Abo

Konzert in KölnWie Voodoo Jürgens im Gebäude 9 das Kaputte feiert

3 min
Folgen

Voodoo Jürgens am 20. Mai 2026 im Gebäude 9

Der Wiener Liedermacher Voodoo Jürgens gräbt mal wieder Tote aus. Aber so poppig war seine morbide Kunst noch nie.

Zum Höhepunkt, das war von vornherein klar, muss es noch mal richtig rumpeln. Wie eine schwer angeschickerte Beerdigungskapelle taumelt die fünfköpfige Band durchs Tom-Waits-Arrangement. „Jo, heite grob ma Tote aus“, ruft Voodoo Jürgens in ihrer Mitte tänzelnd aus, die Hände in die Höhe. „Heute graben wir Tote aus“, antwortet das Publikum im Gebäude 9 mit gespiegeltem Enthusiasmus.

Mit dieser morbiden Lebenslusthymne erfand sich vor zehn Jahren der erfolglose Garagenrocker und Friedhofsgärtner David Öllerer neu als Liedermacher wienerischer Prägung. Will sagen: Er feierte das Kaputte, suchte und fand die Romantik im unbehüteten Aufwachsen zwischen „Zuckerbude und Kadaverfabrik“, ein Schulbub, der allein mit „a Sackl Chips, zwei Liter Eistee“ in der Ecke steht und dem niemand große Chancen ausrechnet.

Vom Friedhofsgärtner zur Kunstfigur

Seitdem hat er seine durchaus autobiografisch geprägte Kunstfigur Voodoo Jürgens – Knitteranzug, Polyesterhemd mit Dackelohrkragen, Kippe und Rotwein – stetig verfeinert, zuletzt in der wunderbaren – ebenfalls vom eigenen Leben geprägten – Tragikomödie „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“. In den deutschen Kinos lief der Film mit Untertiteln, zu breit war das Wienerische der elegant scheiternden Wirtshausgänger.

Auf seinem aktuellen, vierten Album „Gschnas“ wagt sich Öllerer nun ein wenig weiter hinaus in Popgefilde, satt-säuselnde Synthie-Klänge kommen ins Spiel. Aus den Rissen des Lebens strömt Licht, aus Ludwig Hirsch, wie der „Musikexpress“ ganz zutreffend schreibt, ist Wolfgang Ambros geworden. „I mecht mit dir so gern vaschwindn/A Versteck, wo uns kana findt“, singt der Voodoo-Priester wie frisch verliebt und klingt dabei so unwahrscheinlich gut gelaunt, als hätte Bob Dylan Coldplay als Backing-Band engagiert.

„I wünsch ma, dass ollas a riesn Gschnas is“, jauchzt Jürgens im Titellied. Eine große Karnevalsparty, so die Übersetzung, soll das ganze Leben sein, bunt und funkelnd sich um die eigene Achse drehen. Das Publikum dreht gern mit, egal wie groß das Textverständnis ausfällt. Zu „De An und de Aundan“ („Die Einen und die anderen“) spielt die Band einen fetten Funk-Riff, den man so nie auf einem Voodoo-Jürgens-Album vermutet hätte – und der live gleich viel besser kickt.

Doch dann wechselt der E-Bassist zum Kontrabass, der Gitarrist zur Geige, bedient der Trompeter den Blasebalg des Harmoniums – und wir sind wieder im hübsch versifften Beisl unter lauter Hoffnungslosen. Die Gitti faucht ihre Freundin an: „Mit wem i zom bin, geht di an Schaß aun“ („Mit wem ich zusammen bin, geht dich einen Scheiß an“), der Holzbein-Slowene bettelt um eine Zigarette und dem jungen Saufgesellen am Tresen wird romantisch zumute: „Es is mir wurscht/Wo du her bist/Oda wos du mochst/Hauptsoch is/Dassd jetzt do bist.“

Der Voodoo ist da, wir sind da. Zusammen kann man gar nicht verlieren.