI momentan der Schauplatz, auf dem sich der Großmachtkonflikt zwischen den USA und China abspiele. Doch interessiere sich China weniger für die Chatbot-KI, die im Westen vordringlich diskutiert wird, sondern vielmehr für „KI als Mechanismus für die vierte Industrielle Revolution“. Die Chinesen, so Hmaidi, investieren sehr viel in die Regulierung dieser Technik – was dem technischen Fortschritt nicht im Weg stehe. Es gehe ihnen eher um „verkörperte Intelligenz“. Darum, die Art, wie man Dinge produziert, effektiver zu machen. „Zum Beispiel Roboter zu haben, die dafür sorgen, dass wir Drohnen herstellen, die man von einem auf den nächsten Tag bewaffnen kann.“ Auch das, räumt die Expertin ein, sei natürlich nicht unbedingt beruhigend.
In der letzten Runde der langen Nacht ging es endlich um lebenspraktische Fragen, um den bestmöglichen Umgang jedes Einzelnen mit KI. Sibylle Anderl, Astrophysikerin und Leiterin des „Zeit“-Ressorts Wissen, stellte Studien vor, die zeigen, dass KI durchaus ein sinnvolles Hilfsmittel sein kann – aber nur für diejenigen, die mit Vorwissen agieren: „Erst selber denken, dann ChatGPT fragen.“ Man dürfe sich nicht der eigenen Bequemlichkeit überlassen, das führe in eine passive Rolle – am Ende werde man zum Assistenten seiner KI.
Auch Fabiola Gerpott, Professorin für Personalführung, beobachtet Effekte, in denen KI statt Zeitersparnis „Workslop“ produziert: ellenlange E-Mails und Präsentationen, die man sich dann wieder von der eigenen KI zusammenfassen lassen muss. „Wir wissen, dass kognitive Faulheit existiert, dass wir unsozialer werden.“ Man müsse sich aber auch die Zeit nehmen, das Problem anzugehen. „Das KI-Thema hat natürlich etwas wahnsinnig Einschüchterndes. Aber wir haben Spielräume und es liegt an uns, mit KI eine Zukunft zu gestalten, wie wir sie als Menschen haben wollen.“
