Köln – „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ – mit diesen Worten beginnt eine der überwältigenden Bach-Arien auf der neuen CD des Counters Valer Sabadus. Der Künstler ließ sie zwar 2019, also in seligen Vor-Corona-Zeiten, auf der Basis eines Live-Konzerts im elsässischen Dominikanerkloster Guebwiller produzieren. Dennoch findet er, dass gerade besagte Arie auf die aktuellen Umstände ausgezeichnet passt: „Jeder sehnt sich jetzt doch irgendwie nach Ruhe und Trost.“
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Braucht er selbst auch „Ruhe und Trost“? Der in Rumänien gebürtige 35-jährige, der seit 1991 in Deutschland lebt und sich in den vergangenen Jahren in die internationale Spitze seines Fachs gesungen hat, räumt gleich ein , dass er sich in einer privilegierten Situation befindet: Dank guten Einkommens in der Zeit vor Corona kann er auf Rücklagen zurückgreifen – „die viele freiberufliche Kollegen nicht haben“.
Immerhin wohnt bei Sabadus und seiner Frau, einer ebenfalls freiberuflichen Bratschistin, in der stilvoll eingerichteten Maisonette noch ein Untermieter, der hilft, die Mietkosten zu senken.
Sabadus beklagt zumal die fehlende Passgenauigkeit der staatlichen Auffangprogramme: Dem Ehepaar wurden Stipendien des Bundesministeriums für Kultur und Medien in Höhe von insgesamt 14 000 Euro Corona gewährt – „was ja nicht nichts ist“. Aber die Unterstützungsmaßahmen zielten, klagt er, nicht auf Lebenshaltungs-, sondern auf Betriebskosten – „die bei mir ja kaum anfallen“.
Finanziell und mental belastend
Und mental belastend ist die Situation allemal: Der Sänger spricht von „Zermürbung zwischen Bangen und Hoffen“, vom „Wechsel zwischen Ohnmacht und Wut“. Mit der Straßenbahn dürfe man fahren, aber Konzerte seien verboten, „obwohl dort das Ansteckungsrisiko bei Einhaltung der Hygieneregeln erwiesenermaßen niedrig ist“.
Tatsächlich verurteilt ihn das De facto-Berufsverbot zu quälendem Nichtstun – jedenfalls was seine Auftritte in Oper und Konzert anbelangt. Der Tagesablauf? „Ich öle meine Stimme, weil ich mir, wenn alles vorbei ist, keinen Kaltstart leisten kann“. Das sei „Marathon und Schachpartie, hochkomplex und anstrengend“. Ansonsten geht er viel, etwa im Beethovenpark, spazieren – und ist darüber zum „Hobby-Ornithologen“ geworden.
Talent von der Mutter entdeckt
Zweierlei fällt auf in der Unterhaltung mit dem Gesangsstar: Seine Sprechstimme ist baritonal – was schlicht und einfach zeigt, dass der Einsatz von Kopf- und Falsettregister beim Mann nichts „Natürliches“, sondern Ergebnis einer reflektierten Kunstleistung ist.
Und Sabadus spricht in einem unverkennbar bayerischen Tonfall. Kein Wunder, denn er wurde nach der Emigration seiner Familie aus dem trostlosen Rumänien der Nach-Ceaucescu-Ära im niederbayerischen Landau groß.
Seine Mutter, eine Pianistin, bekam dort eine Stelle an der städtischen Musikschule. Sie war es auch, die ihren Sohn, einen eifrigen Chorsänger, mit 17 „entdeckte“: „Der Andreas Scholl [ein bekannter deutscher Altus, d.Red.] sang ein Mozart-Lied im Fernsehen, und ich habe den umstandslos imitiert.“ Da sei Mutter ganz baff gewesen und habe ihm gesagt: Du bist ein Counter.“ Da habe er den Begriff „zum ersten Mal gehört“.

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Dann ging es zügig bergan, erst als Jungstudent, dann, nach Abitur und Zivildienst, als Vollstudent an der Münchner Musikhochschule. Der internationale Durchbruch kam mit dem zirkusreifen Gipfeltreffen der „five Counters“ (neben Sabadus unter anderem Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cencic) anlässlich der Produktion von Leonardo Vincis Barockoper „Artaserse“ 2011. Sie war auch an der Kölner Oper zu sehen. Die Kritik lobte Sabadus damals als die „süßeste“ unter den fünf Stimmen.
In Köln ist er seit 2011 häufig aufgetreten, meist in der Philharmonie. Der Umzug von der Isar an den Rhein erfolgte dann 2018, aus mehreren Gründen: „Die Mieten in Köln sind dann doch noch günstiger als in München. Vor allem aber ist Köln für mein Hauptmetier, die Alte Musik, dank der einschlägigen Infrastruktur einfach ein besserer Ort.“ Und Frankreich und die beruflich attraktiven Benelux-Ländern „liegen gleich vor der Haustür“.
Gerade in der Corona-Krise konnte Sabadus erleben, wie wichtig eine tragend-funktionierende Szene ist: „So etwas wie das Zamus [Zentrum für alte Musik, d.Red.] gibt es in München nicht.“
Musikalische Vielseitigkeit
Das Zamus etwa ermöglichte Sabadus im September einen Auftritt in der Ehrenfelder Ruffactory – mit einem Gesprächskonzert, dessen Agenda vom Barock bis zu Led Zeppelin reichte.
Diese Demonstration musikalischer Vielseitigkeit bedeutet dem Sänger viel: „Als Counter wird man schnell in eine Schublade gesteckt: Man bedient halt das Repertoire vom Frühbarock bis Mozart, nach der «Clemenza di Tito» klafft – eben wegen des Aussterbens der Kastraten – ein riesiges Loch bis hin zur Gegenwart.“
Die Ästhetik der Barockoper mit ihrer Neigung zum Geschlechter- und Geschlechterrollentausch, zu Ambiguität und Androgynität findet Sabadus nach wie vor faszinierend („Das Publikum störte sich damals nicht an Differenz zwischen Rolle und Stimmcharakter“); indes gibt auch er zu, dass viele Barockarien bis hin zu Händel-Opern musikalische Dutzendware liefern.
Ehrfurcht vor Bach
Bei Bach, dem sich der Sänger mit der neuen CD aus „Scheu und Ehrfurcht“ auf Tonträger erstmals zuwendet, ist das zweifellos anders. Und er schrieb zwar nicht für Kastraten, wohl aber „für junge Falsettisten und Knaben“ – ein reiches Betätigungsfeld also für den modernen Counter.
Die neue Aufnahme enthält etliche Perlen aus dem geistlichen Vokalwerk des Giganten, darunter die Eröffnungsarie der Kantate „Ich habe genug“. Eigentlich ein Bassstück, das aus dem Mund eines Altus zunächst gewöhnungsbedürftig klingt. Sabadus kann aber geltend machen, dass es von Bach selbst eine Version für höhere Stimme gibt.
Kontrastiert wird der elegische Legato-Bach auf der CD durch einige muntere und koloraturenfertige Arien aus Opern und Singspielen seines zu Lebzeiten berühmteren Kollegen Telemann. Ein Abfall? „Nein“, sagt Sabadus: „Telemann ist ganz anders und ein willkommener Kontrast.“ Der es dem Sänger selbstredend ermöglicht, seine Kunst in ihrer ganzen Vielseitigkeit darzustellen: „Bach ist die duftende Rose, und Telemann ein bisschen die piksende Dorne.“


