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Kölner PhilharmonieWenn Vivaldi beinahe nach Ligeti klingt

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Anna-Liisa Bezrodny steht in einem Feld zwischen hohen Grashalmen.

Anna-Liisa Bezrodny

Estonian Sinfonietta und die Violinistin Anna-Liisa Bezrodny stellen ihrer musikalischen Heimat in Köln ein hervorragendes Zeugnis aus.

Im Vorfeld der diesjährigen Silvesternacht schoss, wie zu hören ist, der Verkauf von Feuerwerkskörpern gleichsam durch die Decke. Die Aufführung ausgerechnet von Händels „Feuerwerksmusik“ im jahresendzeitlichen Kontrapunkt-Konzert in der – nahezu ausverkauften – Kölner Philharmonie konnte in diesem Sinne sogar als passender künstlerischer Kommentar zum Geschehen in den Einkaufszonen erscheinen. Das Kammerorchester Estonian Sinfonietta aus der estnischen Hauptstadt Tallinn unter seiner Dirigentin Maria Seletskaja servierte den populären Evergreen im Glanz der kommunizierenden Hörner und Trompeten, dabei aber keineswegs staatstragend-bombastisch, sondern beschwingt, energiegeladen und vital. Und dies immerhin unter der Maßgabe, dass die Formation kein Originalklang-Ensemble der Alten Musik ist.

Die Vergangenheit der Dirigentin als Profi-Balletttänzerin – sie richtete übrigens auch eine herzliche Adresse an das Publikum, die allerdings akustisch kaum zu verstehen war – mochte in diesem Sinne beflügelnd wirken, aber überhaupt lieferten die Gäste in Köln eine Visitenkarte ab, die wieder einmal der Musikkultur der baltischen Länder in der Breite ein glänzendes Zeugnis ausstellte. Das musikalische Estland – es fügt sich in diesen Tagen tatsächlich aus weit mehr als Arvo Pärt und den Mitgliedern der Järvi-Dynastie.

Anna-Liisa Bezrodny spielte den Solopart mit fulminanter Attacke

Der Reiz der Agenda bestand nicht zuletzt darin, dass das Satt-Bekannte mit dem nahezu Unbekannten gemischt wurde. So gingen der Feuerwerksmusik zwei Stücke von Barockkomponisten voran, die allenfalls Experten geläufig sein dürften: Wer kennt schon den Franzosen Jean-Joseph Mouret, von dem eine stilistisch etwas an Charpentiers Eurovisionsmelodie gemahnende „Suite de Fanfares“ erklang? Oder den in Thüringen geborenen Johann Valentin Meder, der in Tallinn – es hieß damals Reval – als Kantor wirkte und hier von vier Musikern des Ensembles mit einer weitläufigen Chaconne präsentiert wurde?

Nach der Pause dann Vivaldis „Vier Jahreszeiten“-Konzerte, der – vom Publikum dankbar-beharrlich mit Beifall selbst zwischen relativ kurzen Sätzen bedachte – zweite Renner des Programms. Satt bekannt? Ja, sicher, aber wenn die Interpreten es, wie diesmal, schaffen, zielgerichtet die experimentelle Klangsignatur des Werkes herauszustellen, dann hört es sich frisch und interessant wie am ersten Tag an. Dann hört sich die harmonisch völlig statische Vogelgezwitscher-Stelle im ersten Satz des „Frühling“ fast wie eine Klangflächenkomposition à la Ligeti an. Und wenn im „Winter“ der Frost durch das verbreitete Ponticello-Spiel nahezu veristisch klirrt, dann beginnt der Zuhörer sogar in der gut geheizten Philharmonie mit den Zähnen zu klappern.

Vieles von diesem nachdrücklichen Erlebnis ging selbstredend auf das Konto der Geigerin Anna-Liisa Bezrodny, die den Solopart mit fulminanter Attacke spielte, keineswegs besorgt um Effekte rustikaler Schrappigkeit, aber immer wieder auch, zumal in den langsamen Sätzen, in der Lage, so weitgespannte wie schön-traurige Gesänge anzustimmen. Eine bemerkenswerte Beherrschung divergierender Ausdrucksmöglichkeiten, die tatsächlich nicht nur der farbigen Darstellung von Jahreszeiten-Wechseln zugutekamen, sondern auch mehr als nur eine Ahnung vom Auf und Ab des menschlichen Lebens vermitteln konnten.