Michael Alexander Willens hat zwei neue Aufnahmen herausgebracht: Sie umfassen protestantische Kurzmessen von Bach und Mozart’sche Klarinettenwerke.
Barock und Wiener KlassikKölner Akademie-Chef Willens interpretiert Bach und Mozart neu

Der Chef des Alte Musik-Ensembles Kölner Akademie: Michael Alexander Willens
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Michael Alexander Willens, der Chef des Alte Musik-Ensembles Kölner Akademie, ist – produktiv wie eh und je – immer auch für die Erschließung von Raritäten aus dem 18. und 19. Jahrhundert gut. Jetzt liegt freilich, beim niederländischen Label Pentatone, eine Doppel-CD mit Bachs sogenannten protestantischen Kurzmessen (BWV 233-236, jeweils mit Kyrie und Gloria) vor, die man schwerlich als Raritäten klassifizieren kann.
Und doch: Diese Messen, die Bach Ende der 1730er Jahre zusammenstellte, sind Mauerblümchen des Konzertlebens geblieben – nicht, weil der Thomaskantor hier unter seinem Niveau bliebe, sondern weil es sich zum größten Teil um umtextierte Chorsätze und Arien aus zuvor komponierten Kirchenkantaten handelt. Abfällig gesagt: um Zweitverwertungen. Diese Werke deshalb gering zu schätzen, besteht freilich kein Anlass. Denn Auswahl, Adaption und Kombination der Vorlagen sind meisterhaft – abgesehen davon, dass ja auch niemand der gleichfalls aus einer solchen Kurzmesse entwickelten h-Moll-Messe den Vorwurf macht, sie bestehe zum großen Teil nicht aus Originalen.
Die Aufnahme hält magische Augenblicke bereit
Willens legt mit seiner Aufnahme eine hochprofessionelle, mit den Usancen barocker Klangrede tiefvertraute Interpretation vor, die agogisch nicht einmal über die Stränge schlägt. Allemal wird Bachs Verwurzelung in der auf Palestrina zurückgehenden „stile antico“-Tradition genauso herausgestellt wie seine problemlos-vitale Anverwandlung des modernen italienischen Concerto-Prinzips. Der Gegensatz zwischen dem Kyrie und dem folgenden, hörnerjubelnden „Gloria in excelsis“ in BWV 233 wirkt in diesem Sinne sehr nachdrücklich. Es gibt wiederholt magische Augenblicke – etwa das „Miserere nobis“ in BWV 234. Und die Oboe zum Beispiel glänzt immer wieder mit ihrem expressiv-nonegalen Spiel. Einige arg abgerissene Phrasierungen befremden ein wenig, und ob der Stretta-Effekt am Ende von BWV 233 mit leicht angezogenem Tempo nicht etwas stilwidrig ist, darf wenigstens gefragt werden.
Willens wählt eine extrem kammermusikalische Besetzung – was im vokalen Sektor zur solistischen Besetzung auch des „Chorparts“ führt. Hier folgt er der Spur einer Besetzungsentscheidung, die Kollegen wie Joshua Rifkin und Andrew Parrott bereits vor Jahrzehnten trafen. Neuere Aufnahmen scheinen wieder die Präferenz für eine etwas stärkere Beschickung anzuzeigen. Wie auch immer: Die Causa ist nach wie vor nicht ganz geklärt, und wie der Hörer jeweils die Wahl beurteilt, ist letztlich eine Geschmacksfrage, die er für sich beantworten muss.
Hochkarätige Könner sind am Werk
Mitunter wirken die Singstimmen im instrumentalen Umfeld etwas defensiv, aber zweifellos sind mit Hanna Herfurtner (Sopran), Elvira Bill (Alt) und Thomas Bonni (Bass) hochkarätige Könner am Werk. Der Tenor Gwilym Bowen fällt leicht ab, und gleich die Vokalisation seines ersten „Kyrie“ klingt merkwürdig. Das richtig hinzukriegen, müsste eigentlich auch einem britischen Native Speaker problemlos möglich sein.
Beim französischen Label Outhere/Alpha hat Willens soeben eine zweite CD mit Mozart’schen Klarinettenwerken herausgebracht – dem Konzert KV 622 aus dem Todesjahr 1791 und der lange in ihrer Echtheit angezweifelten und tatsächlich nur in einer nicht-authentischen Version überlieferten Sinfonia concertante KV 297b (die ursprüngliche Flöte wurde hier durch die Klarinette ersetzt). Das Werk entstand 1778 in Paris – weshalb das Engagement einer französischen Solistencrew mit Nicolas Baldeyrou (Klarinette), Gabriel Pidoux (Oboe), David Guerrier (Horn) und David Douçot (Fagott) nahe lag. In der Tradition der französischen „vents“ spielen die mit gewinnender Leichtigkeit und Agilität, melodischer Intensität und berückendem Klangsinn.
Im Fall von KV 622 tritt Baldeyrou gegen härteste Konkurrenz an – selbst wenn man in Rechnung stellt, dass er Mozarts originale Bassettklarinette spielt, die noch eine Terz tiefer reicht als die heute übliche A-Klarinette (klar, von einer historisch informierten Aufnahme erwartet man das). Den Vergleich mit besagter Konkurrenz besteht er mühelos. Er phrasiert beseelt, verziert mit großem Geschmack, schafft – zumal im legendären langsamen Satz – dramaturgisch exzellent den Ausgleich zwischen melancholischer Grundfarbe und zwischenzeitlicher Belebung. Und die tiefe Terz der Bassettklarinette kommt klanglich optimal zur Geltung.
