Hohe Belastung und viel Bürokratie schrecken viele Lehrkräfte ab: In Köln sind derzeit mehr als elf Prozent aller Schulleitungsstellen unbesetzt.
„Eine Katastrophe“Jede neunte Kölner Schule steht ohne Leitung da

Zahlreiche Schulleitungsstellen sind in Köln nicht besetzt.
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Christiane Hartmann hat ihren Traumberuf gefunden: Seit 21 Jahren ist sie Leiterin der James-Krüss-Grundschule in Ostheim und würde jederzeit wieder die gleiche Berufswahl treffen. „Trotz aller Hindernisse kann man hier einfach viel bewegen“, sagt sie. Hartmann kann aber durchaus nachvollziehen, warum das Land Probleme hat, Schulleitungsstellen zu besetzen. Zu viel Bürokratie, eine zu hohe Arbeitsbelastung. „Ich leite eigentlich einen mittelständigen Betrieb mit etwa 60 festangestellten Mitarbeitenden“, sagt sie. „Das ist viel Verantwortung - und das schreckt viele ab.“
Ich leite eigentlich einen mittelständigen Betrieb mit etwa 60 festangestellten Mitarbeitenden“
Offenbar werden mehr Anwärter abgeschreckt, als für das Schulsystem gut ist. In Köln ist derzeit jede neunte Schulleitungsstelle nicht besetzt. 31 der 274 Schulen müssen derzeit ohne eine Führungskraft auskommen – 11,31 Prozent, wie das Schulministerium NRW auf Anfrage dieser Redaktion mitteilte. 21 Schulen haben demnach seit mindestens sechs Monaten keine Leitung. 42 Schulen müssen derzeit ohne eine Vertretung für die Schulleitung auskommen, in 27 Schulen ist dies seit mehr als sechs Monaten der Fall. Betroffen sind von den Vakanzen vor allem Grundschulen - 20 Schulleitungen fehlen hier.
Köln liegt damit weit über dem NRW-Durchschnitt. Landesweit fehlen 6,9 Prozent oder 331 der insgesamt 4516 Leitungen. Auch im Städtevergleich der größten NRW-Kommunen rangiert Köln weit vorn. Während in Köln 31 Schulleitungen fehlen, sind es in Düsseldorf nur 12, in Dortmund 10, in Essen 11 und in Duisburg 9. In Bonn ist gerade einmal eine von 91 Stellen vakant – 1,1 Prozent. In Hamm konnte sogar jeder der 53 Leitungen besetzt werden.
Die Schulen stellen die vakanten Stellen vor Probleme: „Fehlt die Schulleitung, läuft zwar der Schulalltag auf Sparflamme geordnet weiter", sagt Hartmann. Intensive pädagogische Arbeit an der Verbesserung der Unterrichtsqualität und an der Profilierung von Schulen bleibe jedoch oft auf der Strecke, weil sich Lehrkräfte mit solchen Dingen meist nicht auskennen würden. Und wenn der Posten der Stellvertretung länger frei ist, fehle der Leitung der kreative und entlastende Austausch.
Es gibt keine klare Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben
Zu den Gründen, warum das Land offenbar Probleme hat, die Stellen zu besetzen, hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im vergangenen Jahr eine Umfrage unter 1300 Schulleitungen durchgeführt. Ergebnis: Viele fühlen sich stark durch den Beruf belastet. 94 Prozent der befragten Schulleitungen gaben an, regelmäßig am Wochenende zu arbeiten, sagte damals Ayla Celik, Vorsitzende der GEW NRW. 88 Prozent arbeiteten auch abends oder nachts. „Es gibt keine klare Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben: Hier werden die strukturelle Überlastung und das Erwartungsniveau besonders deutlich“, so Celik.
Die hohe Arbeitsbelastung sieht auch Schulleiterin Hartmann kritisch. So arbeite sie regelmäßig am Wochenende und teilweise auch am Abend. „Es gibt Phasen, die sind extrem dicht. Mit 45 Stunden komme ich da nicht aus.“ Zeit, die dann für die pädagogische Arbeit fehle.
Kölns Schulpolitiker sehen zahlreiche Probleme
Auch Kölns Schulpolitiker sehen zahlreiche Probleme: „Die Zahlen sind eine Katastrophe“, sagt Bärbel Hölzing (Grüne). Angesicht der mehr als 8800 Lehrkräfte, die im Land NRW fehlten, sei der Befund allerdings keine Überraschung. Damit mehr Lehrende auch die Aufgaben der Schulleitungen übernehmen wollten, müsse man die Bürokratie verringern. „Im Moment ist die Schulleitung ein Verwaltungsjob. Dafür muss man geboren sein.“ Lehrende müssten zu viel Zeit mit administrativen Dingen verbringen, die sie eigentlich für pädagogische Aufgaben verwenden sollten, sagt auch Stefanie Ruffen (FDP). Es sei „hanebüchen“, wie viel Aufwand es brauche, damit eine Schultoilette repariert wird.

Christiane Hartmann ist Leiterin der James-Krüss-Schule in Ostheim.
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Der Vorsitzende des Kölner Schulausschusses, Helge Schlieben (CDU), macht neben Arbeitsbelastung und bürokratischen Aufwand die mäßige Bezahlung der Grundschulleitungen für die Probleme verantwortlich. Diese verdienten nur unwesentlich mehr als die anderen Lehrkräfte und weniger als Schulleitungen in weiterführenden Schulen. Zudem sei die Arbeit an Schulen heute unter anderem wegen der heterogenen Schülerschaft herausfordernder als noch vor einigen Jahren: „Alle Probleme, die die Gesellschaft nicht lösen kann, werden auf die Schulen abgewälzt.“ Hinzu komme, dass der Fachkräftemangel nicht vor den Schulen halt mache.
Landesregierung will die Bürokratie abbauen
Oliver Seeck (SPD) regt an, den Schulleitungen Verwaltungsleitungen an die Seite zu stellen, die sich um technische und administrative Aufgaben kümmen könnten. Diese sollen seiner Meinung nach aus der Stadtverwaltung kommen und sich um eine größere oder mehrere kleinere Schulen kümmern. Lehrende hätten dann wieder mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben, was die Attraktivität des Berufs maßgeblich steigern würde.
Die Landesregierung will nun die Bürokratie abbauen, um Schulleitungen zu entlasten. Schulministerin Dorothee Feller habe deshalb einen Prozess angestoßen, um bürokratische Abläufe zu überprüfen, Verwaltungsaufwand zu reduzieren und die Rahmenbedingungen für Schulleitungen sowie Lehrkräfte zu verbessern, teilt das Schulministerium mit.
Im Austausch mit der von Feller eingerichteten Arbeitsgemeinschaft Schulleitung sowie durch Vorschläge aus Schulen in ganz Nordrhein-Westfalen seien konkrete Hinweise gesammelt, ausgewertet und auf ihre Umsetzbarkeit geprüft worden. Die Maßnahmen setzten insbesondere bei der Reduzierung von Abfragen, der Vereinfachung von Abläufen und dem gezielten Einsatz Künstlicher Intelligenz an. Ziel sei es, Schulleitungen mehr Zeit für ihre pädagogischen Kernaufgaben zu geben und Leitungsaufgaben langfristig attraktiver zu machen.
Für Schulleiterin Hartmann geht das in die richtige Richtung. „Ich erwarte aber nicht, dass sofort alles besser wird.“ Hilfreich wäre, die Entbürokratisierung zusätzlich mit systematischer Befreiung von manchen Vorgaben zu verbinden. Das wird aber vermutlich noch etwas Zeitin Anspruch nehmen. „Geduld und Hartnäckigkeit sind in diesem Beruf zentral: Schule ist ein großer, träger Tanker", sagt Hartmann.
