Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Uwe Reich als Lehrer in Köln – und kritisiert Bürokratie, Lehrermangel und den Zustand des Bildungssystems.
Mit 80 noch im SchuldienstKölns ältester Grundschulrektor hört nicht auf

Uwe Reich ist mit 80 Jahren mutmaßlich Kölns ältester Schulleiter und führt die Katholische Grundschule Alzeyer Straße.
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Als Uwe Reich seinen ersten Tag als Lehrer begann, war Helmut Schmidt noch Bundeskanzler, endete gerade die Franco-Diktatur in Spanien, kapitulierte Südvietnam nach dem Fall von Saigon vor den nordvietnamesischen Truppen. Es war das Jahr 1975, Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ schockte das Kinopublikum und Abba stürmten mit ihrem Hit „SOS“ die Charts, während Bill Gates sein Unternehmen Microsoft gründete. „Das waren damals ganz andere Zeiten“, sagt Reich, der seit 2021 die Katholische Grundschule (KGS) Alzeyer Straße in Bilderstöckchen in Teilzeit leitet.
Reich, der kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, ist Kölns ältester Grundschullehrer und vermutlich auch der älteste Rektor der Stadt und der Region. „Ich kann nicht die Welt retten, aber helfen, das System am Laufen zu halten“, sagt er zu seiner Motivation. „Und es macht Spaß.“ Dass er überhaupt noch seinen Beruf ausüben kann, hat er sich erkämpft. Denn eigentlich mussten Schulleiter vor 15 Jahren mit dem 65. Lebensjahr (heute 67 Jahre) in den Ruhestand gehen – möglich war und ist eine Ausnahme, die drei weitere Jahre im Job vorsieht. Mehr geht nicht. Sagt das Landesbeamtengesetz. Weil Reich weitermachen wollte, ist er schließlich aus dem Beamtenverhältnis ausgestiegen und hat sich als angestellter Vertretungslehrer und anschließend als Rektor wieder anstellen lassen. „Angestellte Lehrer dürfen nämlich arbeiten, bis sie umfallen“, sagt er lachend.
Ich kann nicht die Welt retten, aber helfen, das System am Laufen zu halten
Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn wurde er gleich ins kalte Wasser geworfen und nach dem Referendariat in Niederkassel an eine Brennpunkt-Schule versetzt. Zehn Jahre lang unterrichtete er an der Hauptschule Wilhelm-Schreiber-Straße in Ossendorf. Eine Herausforderung für den jungen Mann: Mal flogen Stühle aus den Fenstern, mal warfen Schüler im Unterricht Stinkbomben oder versprühten Tränengas. Es gab zwölfjährige Schülerinnen, die schwanger wurden. Und Jungs, die sich auf dem Schulhof prügelten. „Das war wirklich eine harte Zeit“, erinnert sich Reich. „Man war mehr Sozialarbeiter als Lehrer.“ Dennoch: Die Zeit in den Brennpunktschulen will er nicht missen. „Man bekommt von den Kindern viel zurück. Die halten einem auch schon mal die Tür auf.“
80 Prozent der Kinder an der KGS haben einen Migrationshintergrund
Seitdem hat Reich schon einige Schulen gesehen. Er war Lehrer und schließlich Konrektor an der Nippeser Gellartstraße, dann Schulleiter an der Erich-Ohers-Schule in Pesch und wechselte 2007 als Schulleiter an die Riphahn-Schule in Seeberg. „Damals wurden Lehrer noch nach der Anzahl der Schulkinder bezahlt“, sagt er. Nebenbei führte er auch noch die Bernhard-Letterhaus-Schule im Agnesviertel – acht Stunden in der Woche. Seitdem er 2014 ins Angestellten-Verhältnis wechselte, hat er sieben weitere Grundschulen geleitet: an der Bernhard-Letterhaus-Straße, der Loreleystraße (Innenstadt), am Europaring (Neubrück), der Heßhofstraße (Vingst), der Neusser Straße (Nippes), der Merianstraße (Chorweiler) und schließlich die Grundschule an der Alzeyer Straße.
Also wieder zurück in eine Brennpunktschule: Hoher Sozialindex, hohe Arbeitslosenquote, 80 Prozent der Kinder an der KGS haben einen Migrationshintergrund, viele sprechen zu Hause nicht Deutsch. „Bei vielen fängt man bei null an, es fehlt leider die gesunde Mischung“, sagt Reich. „Der Medienkonsum ist zudem ein echtes Problem.“ Er erlebe Kinder in den vierten Klassen, die das Smartphone kaum weglegen könnten, was zu Lasten der Konzentrationsfähigkeit gehe. „Wer gewohnt ist, alle drei Sekunden ein neues Video zu konsumieren, hat manchmal Probleme, sich länger einem Stoff zu widmen.“
Wer gewohnt ist, alle drei Sekunden ein neues Video zu konsumieren, hat manchmal Probleme, sich länger einem Stoff zu widmen
Schulreformen hat Reich, der selbst nicht mehr unterrichtet, kommen und gehen gesehen. So wurde in den 1970er Jahren die Mengenlehre eingeführt und wenig später wieder abgeschafft. In den Nuller-Jahren wurde Englisch als Fach ab der dritten Klasse eingeführt, später ab der ersten Klasse, um dann wieder in der dritten Klasse zu starten. Es hätten schlicht die Lehrkräfte gefehlt, weil Englisch als Fach in der Lehramtsausbildung für Grundschullehrer anfangs nicht gelernt werden konnte. „Viel hängt von der politischen Konstellation ab, die in Düsseldorf regiert“, sagt Reich. „Das nervt.“
Verbesserungsbedarf sieht er genug. „Das deutsche Bildungssystem ist eine Ruine vor dem Einsturz“, sagt er. Dringend müsse die föderale Schulstruktur beschnitten werden: 16 Bildungssysteme in einem Land, das gebe es so nicht in anderen europäischen Staaten und müsse dringend reformiert werden. Mehr noch: Lehrkräfte sollten intensiver geschult werden, damit sie mit Tablets und künftig auch Künstlicher Intelligenz besser umgehen könnten. Unsinn sei es zudem, dass es in NRW noch konfessionelle Schulen gebe. „An unserer Schule gibt es 230 Kinder, davon sind gerade einmal 53 katholisch.“ Die Doppelstruktur – die Alzeyer Straße ist Standort für die KGS und zugleich auch für eine Gemeinschaftsgrundschule – bände viel Personal. Zwei Schulen, zwei Schulleitungen, zwei Sekretariate und so weiter.
Wir haben Kinder mit emotionalen Störungen, die einem den Unterricht auf den Kopf stellen. Wenn davon fünf in einer Klasse sind, wird es eng
Zu wenig Platz gebe es für das Gemeinsame Lernen, in dessen Rahmen Kinder mit Förderbedarf in Regelschulen lernen sollen. Weil schlicht zu wenige Schulplätze vorhanden seien, habe man die bestehenden Klassen einfach aufgefüllt, so dass in den Klassen bis zu 28 Kinder lernen müssten. „Wir haben Kinder mit emotionalen Störungen, die einem den Unterricht auf den Kopf stellen. Wenn davon fünf in einer Klasse sind, wird es eng“, sagt Reich. Auch die derzeit anvisierten ABC-Klassen, in denen Kinder mit sprachlichem Förderbedarf ab 2028 zusätzlich in Grundschulen oder anderen Orten gefördert werden sollen, hält Reich für eine gute Idee, aber nicht für zu Ende gedacht. Es fehle schlicht an Personal und Räumen.
Auch am Schulabbau müsse gearbeitet werden, die Stadt müsse dafür sorgen, dass die Schule endlich eine adäquate Turnhalle erhielte, damit der Sportunterricht nicht teilweise im Blücherpark oder auf Spielplätzen abgehalten werden müsse. Und da gibt es den Container im Schulhof, in den es hineintropft, so dass nicht alle Unterrichtsräume genutzt werden könnten. Anstatt den Container zu ersetzen, habe die Stadt ein Zelt über den Bau gespannt. Eine offenbar kölsche Lösung.
An Aufhören denkt Reich noch lange nicht. „Ich mache weiter, solange ich gebraucht werde und der Job Spaß macht.“ Schließlich seien Musiker Udo Lindenberg und Sängeirn und Schauspielerin Cher auch 80 und noch aktiv. Für die Zukunft wünscht er sich weniger Bürokratie für Schulen und Schulleiter. Z sehr vielen Ämtern und Behörden müsse man Kontakt halten. „Wenn ich einen Stuhl bestelle, überlege ich, ob das Amt für Schulentwicklung oder das Bürgeramt zuständig ist.“ Reich wundert es daher nicht, dass derzeit elf Prozent aller Schulleitungsposten in Köln nicht besetzt sind. „Die Bürokratie schreckt die Leute ab.“
