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Orchesterwerke von Mel BonisDiese Musik macht den Hörer süchtig

3 min
Ein Mann mit Dirigierstab blickt freundlich in die Kamera.

Ist seit 2023 Chefdirigent der Münchner Symphoniker: der französisch-schweizerische Dirigent Joseph Bastian

Das WDR Sinfonieorchester hat unter der Leitung des Dirigenten Joseph Bastian Orchesterwerke der französischen Komponistin eingespielt. Ein lohnendes Album.

Nicht einmal ihren schönen Vornamen Mélanie mochte sie später als Komponistin benutzen – unter dem Pseudonym „Mel Bonis“ ging sie in die Musikgeschichte ein. Auch sonst liest sich die Biografie von Mel Bonis (1858 bis 1937), Zeitgenossin und Compatriotin von Ravel und Debussy, wie ein Lehrbuchkapitel aus der Historie der Frauenfeindschaft und ‑unterdrückung. Auf Geheiß ihrer unmusikalisch-autoritären Familie musste sie das Musikstudium bei César Franck und Jules Massenet am illustren Pariser Conservatoire abbrechen und einen – von ihr verabscheuten – deutlich älteren Witwer mit fünf Kindern heiraten. Erst 1900 konnte sie ihre musikalische Produktion wieder aufnehmen.

Das WDR Sinfonieorchester unter dem französisch-schweizerischen Dirigenten Joseph Bastian – er ist seit 2023 Chefdirigent der Münchner Symphoniker – hat in der Philharmonie eine das Repertoire nahezu erschöpfende Auswahl ihrer Orchesterstücke und -lieder aufgenommen und jetzt beim Label cpo veröffentlicht. Sie passt trotzdem auf eine einzige CD, der Schwerpunkt von Bonis’ Komponiertätigkeit lag bei der Klaviermusik und dem Sololied. Mit der neuen Produktion setzt der Kölner Klangkörper übrigens sehr gewinnend seine Befassung mit dem Werk von bis heute vernachlässigten oder gar verschollenen Komponistinnen wie Grażyna Bacewicz und Elsa Barraine fort.

Unüberhörbare Parallelen zu Claude Debussy

15 Miniaturen also enthält die CD – Frauenporträts (Cleopatra, Ophelia, Salome) in Gestalt kurzer sinfonischer Dichtungen, Walzer-Suiten und anderer Tänze, das Orchesterlied „Die Katze auf dem Dach“ und das „Weihnachtslied der Jungfrau Maria“ (mit den großartigen Solistinnen Lydia Teuscher und Julie Robard-Gendre) sowie das Chorstück „Der Bach“ (mit den Damen des WDR Rundfunkchores).

Es ist merkwürdig, aber gleich bei den ersten Takten (es ist die Eröffnung besagten Cleopatra-Stücks) wird der Hörer kaum umhinkönnen, „Debussy!“ auszurufen, also den Namen von Bonis’ nicht sonderlich geschätztem Konservatoriums-Kommilitonen. Tatsächlich trügt die Allusion nicht: Der „Nachmittag eines Fauns“ ist hier nicht weit weg, die gleitenden Pendel-Klänge, die chromatisch verflüssigten Harmonien und Melodien, vor allem aber die exquisite gläserne Klanglichkeit mit Flöten und Harfe und der wenngleich ferne Nachklang von „Tristan und Isolde“ – das ist französischer Impressionismus pur. Entschiedener als Debussy hält Bonis freilich noch an einer erschütterten, weil mit allerlei Nebenstufen aufgeweichten tonalen Kadenzharmonik fest.

Allemal ist hier eine personalstilistische Färbung unverkennbar, aber Bonis’ aufschäumende Fantasie schlägt nichts über ein und denselben Leisten. Die Walzer-Suite etwa atmet weniger Debussy-Avantgarde als vielmehr noch den Charme eines Léo Delibes. Das WDR Sinfonieorchester setzt das alles mit großer Eleganz, aber auch mit gutem Sinn für die schwül-lasziven Untertöne einer überreifen Moderne um. Diese Musik in dieser Präsentation macht den Hörer süchtig – kann man Besseres von einer CD-Aufnahme sagen?!