„Bullshit“Lokalzeit-Moderatorin wehrt sich gegen WDR-Rauswurf wegen Diversität

Lesezeit 5 Minuten
Neuer Inhalt (7)

Moderatorin Simone Standl

Köln – Eine Minute und 45 Sekunden. So lang ist der Abschiedsfilm, der an diesem Mittwoch laufen wird, wenn sich Simone Standl als Moderatorin von den Zuschauerinnen und Zuschauern der „WDR Lokalzeit Köln“ verabschieden wird. 

Meistgelesen 2021

Unsere besten Texte 2021 – dieser Text ist erstmals am 29. Juni 2021 veröffentlicht worden.

Das war es dann nach 17 Jahren. Seit 2004 moderiert Standl die „Lokalzeit“, für den WDR arbeitet sie schon viel länger. Die Lokalzeit ist ein Aushängeschild des WDR, Simone Standl ist vielen Zuschauer vertraut. Wenn solch etablierte Moderatorinnen Abschied nehmen, dann gibt es in der Regel eine Pressemitteilung im Vorfeld.

Bei Standl war das anders. Der WDR bestätigt ihren Abschied auf Anfrage, auch die Nachfolgerin steht fest: Sümeyra Kaya  wird in der zweiten Juli-Hälfte zum ersten Mal die „Lokalzeit Köln“ moderieren. Fragt man im WDR nach, warum Standl geht, kommt eine ziemlich lapidare Antwort:  „Unter den Lokalzeit-Moderator*innen gibt es immer wieder Wechsel. Das ist normal.“

Wer lang dabei ist, soll gehen

Fragt man Simone Standl, klingt das etwas anders: „Der WDR begründet meinen Abschied damit, der Sender müsse diverser werden. Das gehe nur mit neuen Gesichtern. Und Leute, die lange dabei sind, sollen als erstes gehen“, sagte die 59-Jährige dieser Zeitung. „RTL macht es komplett anders, macht es besser und hält an seinen bekannten Gesichtern fest.“

Ein Sprecher des WDR teilt mit, dem Sender sei es grundsätzlich wichtig, die Vielfalt der Gesellschaft im Programm abzubilden – und auch in den Redaktionen. Das habe man auch im Hinterkopf, wenn neue Moderatoren und Moderatorinnen gesucht werden: „»Mehr Vielfalt« ist in diesem Fall aber kein Anlass für den Wechsel.“

Verwunderlicher Vorgang

Wirklich nicht? Anfang des Jahres hatte ein Papier, das als Diskussionsgrundlage für die inhaltlichen und strukturellen Ziele für die Programmgruppe Landesstudios diente, für großen Unmut  unter den Moderatoren gesorgt: „ Neue Moderator*innen finden und solche, die seit sehr vielen Jahren moderieren beziehungsweise sich nicht fortentwickelt haben verabschieden und dabei diverser werden“, hieß es darin. Zwar ruderte man später zurück,  eine langjährige Moderation an sich sei  kein alleiniger Grund zur „Verabschiedung“, aber verwunderlich ist der Vorgang doch.

Simone Standl hat Verständnis, dass der WDR sich auch immer wieder erneuern muss. „Natürlich hat jeder Arbeitgeber das Recht, etwas anderes auszuprobieren, aber dann muss man anständig mit den Leuten umgehen. Ich stehe seit 27 Jahren beim WDR vor der Kamera, seit 1998 regelmäßig. Wir sind hier alle tief frustriert, das Klima ist nicht mehr schön. Alle stehen unter enormem Druck, auch die Festangestellten. Es kann von heute auf morgen zu Ende sein, und dann steht man da.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Die 59-Jährige ist – wie bei vielen öffentlich-rechtlichen Sendern üblich – als Moderatorin nicht fest angestellt. „Ich nenne uns im Nachrichten-Regionalbereich immer die Frontsoldaten. Wir machen die Quote, müssen uns aber zu Tode sparen. Wir haben teilweise über 30 Prozent, ein Drittel des Marktanteils“, so die Journalistin. Das werde zwar goutiert, aber es werde auch immer wieder betont: Ihr habt einen tollen Job, aber ihr wisst, der ist endlich. „Es ist für uns freie Moderatoren ein Damoklesschwert, das permanent über einem schwebt.“

Ihr wurde ihr Moderations-Aus mitten in der Corona-Zeit, drei Tage vor dem Herbst-Lockdown, mitgeteilt. Sie ist nicht die einzige, mit der so umgangen wird. Dass Wertschätzung etwas sei, was den Verantwortlichen unwichtig scheine, sei bekannt, berichtet eine andere Journalistin. Aber mit welcher Beharrlichkeit das unter Beweis gestellt werde, mache sprachlos.

Vor vollendete Tatsachen gestellt

„Jeder schluckt alles runter, aber so passiert natürlich nichts“, bestätigt Standl. „Und dann steht in der Presse: Frau Standl möchte mit 59 andere Wege gehen. Bullshit. Ich hätte noch drei, vier Jahre machen können. Vielleicht auch bis Mitte 60.“ Aber niemand habe sie nach ihren Wünschen gefragt. „Man wird behandelt wie ein Lehrling, der die Probezeit nicht bestanden hat. Man hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist ein Unding. Es gibt keinerlei Selbstbestimmung.“

Und noch ein Vorwurf ist aus dem WDR zu hören: Standl müsse gehen, weil sie zu alt sei. Das war vor einigen Jahren schon mal ein Kritikpunkt. Der WDR teilt zu dieser Frage schlicht mit, Standls Alter habe nichts mit dieser Entscheidung zu tun.

Großer Druck auf freie Mitarbeiter

Die Journalistin hat eine klare Meinung zu dem Thema: „Unsere Zuschauer sind im Schnitt 66 Jahre, es macht aus meiner Sicht gar keinen Sinn zu sagen, wir brauchen jetzt jüngere Moderatoren.“

Und wie geht es für sie beim WDR nun weiter? Zunächst habe man ihr angeboten, Beiträge für die Lokalzeit zu machen. Ein adäquates Angebot sei das nicht. Zumal jeder, der den WDR ein bisschen kennt, weiß, wie groß der Druck ist, der gerade auf den freien Mitarbeitern lastet. Der Kuchen, den es zu verteilen gilt, wird immer kleiner.

Im Moment sieht Simone Standls berufliche Zukunft so aus, dass sie ein paar Mal im Monat in der Nachmittagsschicht die Hörfunk-Nachrichten präsentieren wird. Beim WDR klingt das so: „Wir freuen uns, dass Simone Standl als hervorragende Journalistin und Moderatorin mit einer besonderen Kenntnis der Region weiter für die Lokalzeit arbeiten wird: Sie wird unter anderem im Radio bei WDR 2 die Lokalzeit aus Köln präsentieren.“

Warum man die „hervorragende Journalistin“ allerdings nicht mehr vor der Kamera sehen möchte, bleibt unbeantwortet.

Nachtmodus
KStA abonnieren