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Kölner Acht-Brücken-Festival eröffnetBarockes unter Blumenzwiebeln

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Karl Huml agiert stimmgewaltig in Richard Ayres’ „The Garden“.

Köln – „Der Applaus fehlt“, stellt die Moderatorin Claudia Belemann am Schluss bedauernd fest. Klar, das Acht-Brücken-Eröffnungskonzert findet wie das komplette Festival wegen der Corona-Pandemie ausschließlich digital statt: Die zwölf Mitglieder des WDR-Rundfunkchores, die da unter ihrem neuen Leiter Nicolas Fink im Großen Sendesaal am Wallrafplatz zeitgenössische Chormusik präsentieren, singen in einen echolosen Raum hinein – Interessenten können das Ereignis über die Acht-Brücken-Mediathek als Stream abrufen.

Aber nicht nur in dieser Hinsicht verändert sich – erneut nach 2020 – der Charakter des renommierten Kölner Festivals für Neue Musik, und zwar grundsätzlich. So richtig deutlich wird das beim zweiten Stream, einer Aufführung der multimedialen Performance „The Garden“ aus der Werkstatt des Briten Richard Ayres. Es handelt sich hierbei gar nicht mehr (wie noch im Fall des Chorkonzerts) um die Live-Abbildung eines Musikereignisses aus einer der Kölner Locations. Vielmehr spielt man eine filmische Realisation ein, die im April auf dem Gelände des Blumenzwiebelproduzenten Moolenaar in den Niederlanden erstellt wurde . Die Musiker des illustren Neue Musik-Ensembles Asko/Schönberg unter dem Dirigenten Ed Spanjaard agieren in einer Fabrikhalle.

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Asko/Schönberg kooperiert mit Acht Brücken, de facto aber begibt sich eine bemerkenswerte Entkoppelung und Entgrenzung von Raum und Zeit, Performance und Publikum: Wo etwas wann unter welchen Bedingungen stattfindet, spielt keine Rolle mehr („The Garden“ kann noch über einen Monat hinweg auf der ganzen Welt in der Mediathek kostenlos abgerufen werden). Damit aber verflüchtigt sich das Hier und Jetzt des Geschehens ins Imaginäre.

Ist das kleinlich-überflüssige Nörgelei angesichts eines Unvermeidlichen, dem sich die Veranstalter immerhin mit fatalistisch-achselzuckender Professionalität stellen? So ist es jedenfalls nicht gemeint, das, was KölnMusik hier unter den obwaltenden Bedingungen zustande bringt, ist aller Ehren wert. Das Phänomen erheischt vielmehr ein theoretisches und praktisches Interesse: Corona verändert offensichtlich in eklatanter Weise die Präsentations- und Rezeptionsformen von Musik. Das ist eine irritierende ästhetische Erfahrung, die auch nicht verloren gehen dürfte, wenn die Pandemie und ihre Auswirkungen irgendwann – hoffentlich bald – überwunden sein werden.

Im Rahmen des Üblichen

Nun bewegt(e) sich der WDR-Chor – sieht man vom fehlenden Publikum und von den riesigen Abständen zwischen den Sängern auf dem Podium ab – zweifellos noch im Rahmen der Gepflogenheiten. Unter dem etwas gesuchten Motto „Spiel- und Ernst=Zeug“ erklangen David Langs „The little match girl passion“ von 2008 (sie überblendet spektakulär, aber keineswegs gewaltsam Bachs Matthäuspassion und Andersens „Passionsmärchen“ vom Mädchen mit den Schwefelhölzern) und Auszüge aus Lera Auerbachs „Galgenliedern“ nach Christian Morgenstern (2013). Beide Vokalwerke, die der WDR-Chor im dramatisch-emotionalen Zugriff eindrucksvoll und suggestiv realisierte, sind in erstaunlich kurzer Zeit kanonfähig geworden. Ein mutmaßlicher Grund: In ihrer Polystilistik, die vom Neobarock über den Minimalismus bis zum Jazz und südamerikanischen Tanz-Idiomen reichen, aktivieren sie geläufige Erfahrungsmuster. Die guten alten Bekannten, die überall um die Ecke kommen, erzeugen ein (mitunter allerdings auch täuschendes) Flair von Vertrautheit, das diese Musik auf Anhieb zugänglich macht – auch für diejenigen, die über Tonkunst des 21. Jahrhunderts tendenziell die Nase rümpfen.

Die Uraufführung musste verschoben werden

Die Uraufführung von Gordon Kampes „Gespenster und Fahnen“ musste wegen der geforderten, in Corona-Zeiten aber überfordernden Opulenz verschoben werden, übrig blieben die vom sonic.art Saxophonquartett gespielten „Zehn Symphonien“ Kampes (er ist einer der „Leit-Komponisten“ des Festivals) von 2011. Das sind Miniaturen, in denen, freilich ins Humorige gewendet, noch der Geist von Weberns Orchesterfragmenten weiterlebt.

Schließlich, aus besagter Blumenzwiebelhalle, Ayres’ „Garden“, eine 2017/18 entstandene Komposition für Bass, Ensemble und Soundtrack. Als narrativer Leitfaden dient die Geschichte eines Mannes (ihn und alle anderen Dramatis Personae stellte mit eindrucksvoller szenischer Präsenz der australische Bassbariton Karl Huml vor), der in seinem Garten ein Loch gräbt, um damit zum Mittelpunkt der Erde vorzustoßen. Jules Verne und Franz Kafka lassen grüßen, inspirierend wirkten auch Dante, Shakespeare, Poe und andere.

Es wird zu einem strapaziösen Overkill

Der Zusammenhang ergibt sich aus dem Miteinander von gesungenen und projizierten Texten, ist freilich beim spontanen ersten Hören nur schwer zu erschließen. Eine Welt zwischen Himmel und Hölle öffnet sich, in der Fantasie, Traum und Wirklichkeit ineinanderschwimmen. Als optische Attraktion kommen Visuals der für ihre Animationsfilme bekannten US-Künstlerin Marta Colburn hinzu.

Schön und gut, aber in der Tendenz gerät all das zu einem die Sinne strapazierenden Overkill, der irgendwann nicht mehr animiert, sondern erschlafft. Bei der Stange halten den Hörer die auch von Ayres eingeführten guten Bekannten neben Techno, Choral und belustigendem Synthi-Sound: Da gibt es zum Beispiel waschecht-wohlklingende barocke Quintfall-Sequenzen. Händel unter den Blumenzwiebeln – wer hätte das gedacht?

www.acht-bruecken.de