Von Brahms zu Bernstein: Juya Shin legte eine engagierte, reife und souveräne Dirigierleistung hin.
Kölner PhilharmonieOrozco-Estrada erkrankt, Assistentin übernimmt Taktstock

Juya Shin, Andrés Orozco-Estradas Assistentin beim Gürzenich-Orchester, sprang für den erkrankten GMD ein.
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Üblicherweise können kurzfristige Einspringer am Dirigentenpult das Programm zumindest modifizieren. Schließlich kann von niemandem erwartet werden, dass er auf die Schnelle Partituren einstudiert, die ihm nicht liegen, oder von denen er keinen blauen Schimmer hat. Bei der jungen Südkoreanerin Juya Shin, die seit der vergangenen Spielzeit beim Gürzenich-Orchester Assistentin des Kölner GMDs Andrés Orozco-Estrada ist, war ein Wechsel der Agenda bemerkenswerterweise nicht nötig. Sie übernahm für den erkrankten Chef binnen weniger als einer Woche nicht nur Proben und Dirigat des jüngsten Abo-Konzerts, sondern eben auch die komplette Agenda – die immerhin mit Brahms’ „Schicksalslied“ und Bernsteins „Chichester Psalms“ nicht gerade Dauerbrenner des Repertoires enthielt (mit Brahms’ erster Sinfonie als Abschluss dann freilich schon).
Der Druck, den die Umstände erzeugt haben müssen, war beim Sonntagskonzert kaum zu spüren. Shin wahrte rundum die Chance, die ein überraschendes Angebot am Beginn einer Karriere immer bietet, und legte eine engagierte, reife und souveräne Dirigierleistung hin. Erwartbar ließ das Orchester sie auch nicht hängen – zumal nicht in der Sinfonie, wo eine Interpretation mit zwingenden Steigerungen, großen Innenspannungen und beachtlichem Detailreichtum gelang, mit einem erfüllten Espressivo der Streicher in den instrumentalen Gesangsstellen sowie schön platzierten Bläsersoli (Horn, Oboe, Klarinette). Ob die Gleichungen „leise = eher langsam“ und „laut = eher schnell“ immer funktionieren, sei dahingestellt. Allemal entstand ein gut austariertes Gefüge unterschiedlicher Farben und Affekte, das seine Ahnen Mozart (Jupitersinfonie), Beethoven und Schumann (zweite Sinfonie) keineswegs verleugnete. Der apotheotische Schluss kam als Ergebnis einer sorgfältig ins Werk gesetzten Entwicklung, nicht als beifalltreibende Oberflächenattraktion.
Dass Shin großangelegte Spannungen fesselnd zu gestalten versteht, zeigte auch gleich die Einleitung zum „Schicksalslied“, wo ja die Satztonika eine lange Strecke nach dem Beginn braucht, um wieder erreicht zu werden. Für den Chorpart hatte man den Wiener Singverein (samt den choreigenen Solisten) gewonnen, der dem Publikum in allen Belangen vorführte, was ein guter Chorklang ist. Ein runder, weicher und entspannter Basissound für die choralhaften Stellen, solide Körperstütze für die Pianissimi, unangestrengte hohe As’s und eine volle Entfaltung ohne Panik im schnellen Mittelteil – was will man mehr? Deutlichkeit mag bei dieser romantischen Chormusik nicht alles sein, aber es darf doch hervorgehoben werden, dass auch hier etwa mit Konsonanten „vor der Zeit“ ohne Schädigung der Phrase ein Maximum an Kontur entstand.
Solchermaßen gelangen auch die permanenten Ausdruckswechsel in den Chichester-Psalmen sehr überzeugend. Der verhaltene Hymnenton am Ende hatte schon eine auratische Qualität, und schier in eine andere Welt entführte das Solo des (namentlich nicht genannten) Sopranisten aus dem Tölzer Knabenchor.
