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Amoklauf von ErfurtKaleb Erdmann und Marcel Laskus sprechen über das Unsagbare

4 min
Zwei Männer sitzen, jeweils mit einem Mikrofon in der Hand, auf einer Bühne.

Schriftsteller Kaleb Erdmann bei der lit.Cologne in der Nippeser Kulturkirche

Der Romanautor und der Journalist erlebten das Massaker am Gutenberg-Gymnasium mit. Bei der lit.Cologne sprachen sie über die Tat und ihre persönliche Aufarbeitung.

Vor fast genau 24 Jahren, am Vormittag des 26. April 2002, erschoss der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und dann sich selbst. Zum Zeitpunkt des Amoklaufs saßen zwei Menschen im Schulgebäude, die sich erst Jahre später kennenlernen sollten und sich unabhängig voneinander dazu entschieden, über die Tat zu publizieren – der eine literarisch, der andere journalistisch. Kaleb Erdmann veröffentlichte im vergangenen Sommer den Roman „Die Ausweichschule“, Marcel Laskus, Reporter und Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, 2022 die siebenteilige Podcastreihe „71 Schüsse – Mein Leben nach dem Schulamoklauf in Erfurt“.

Die Parallelen der beiden Autoren sind „fast schon gespenstisch“, wie sich Erdmann am Sonntag in der Nippeser Kulturkirche ausrückte. Beide waren dabei, sahen den Täter, aber keine Toten. Beide hatten am Morgen noch bei derselben Lehrerin Unterricht, die später unter den Opfern war. Beide kennen Klassenfreundinnen und -freunde, „die ungleich schlimmere Dinge erlebt und gesehen haben“ – ein für beide wichtiger Umstand beim Blick auf die Tat, bei der Auseinandersetzung mit ihr. Im Hinweis zur lit.Cologne-Veranstaltung heißt es, dass Erdmann und Laskus das Unsagbare vermessen. Und tatsächlich trifft diese vage Beschreibung ziemlich präzise den Kern dessen, worum es geht.

Meta-Roman über das Schreiben

Sprachlos macht der Amoklauf selbst, der, wie Laskus erklärt, rückblickend eigentlich für nichts steht – er war nicht rassistisch, nicht antisemitisch, nicht frauenfeindlich motiviert. Sprachlos macht das verursachte Leid. Es heißt, dass durch die Tat etwa 10.000 Betroffene mindestens sekundär traumatisiert worden seien – Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern, Polizisten und Polizistinnen, Therapeutinnen und Therapeuten. Sprachlos macht die Angst, eine zu voyeuristische Perspektive einzunehmen.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und hält ein Mikrofon in der rechten Hand.

Journalist Marcel Laskus bei der lit.Cologne in der Nippeser Kulturkirche

Erdmanns zweiter Roman ist, nicht zuletzt deswegen, als Meta-Roman zu begreifen. Es geht um das Schreiben an sich. Dem Protagonisten wird der Amoklauf durch Zufall, auf gewaltvolle Weise, wieder bewusst. Er beginnt, nachdem er das Romanprojekt eigentlich schon als gescheitert betrachtet hatte, erneut mit der literarischen Annäherung. Dabei wird Erdmann grundsätzlich: Hat man nach so vielen Jahren das Recht, alte Wunden aufzureißen? Ist das überhaupt sinnvoll? Wie entsteht Kunst?

Auf der Suche nach der geeigneten Sprache

Auf der Suche nach einer geeigneten Sprache lässt sich die Hauptfigur vom sogenannten Gasser-Bericht, einer umfassenden Aufarbeitung des Erfurter Amoklaufs, inspirieren. Dieser ist, wie Erdmann in Köln sagt, in einer sehr harten, polizeilichen Diktion verfasst. Trotzdem schafft es der Abschlussbericht, unfreiwillig literarisch zu werden. Dort heißt es bezüglich der tatrelevanten Geschehnisse vor dem Beginn des Massakers: „RS frühstückt alleine in Gegenwart seiner Eltern.“ Eine Formulierung, die versehentlich unpräzise und durch diese Uneindeutigkeit vielfältig interpretierbar ist.

Auch der Titel des Romans ist mehrdeutig. Das Schulgebäude des Gutenberg-Gymnasiums wurde nach dem Amoklauf saniert, weshalb ein vorübergehender Umzug nötig war. Gleichzeitig setzte ein schneller Verdrängungsprozess ein. „Man hatte diesen eisernen Willen zur Normalität, den Schulalltag fortzusetzen“, sagt Erdmann. „Wir haben sehr schnell wieder Klassenarbeiten geschrieben, und gleichzeitig war natürlich irgendwie nichts okay.“ Die Überforderung der Schülerinnen und Schüler habe sich bereits darin ausgedrückt, ein sinnvolles Gespräch über ein so ernstes Thema zu führen, liest der Autor aus seinem Roman vor: „Deshalb wiederholten wir nur Versatzstücke, Phrasen, die wir aus den Telefonaten unserer Eltern abgehorcht hatten. Wir sagten, gehts dir gut? Und Gott sei Dank, ich habe mir solche Sorgen gemacht. Und das ist alles so schrecklich, so schrecklich.“

Fragwürdiger medialer Umgang

Dabei begegnen die Erwachsenen der Tat keineswegs reif, wie sich zeigt. Laskus spielt einen Ausschnitt seines Podcasts, in dem er die damalige Berichterstattung von Johannes B. Kerner thematisiert. Dieser führte Interviews mit traumatisierten Schülerinnen und Schülern, die dem Amoklauf entkommen waren. Erdmann schildert in seinem Text, wie sich die Medien kurz nach der Tat, „als man noch keine Details kannte, nichts wusste“, an ein Foto von Steinhäuser klammerten, es inhaltlich aufluden.

„Sie haben den leichten Anflug eines Lächelns auf Steinhäusers Lippen ein Grinsen genannt, ein zurückhaltendes, ein scheues, ein freches, ein spöttisches, ein unverschämtes, ein herablassendes, ein bösartiges Grinsen, ein brutales, gewalttätiges Feixen.“ In dieser Bilderstocherei stecke die absurde Sehnsucht, es vorher schon gewusst zu haben, schreibt Erdmann. Es gehe um die Vorstellung, dass alles hätte verhindert werden können, wenn sich nur jemand, ein Held, in Ruhe hingesetzt und ein Foto angeschaut hätte: „Aber vom Ende her sind alle Geschichten einfach zu erzählen.“