Höflich aber hohl - so präsentiert sich das Tanzduo in dem Stück „A Universal Positivity“ der Kölner Choreographin Carla Jordão. Das kluge Tanzstück über Kunst und Kommunikation hatte in der Wachsfabrik in Sürth Premiere.
TanzpremiereWenn alles nur noch "nice" ist

Zwanghaft gut drauf: Jordan Gigout (r.) und Kilian Löderbusch
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Hier gibt es kein Scheitern und keine Scheiße. Alles ist clean und nett, und wenn die Situation aus dem Ruder gerät, wird niemand nass, und bald herrscht wieder Ordnung, als seien all die Seltsamkeiten nie passiert: jeder wieder auf seinem Platz. Sitzt. Bei dem Titel „A Universal Positivity“ ist das nicht ganz überraschend. Mit dem Tanzduo, das die Kölner Choreographin Carla Jordão in Barnes Crossing in der Wachsfabrik in Sürth zur Premiere brachte, geht sie dem Zwang zu gefallen nach. Darauf basierte auch schon ihr „A Universal Weakness“ von 2019, mit dem sie damals den Kölner Tanztheaterpreis gewann. Es ist ja ein ewig dankbares Thema für die Bühnenkunst.
Anders jedoch als bei der „Weakness“, der Schwäche, die sie ebenfalls mit zwei Tänzern, männlich, besetzte, die derart dauergrinsten, dass ihr Tanz immer absurder, schmerzhafter und kräftezehrender wirkte, geht Jordao diesmal subtiler vor. Es wird mehr gelächelt als gegrinst, auch geredet und mit Objekten hantiert, und die Situation ist als Talk vor Publikum angelegt.
Zwei Herren, auf Stühlen, unterhalten sich. Es könnte ein Interview sein, einer fragt, der andere antwortet. Doch solch eine klare Rollenverteilung wäre wohl nicht nett, nicht unhierarchisch positiv. So werfen sich Jordan Gigout und Kilian Löderbusch, beide in gedeckten Farben, wattebauschige Sätze zu, die denn auch nie weit fliegen und zu nichts führen. „Ist so schön hier, bin glücklich hier zu sein, ich mag Ihre Socken, ich mag Ihre Ideen.“ Alles auf Englisch. „So nice! I like“. Gigout hat man bald als Gast identifiziert, den Künstler, über dessen Buch Löderbusch mit ihm reden wolle. Das Wort „Buch“ kommt einmal und nie wieder vor. Sein Inhalt? Egal. Die Konversation besteht aus nichts als gegenseitiger Bestätigung.
Lustig, traurig - ziemlich heutig
Den Mitschnitt einer amerikanisch klingenden Talksendung einzuspielen und mit stummen Mündern mitsprechen zu lassen, wäre nicht nötig gewesen. Zwei Frauen, die sich darin überbieten, ihr Wohlsein aussprechen, trotz irgendeiner Pein, die ihnen widerfahren ist. Der Klang, der die „Universal Positivity“ meistens überwölbt, ist Musik. Es sind wahnsinnig schöne, harmonische, tröstende Stellen aus den Requiems von Hector Berlioz und Wolfang Amadeus Mozart. Orchester und Chor. Kyrie eleison, agnus dei. Das Universum, mit Gott und sterblichen Menschen. Die Distanz zu dem Nicht-Dialog über Kunst auf Erden der Tanzbühne ist immens, lustig, traurig. Ziemlich heutig.
Jordão versteht es, billig theatralische Pointen zu vermeiden und die Choreographie nicht der Belehrung preiszugeben. Die Künstlerfigur charakterisiert eine Art „interesseloses Wohlgefallen“, ein Beobachten ohne Schlussfolgern: wie Gigout langsam den Raum betritt, sich umschaut mit großen Augen, den Klappstuhl hin und her rückt, zentimeterweise, oder ihn, erhoben, auf- und zuklappt, hundertmal. Er verstrickt sich auch in dem Ding, beschwert sich bei ihm, oder rutscht am Boden wie ein Wurm, aber steht dann wieder, setzt sich, unversehrt, leicht schwitzend. „Nice.“
Während er das Moderatorenlächeln des sich einfach breitbeinig hinsetzenden Löderbusch übernimmt, sich fügt, und wieder ablegt, steigt wiederum Löderbusch in die erratischen Knick-, Hüpf-, Dreh- und Tanzeinfälle seines Gegenübers mit ein. Bis zum Unisono: Sie sind sich einig. Die Rollen verschwimmen. Es plätschert, ganz säuberlich.
Von Melanie Suchy
Folgetermine in Köln voraussichtlich im Herbst 2023.
