Die neue WDR-Chefdirigentin Marie Jacquot über Köln, ihre Liebe zur musikalischen Romantik und ihr Auftaktkonzert in der Philharmonie.
Marie Jacquot„Ich muss diesem Orchester nicht erklären, wie die Musik tickt“

Die neue WDR-Chefdirigentin Marie Jacquot im Gespräch
Copyright: Alexander Schwaiger
Frau Jacquot, Sie geben an diesem Freitag Ihr erstes Konzert als frisch gebackene WDR‑Chefdirigentin. Das Orchester haben Sie aber auch schon mehrfach dirigiert. Sind Sie in Köln schon so richtig angekommen?
Ja, das kann man wohl sagen. Ich fühle mich in Köln immer sehr herzlich willkommen geheißen. Die Leute sind freundlich und hilfsbereit, das Orchester will arbeiten, wir sind da für die Zukunft auf einer guten gemeinsamen Wellenlänge. Dabei geht es nicht nur um Repertoire, sondern auch um die Art und Weise, wie man miteinander musiziert. Ich hoffe, dass wir eine lange gemeinsame Zukunft haben werden.
Sind Sie denn auch in der Kölner Lebenswelt angekommen?
Ich bin dabei. Zeit, in die „Kneipe an der Ecke“ zu gehen und Kölsch zu trinken, hatte ich noch nicht. Und ich suche immer nach neuen Restaurants, habe da auch schon ein paar schöne gefunden. Ich freue mich darauf, die Stadt insgesamt besser kennenzulernen, wenn der Auftaktrummel jetzt vorbei ist.
Was ist Ihnen aus Ihren bisherigen Konzerten mit dem Orchester besonders in Erinnerung geblieben?
Wir haben schon vier Programme zusammen gemacht. Besonders erinnerlich ist mir naheliegend das erste Konzert – mit Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“ sowie Debussys „La Mer“. Ich war wirklich begeistert, wie dieses Orchester die deutsche Romantik spielt, zu der ich selbst nun wirklich eine große Zuneigung hege. Sie ist der Kern seines Repertoires und seiner Klangkultur. Und ich war begeistert von der Flexibilität, mit der die Musiker Genres und Stile wechseln – sie „können“ eben auch Barock oder französische Musik. Natürlich ist es als Radioorchester immer auch vom Mikrofon getrieben, die Perfektion zu suchen. Gerade bei der französischen Musik muss man auf diese Perfektion, diese Deutlichkeit kommen, sonst kann das Stück nicht einmal anfangen, zu leben. Da muss ein „Stamm“ gesetzt werden, von dem man sich dann auch befreien kann. Aber wenn alles nur frei ist, entstehen Anarchie und Chaos.
In Frankreich wird man darauf getrimmt, der Beste, der Schnellste, der Jüngste zu sein
Und das hat das Orchester drauf?
Ja, und ich muss diesen tollen Musikern, die eines der besten deutschen Orchester formieren, nicht erklären, wie die Musik „tickt“. Sie verstehen die Geschichte, die Erzählung der Musik – das ist nicht überall so, vor allem nicht außerhalb von Europa.
Sie wurden musikalisch in Wien und Weimar, also in Österreich und Deutschland, sozialisiert, haben, wie Sie selbst sagen, dieses Faible für die deutsche Romantik – und zumal für Bruckner, dessen siebte Sinfonie Sie soeben mit dem WDR-Sinfonieorchester auf CD eingespielt haben. Können Sie Ihre Begeisterung für und Faszination durch Bruckner genauer beschreiben?
Bruckner – neben Richard Strauss vielleicht einer meiner Lieblingskomponisten – fasziniert mich besonders. Nicht nur als ehemalige Posaunistin und weil ich in Chartres mit der wunderbaren Kathedrale aufgewachsen bin, wo ich ständig Bruckners Musik begegnet bin. Denn Bruckner schafft es mit seinen Sinfonien, eine Verbindung zwischen zwei Welten herzustellen. Erst erdet er uns Menschen, dann führt er uns zum Himmel.
Sie leben in Graz, haben Chefposten in Kopenhagen und jetzt in Köln – und inzwischen eine gewisse Distanz zu Ihrem Herkunfts- und Heimatland. Worin ist die begründet?
In Frankreich wird man darauf getrimmt, der Beste, der Schnellste, der Jüngste zu sein. Das ist eine extrem kompetitive Gesellschaftsmoral, die ich selbst mit meinem Leistungssport im Tennis zu spüren bekommen habe. Aber das habe ich hinter mir. Das gemeinsame Musizieren hat mir einfach viel mehr Freude gemacht als dieser kompetitive Individualismus.
Ist das in Deutschland und Österreich wirklich anders?
Und ob, dort zielt die musikalische Erziehung viel mehr auf die persönliche Entwicklung. Und das gilt allgemein: In Frankreich ist es eine Katastrophe, das Ende der Welt für den Lehrer wie für den Schüler, wenn man eine Klasse mal wiederholen muss. In Deutschland und Österreich ist das egal, jeder Mensch darf da sein eigenes Tempo haben. Mein Musiklehrer hat mich damals nach Wien geschickt, weil er wusste: Dieses französische Hochleistungsstudium passt nicht zu meiner Persönlichkeit. Tatsächlich habe ich dann in Wien Zeit und Raum für meine persönliche Entwicklung bekommen.
Kein Heimweh nach Frankreich?
Natürlich bin ich Französin, bin kulturell geprägt von Frankreich. Meine Muttersprache ist Französisch – obwohl ich es eingestandenermaßen nicht mehr so gut spreche. Aber ich bin eben auch keine Spezialistin für französische Musik – wie das viele irgendwie anzunehmen scheinen. Meine ganze musikalische Laufbahn fand in Deutschland und Österreich statt.
Und tatsächlich kann man sich etwas „Unfranzösischeres“ als Bruckner kaum vorstellen.
Das ist richtig. Wobei in Frankreich, was Wagner und Bruckner anbelangt, die Meinungen stark polarisiert sind. Es gibt da total Begeisterte und absolute Verächter.
Selbstverständlich ist es unsere Pflicht, das Publikum regelmäßig auch mit neuer Musik bekannt zu machen
Warum hat Frankreich eigentlich keine starke eigene sinfonische Tradition ausgeprägt?
Eine gute Frage – aber ich weiß darauf keine Antwort. Wie auch immer: WDR‑Sinfonieorchester und Marie Jacquot – bei der deutschen Romantik treffen sich diese beiden Welten. Selbstverständlich ist es unsere Pflicht, das Publikum regelmäßig auch mit neuer Musik bekannt zu machen.
Nun ja, Ihr Programm am Freitag, zu dem wir jetzt kommen, enthält keine Moderne, und es hat sehr wohl eine französische Schlagseite…
…da haben Sie schon recht, aber schauen Sie sich die Agenda meiner kompletten ersten Spielzeit an. Es ist spannend, wohin wir, das Orchester und ich, uns über die kommenden Jahre zusammen entwickeln – auch das Repertoire betreffend. Mein persönlicher Schwerpunkt wird wohl, wie gesagt, auf Deutsch-Romantik liegen.
Zurück zum Freitagsprogramm…
Das mit der französischen Schlagseite stimmt schon, und das gilt sogar für Skrjabins „Poème de l’extase“. Diese Musik mit ihrem Duft, ihren Farben, ihrer Sensualität ist französisch geprägt. Tatsächlich hat Skrjabin ja beim Komponieren konkret Farben gesehen.
Natürlich steckt da auch viel „Tristan“ drin – womit der Bogen zum „Lohengrin“-Vorspiel geschlagen wäre. Es scheint mir überhaupt ein sehr „gebautes“ Programm zu sein – wobei allen gespielten Werken gemeinsam ist, dass sie eine „poetische Idee“ haben, die in der Musik sozusagen verschwiegen offenbar wird. Im „Lohengrin“-Vorspiel selbstredend nicht so verschwiegen, weil es ja eine Opernouvertüre ist.
Ja, bei Skrjabin etwa geht es vielleicht vordergründig um erotische Ekstase, aber auch allgemein um Befreiung, um eine menschliche Erlösung. Und der Komponist war in der Tat mehr Franzose als Russe. Seine frühe Klaviermusik knüpft direkt an Chopin an. Das ist der Link zu einem weiteren Programmteil, Chopins zweitem Klavierkonzert mit Yulianna Avdeeva am Flügel. Das ist übrigens schwierig zu begleiten, vor allem im Mittelsatz, dieser instrumentalen Belcanto-Opernszene – zumal dann, wenn der Solist sich alle subjektiven Freiheiten nimmt.
Noch mal zurück zu Skrjabin: Die Partitur des „Poème“ ist äußerst komplex, alles, wirklich alles, hängt mit allem zusammen. Das ist ein Grad an Überinformation, vor dem der Hörer eigentlich kapitulieren muss…
Ja, aber das ist wohl auch gar nicht die Werkidee, dass wir alles „mitkriegen“. Am Mikrofon kann man es vielleicht hören, aber im Konzertsaal geht das nicht; die Genauigkeit, die dafür erforderlich wäre, ist einfach nicht herzustellen. Unter dem Versuch würde auch die Aufführung leiden, es würde sich alles zu sehr hinziehen.
Eine Novität ist die sinfonische Dichtung „Andromède“ aus der Feder der irisch-französischen Spätromantikerin Augusta Holmès. Wie sind Sie auf sie gekommen?
Ich habe ein paar Bekannte, die sich mit Komponistinnen befassen und mir immer wieder gute Tipps geben. Holmès war Schülerin von César Franck, Freundin von Liszt und begeisterte Anhängerin von Wagner – jedenfalls bis zum deutsch-französischen Krieg von 1870/71.
Der Walkürenritt wird mehr oder weniger zitiert…
Ja, man hört ihn. Holmès’ Partitur, ihr Phrasenbau, ist aber strukturierter als bei Wagner, der wahrscheinlich der Genialere war. Holmès war auch Poetin, die die Texte zu ihren sinfonischen Dichtungen selbst schrieb. In unserem Stück geht es um die mythische – und gut ausgehende – Beziehung zwischen Perseus und Andromeda. Womit wir wieder bei den „poetischen Ideen“ des Programms wären.
Marie Jacquot, 1990 in Paris geboren und in Chartres aufgewachsen, wurde zunächst als Tennistalent gefördert. Parallel zu diesem Sport spielte sie Posaune. Mit 15 begann sie ihre musikalische Ausbildung mit einem Posaunenstudium in Paris. Im Anschluss studierte sie Dirigieren in Wien und Weimar. Nach Kapellmeisterstationen in Würzburg und Düsseldorf/Duisburg wurde sie zur Spielzeit 2024/25 als Chefdirigentin an die Königlich Dänische Oper in Kopenhagen berufen. Seit dieser Saison hat sie als Chefdirigentin die Leitung des WDR‑Sinfonieorchesters inne. Marie Jacquot lebt in Graz.
An diesem Freitag, 20 Uhr, gibt sie mit dem WDR‑Sinfonieorchester in der Kölner Philharmonie ihr Auftaktkonzert. Auf dem Programm stehen Werke von Wagner, Chopin (mit der Klaviersolistin Yulianna Avdeeva), Holmès und Skrjabin.

