Nach dem Eklat um den Eingriff des Kulturstaatsministers in den Buchhandlungspreis sehen Kölner Händler die Auszeichnung beschädigt.
Kölner Buchhändler kritisieren Weimer„Herzlichen Glückwunsch, wir sind systemkonform!“

Jens Bartsch von der Buchhandlung in der Goltsteinstraße in Bayenthal.
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Gerade in diesen Zeiten sind Bücher und Literatur für eine lebendige, demokratische und freie Gesellschaft unverzichtbarer denn je. Das schreibt Wolfram Weimer (parteilos) in seinem Grußwort zum Deutschen Buchhandlungspreis. Was wahrscheinlich jeder Buchhändler und jede Buchhändlerin gerne unterschreiben würde – zumal der Kulturstaatsminister betont, wie wichtig der Beitrag der inhabergeführten Buchhandlungen sei. Trotzdem war Weimar den Empfehlungen der Jury für diesen Preis in drei Fällen nicht gefolgt – wegen nicht näher erklärter „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“. Eine Entscheidung, die hohe Wellen geschlagen hat im Kulturbetrieb.
Zurückbleiben 115 Gewinner, die sich nicht mehr so richtig freuen können über ihren Preis. Darunter auch zwei Kölner Buchhandlungen. „Auf die Spitze getrieben könnten wir jetzt eigentlich eine Folie am Schaufenster anbringen: Herzlichen Glückwunsch, wir sind systemkonform!“, sagt Jens Bartsch, Inhaber der Buchhandlung Goltsteinstraße, bitter. Und auf die Frage, ob die Debatte um den Preis einen Schatten auf die Auszeichnung wirft, sagt er: „Keinen Schatten – Stockdunkelheit. Der Preis ist beschädigt.“
Wer diesen Preis in Zukunft gewinnen will, überlegt wahrscheinlich dreimal, welche Veranstaltungen man noch macht.
Genau diese Formulierung benutzt auch Uli Ormanns, Inhaber der Agnes-Buchhandlung und ebenfalls ausgezeichnet mit dem Buchhandlungspreis. Wolfram Weimers Entscheidung kann er überhaupt nicht nachvollziehen – die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen seien ja sogar schon mehrmals mit genau diesem Preis ausgezeichnet worden. „Bei den anderen Kulturstaatsministern hat die politische Ausrichtung nie eine Rolle gespielt.“
Die Buchhandelsbranche, die doch eigentlich mit dem Preis gewürdigt werden sollte, fühlt sich unter Generalverdacht. „Im Prinzip werden jetzt drei Kollegen an den Pranger gestellt und kein Mensch weiß, warum. Wie sollen sie sich dagegen wehren, wenn sie noch nicht einmal wissen, welcher Vorwurf ihnen gemacht wird?“, fragt Jens Bartsch. „Und jeder spekuliert nun wild herum – das ist das Unsägliche.“ Vielleicht reiche es ja schon, überlegt Uli Ormanns, wenn Kunden in die Buchhandlung kommen, die der Verfassungsschutz beobachtet.
Die Verunsicherung ist groß: „Wer diesen Preis in Zukunft gewinnen will, überlegt wahrscheinlich dreimal, welche Veranstaltungen man noch macht“, sagt Jens Bartsch. Und ob man sich überhaupt bewirbt: „Herr Weimer hat ja auch bekannt gegeben, dass sämtliche Förderung aus seinem Hause künftig mit einer Verfassungsschutz-Nachfrage einhergehen wird. Welcher Kunstschaffende will sich denn unter solchen Umständen bewerben?“, fragt Uli Ormanns sich.

Buchhändler Uli Ormanns in seiner Agnes-Buchhandlung.
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Die geplante Verleihung auf der Leipziger Buchmesse sagte Weimer schließlich ab, weil wegen der erwarteten Proteste „ein würdevoller Festakt für die Preisträger nicht möglich sei“, wie ein Sprecher mitteilte. Doch so wahnsinnig würdevoll wäre es in diesem Jahr ohnehin nicht geworden – da sind sich die beiden Kölner Buchhändler sicher.
„Früher war das immer ein Treffen der Branche. Ein großes Fest an einem schönen Ort. Und Weimers Vorgängerinnen Claudia Roth und Monika Grütters sind dem Buchhandel da mit großer Wärme und Wertschätzung begegnet“, erinnert sich Uli Ormanns, dessen Agnes-Buchhandlung in diesem Jahr schon zum fünften Mal ausgezeichnet wird. In Leipzig war exakt eine Stunde vorgesehen – für die Würdigung von den 115 verbliebenen Buchhandlungen inklusive Reden, Sektempfang und Fotos. Das „hatte schon so ein bisschen Fließbandcharakter“, findet Jens Bartsch.
Nach Leipzig wären die beiden deswegen ohnehin nicht gefahren. Und sie haben auch ernsthaft überlegt, ob sie die Auszeichnung überhaupt annehmen sollen. „Meine erste Reaktion war tatsächlich, den Preis abzulehnen“, sagt Uli Ormanns. Aber dann habe es eine große Solidarität der Buchhandlungen untereinander gegeben. Und nun tun sich alle zusammen und legen einen Teil ihres Preisgeldes für die drei Buchhandlungen zusammen, die leer ausgehen sollten. Die Wertschätzung, die der Kulturstaatsminister diesen Läden verweigert hat, bekommen diese nun umso mehr – in den Sozialen Medien und vor Ort von Verlagen, Autoren, Lesern und Leserinnen.
Beide Kölner Buchhändler sprechen von einer „Agenda“, die Wolfram Weimer offensichtlich durchdrücken möchte. Eine Agenda, die absurderweise gerade die Meinungsvielfalt ausblenden will, für die der Preis für die inhabergeführten Buchhandlungen eigentlich steht. „Ich bin mit Sicherheit nicht verdächtig, extrem links oder was auch immer zu sein“, sagt Jens Bartsch. „Aber wir haben hier natürlich auch Bücher von der Edition Nautilus, mit deren Inhalt ich nicht konform gehe. Es ist doch wichtig, dass unterschiedliche Meinungen präsentiert werden. Und jeder sich dann heraussuchen kann, was ihm gefällt.“ „Buchhandlungen sind ja ein Ort der Meinungsvielfalt, auch der Freiheit der Meinungen und der Kultur“, sagt Uli Ormanns und klingt dabei fast wie Weimers Grußwort – nur, dass er und seine vielen Kollegen in den Buchhandlungen tatsächlich dafür geradestehen.



