Abo

Kölner PhilharmonieBrüder elektrisieren mit Streicher-Spiel

Meisterkonzert mit Gautier und Renaud Capuçon und dem französischen Radio-Philharmonieorchester.

Von
Dirigent Jaap van Zweden bei einem Konzert in Prag.

Dirigent Jaap van Zweden bei einem Konzert in Prag.

Das einzige konzertante Werk, das Johannes Brahms den Cellisten zugestanden hat, müssen sie sich leider mit den Geigern teilen. Aber   ganz offensichtlich teilt Gautier Capuçon gerne mit seinem großen Bruder Renaud: Mehr als einhundert Mal, so war im Programmheft zu lesen, haben die beiden Johannes Brahms’ spätes Doppelkonzert a-Moll op. 102 bereits gemeinsam aufgeführt.

Im philharmonischen Meisterkonzert war es nun mal wieder so weit. An den Pulten saß das Orchestre Philharmonique de Radio France, das zusammen mit dem aus dem savoyischen Chambéry stammenden Brüderpaar für eine Darstellung sorgte, der man die französische Provenienz unschwer anhören konnte. Schon der Eingang des Orchesters tönte markant, scharf und fernab teutonischer Schwere.

Die nachfolgende Cellokadenz trieb Gautier Capuçon mit Vehemenz und Hingabe voran; der Bruder reagierte bei seinem Einstieg eher abwägend und besonnen. Das sieht die Partitur so vor, aber zugleich vermittelten sich hier bereits anschaulich die unterschiedlichen musikalischen Temperamente der beiden. Gautier spielte Renaud keineswegs an die Wand, aber er war doch klar als der extrovertiertere der beiden zu erkennen. Er hatte auch den unverkennbar größeren Ton, was man eher selten so hört: Üblicherweise ist der brillante Geigenklang dem eher matt-nasalen Celloton im Output klar überlegen.

Das Zusammenspiel der beiden wurde durch die Unterschiede im Naturell aber keineswegs belastet. Beide ließen dem Bruder hinreichend Raum zur Entfaltung, traten zurück, wo der andere Wichtigeres zu sagen hatte. Und wenn sie in den virtuosen Passagen der Rahmensätze solidarisch vereint voranstürmten, ließ man sich von diesem passionierten und elektrisierten Spiel nur zu gerne mitnehmen.

Vielleicht hätte der Mittelsatz mit seinem nobel fließenden Hauptthema eine Spur mehr Charme und Duft vertragen - aber hier wie überall war das Brüderpaar völlig im Einklang mit dem Dirigenten Jaap van Zweden, der auch im Lyrischen ein Mann der klaren Konturen und der dezidierten Aussprache ist.

Van Zweden bewies auch in Köln seine überragende Klasse

Erst im September hat der niederländische Maestro sein Amt als Chefdirigent der französischen Radio-Philharmoniker übernommen. An allen Stationen der ersten gemeinsamen Europa-Tournee steht Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“ auf dem Programm, mit der das Orchester auch in Köln seine überragende Klasse bewies.

Die perfekt intonierten, koordinierten und balancierten Schlussakkorde des Kopfsatzes ließen die geniale Farb-Intuition des Komponisten mustergültig hervortreten. Das seidige Flair der Ball-Episode, die bedrohte Idylle der Szene auf dem Land, der kontrolliert gesteigerte Furor des finalen Hexensabbats - all das war mit absolut überlegener Meisterschaft eingefangen.

Dabei setzte van Zweden weniger auf die Bildkraft der Musik als auf ihre innere Tektonik; er zeigte, dass der Revolutionär Berlioz durchaus noch auf den Schultern seiner Vorgänger stand. Ungewöhnlich deutlich etwa waren ím langsamen Satz die Verweise auf Beethovens „Pastorale“ zu hören.

Der Beifall in der eher mäßig gefüllten Philharmonie war nach allen Beiträgen angemessen groß. Die Capuçons bedankten sich mit einer vom norwegischen Meister Johan Halvorsen effektvoll aufgepeppten Händel-Passacaglia; das Orchester trieb am Ende noch Brahms’ Ungarischen Tanz Nr. 5 mit husarenhafter Attacke über die Puszta.