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Nach Angriff mit BenzinKölner Ordnungsdienst prüft Einsatz stärkerer Reizgas-Sprühgeräte

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Mitarbeiter des Kölner Ordnungsamts im Einsatz bei der Sessionseröffnung am 11.11.2025 auf der Zülpicher Straße (Symbolbild)

Mitarbeiter des Kölner Ordnungsamts im Einsatz bei der Sessionseröffnung am 11. November 2025 auf der Zülpicher Straße (Symbolbild)

Die Stadt Köln zieht Konsequenzen aus einer Benzin-Attacke auf einen Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes.

Nach dem gefährlichen Angriff am Bahnhof Ehrenfeld im April, bei dem ein Ordnungsdienstmitarbeiter mit Benzin übergossen wurde, prüft die Stadt Köln zusätzliche Maßnahmen zum Schutz ihrer Einsatzkräfte. „Wir wollen Hochleistungsreizstoffsprühgeräte einsetzen, deren Einsatz jetzt gerade aktuell geprüft wird“, kündigte Ordnungsdezernentin Andrea Blome am Montag im Ausschuss Allgemeine Verwaltung und Rechtsfragen, Vergabe und Internationales (AVR) an. Details der Pläne nannte sie auf Nachfrage dieser Redaktion nicht.

Bereits Ende 2017 hatte der damalige Stadtdirektor Stephan Keller den Ordnungsdienst mit Reizgaspistolen ausstatten wollen. Das Argument für den Einsatz der Hochleistungsgeräte, die wie eine Handfeuerwaffe aussehen, lautete: höhere Treffsicherheit und Reichweite, auch bei Wind und Regen. Doch nachdem im März 2018 in Bergisch Gladbach ein 30-Jähriger durch einen Schuss aus einer Pfefferpistole tödlich verletzt worden war, lehnte die Politik das martialisch anmutende Pistolenmodell ab. Der Kölner Ordnungsdienst bekam zwei andere Reizstoffsprühgeräte in Form einer Sprühdose – ein kleines und ein etwas größeres Modell. Nun werden noch einmal mögliche Alternativen geprüft.

Außerdem kündigte Blome an, dass im Ordnungsamt Supervisionen eingeführt werden sollen. Darunter versteht man eine professionelle Beratung mit dem Ziel, berufliche Abläufe zu verbessern oder Konfliktsituationen zu lösen. Zur Frage, inwieweit hierdurch bestehende Hilfsangebote für im Einsatz besonders belastete Mitarbeitende ergänzt werden sollen, äußerte sich Blome auf Anfrage nicht.

Massive Schutzausrüstung für den Kölner Ordnungsdienst

Bei der Attacke am 8. April am Bahnhof Ehrenfeld hatte eine Frau (49) einen 33 Jahre alten Mitarbeiter des Ordnungsdienstes mit Benzin aus einer Flasche übergossen und ihm mit einem Feuerzeug gedroht. Die Frau wurde von anderen städtischen Mitarbeitern überwältigt und später in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Verwaltungsausschuss nahm den Angriff zum Anlass, über die Gefährdungslage im Ordnungsdienst zu diskutieren und darüber, wie die Beschäftigten im Einsatz besser geschützt werden können.

Stadtdirektorin Blome betonte, der erste Schutz bestehe darin, dass die Stadt Köln den Ordnungsdienstkräften „eine sehr solide Grundausbildung“ zuteil werden lasse – mit intensiven psychologischen, taktischen und rechtlichen Schulungen im Schulungszentrum in Junkersdorf. Ihre Schutzausrüstung bestehe aus „ballistischen Schutzwesten, die auch stichsicher sind“, Bodycams, Funkgeräten mit Notfalltasten, Reizstoffsprühgeräten und Schlagstöcken. Die Ausrüstung sei inzwischen „sehr, sehr schwer geworden“, unterstrich Blome. Es sei bedauerlich, dass die Mitarbeitenden überhaupt so viel Schutzausrüstung tragen müssten, „um sicher im Dienst unterwegs sein zu können“.

Stadt Köln setzt zunehmend auf Bodycams zur Beweissicherung

Bodycams spielen für den Schutz der Ordnungsdienstkräfte und die Beweissicherung bei Vorfällen zunehmend eine wichtige Rolle, betonte Blome. Die Kameras würden inzwischen flächendeckend eingesetzt, mindestens eine Bodycam pro Team sei Pflicht. Da sich das Gegenüber im Display der Kamera sehe, wirke die Bodycam deeskalierend. Und weil nach Auseinandersetzungen stets Wort gegen Wort stehe, setze man inzwischen verstärkt auf die Kameraaufzeichnungen als Beweismittel, erklärte Blome. Deren Nutzung habe „deutlich“ zugenommen. Im Jahr 2024 seien Aufnahmen aus Bodycams in sechs Ermittlungsverfahren berücksichtigt worden, 2025 bereits in 21 Fällen. Dabei ging es laut Stadt insbesondere um die Straftatbestände Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, Körperverletzung und Bedrohung. In den Jahren 2024 bis 2026 seien insgesamt 68 relevante Bodycam-Aufnahmen durch Ordnungsdienstkräfte getätigt worden.

Wie die Stadt auf Anfrage mitteilte, wurde während der Attacke am Bahnhof Ehrenfeld am 8. April allerdings gar kein Bodycam-Video aufgezeichnet. „Die Dynamik und die unerwartete Reaktion der Beschuldigten ließen eine Aktivierung der Bodycam nicht zu.“ Auch die unmittelbar beteiligten Kollegen „konnten in der Kürze der Zeit und aufgrund des vorrangigen Selbstschutzes und vorrangiger Nothilfe für den angegriffenen Kollegen die Bodycam nicht aktivieren“.

„Neue Dimension des Gewaltpotenzials“

Die Ausschussmitglieder zeigten sich betroffen über die lebensbedrohliche Benzin-Attacke. Sie zeige „eine neue Dimension des Gewaltpotenzials gegen Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Das ist etwas, was wir nicht hinnehmen dürfen, nicht hinnehmen können“, erklärte Werner Marx (CDU). Hans Schwanitz (Grüne) nannte den Angriff „erschreckend“, wies aber darauf hin, dass die Zahl der Einsätze am Bahnhof Ehrenfeld laut Bundespolizei rückläufig sei.

Zur Nachsorge für belastete Mitarbeiter sagte Blome: „All unsere Mitarbeitenden im Ordnungsdienst, aber zum Beispiel auch in den Feuerwehren haben es in ihrem Einsatz mit äußerst belastenden Situationen zu tun. Das wissen wir schon seit Jahrzehnten und haben uns gut darauf eingestellt.“ Betroffene würden nach belastenden Situationen im Team aufgefangen sowie im betrieblichen Gesundheitsmanagement und dem sogenannten MUT-Team (Mitarbeitende-Unterstützungsteam) sowie mit weiteren Maßnahmen. Die Maßnahmen sei aber sehr individuell zu sehen und müssten „immer zu den Menschen passen“.