In den 2000er Jahren waren sie Weltstars. Dass R'n'B-Sänger Ne-Yo und Rapper Akon gerade jetzt wieder auf Tour sind, ist kein Zufall.
Hedonismus und HerzschmerzNe-Yo und Akon feiern die 2000er in Köln

Akon, in den 2000ern einer der erfolgreichsten Rapper, steht in der Lanxess Arena nach zehn Jahren Pause wieder auf der Bühne
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Von Rauch umhüllt, monumental wie ein in Stein gemeißelter Jesus – man denke an Rio – steht er auf dem Sockel, den ein auffahrender LED-Würfel freigibt, um sich dann mit nasaler Autotune-Stimme selbst anzukündigen: „Akon!“ Die Menge tobt, als er zu ihr herabsteigt und gleich seinen erfolgreichsten Song zum Besten gibt: „Smack That“, eine Zusammenarbeit mit Eminem aus dem Jahr 2006, ist eine aufreißerische Club-Hymne, die kaum mehr nach den 2000er-Jahren schreien könnte – jener Zeit also, in der halb nackte Frauenkörper, dicke Autos und Männer in Pilotenbrillen die Musikvideos bestimmten, die erst auf Viva, dann auf Youtube millionenfach geschaut wurden. Eine Zeit, in der es noch Chartlisten und Radiohits gab und die Welt für viele, zumindest gefühlt, noch in Ordnung war.
Ne-Yo und Akon machen die Arena zum Club
Jetzt, rund 20 Jahre später, sind Akon und sein Tourpartner, der R'n'B-Sänger und Songwriter Ne-Yo – der den Abend mit einer wunderbar glamourösen, an Michael Jackson angelehnten Performance seines Hits „Miss Independent“ (2008) eröffnet – angetreten, um den Geist dieser Zeit wieder heraufzubeschwören. Wann, wenn nicht jetzt, wo die Nullerjahre unter dem Schlagwort „Y2K“ nicht nur modisch wiederentdeckt werden, da die Zeit offenbar reif ist für die erste große 2000er-Nostalgie?

Ne-Yo eröffnete den Abend mit einer an den King of Pop angelehnten Performance
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Das Repertoire, aus dem die beiden dafür schöpfen können, ist schier unendlich. Schließlich verging kein Tag im Radio, gab es keine „Bravo-Hits“-CD, ohne nicht mindestens einen eigenen oder wenigstens von Ne-Yo oder Akon produzierten Song – dafür lassen sich die beiden in Köln vom begeisterten Publikum ausgiebig feiern. Mit Feuerwerfern und Konfettikanonen, mit ihren eigenen Bands, Background-Sängern und Tänzern verwandeln die Musiker die fast ausverkaufte Lanxess-Arena in einen riesigen Club, eine Party für Millenials, die ihre späte Kindheit und frühe Jugend mit ihren Hits noch einmal im Schnelldurchlauf erleben. Selbst, dass zwischenzeitlich ein qualmender Scheinwerfer von Sicherheitskräften gelöscht werden muss, tut der Stimmung keinen Abbruch.
Ne-Yo zeigt sein Gesangstalent
Kaum bekleidete Akrobatinnen umtanzen Ne-Yo bei seinen sanften Liebeshymnen wie dem groovigen „Sexy Love“ und lassen sich an Ketten in schwindelerregende Höhen der Arena ziehen. In „Let Me Love You“ verspricht der versierte Sänger einer Selbstzweiflerin zu helfen, und die Herzschmerz-Ballade „So Sick“, zu der jetzt die ganze Arena singt, verhalf ihm 2005 zum endgültigen internationalen Durchbruch. Während Ne-Yo also den sexy Gentleman gibt, tritt Akon mit unverkennbarer, getunter Stimme als Bad Boy auf, lässt zu „Locked Up“ Tänzer in orangen Gefängnis-Ganzkörperanzügen auftreten. Nach eigenen Angaben gehörte der US-amerikanisch-senegalesische Künstler in seiner Jugend einer Bande von Autodieben an. Ob er tatsächlich wegen seiner kriminellen Vergangenheit einsitzen musste, ist umstritten, doch die Geschichte genügte, um ihn ebenfalls 2005 weltberühmt zu machen. Zu dem im selben Jahr auf ein Sample von Bobby Vintons „Mr. Lonely“ gerappten „Lonely“ lässt sich Akon von der Menge tragen, filmt mit den Handys seiner Fans – 2005 schaffte er es damit auf Platz 1 der deutschen Charts.
Erfolg auf Abwegen
Über 35 Millionen Alben soll der Rapper inzwischen verkauft haben. Nicht nur hat er seitdem ein Modelabel, zwei Plattenfirmen und eine Wohltätigkeitsorganisation für Kinder in Afrika gegründet. Akon soll gleichzeitig auch Besitzer einer Diamantenmine in Südafrika sein und verfolgte das ambitionierte Megaprojekt, „Akon City“, eine nach ihm benannte Planstadt im Senegal, in der man mit der eigenen Kryptowährung „Akoins“ hätte zahlen sollen. Mehr als ein verfallendes Eingangsgebäude wurde daraus allerdings nicht. Von mindestens drei Frauen will er außerdem neun Kinder haben, in seinem Garten hielt er sich einen weißen Tiger.
Seine teils wirren Aussagen zu Gleichberechtigung, inklusive der Ansicht, dass Frauen Männern immer unterlegen sein werden, verleihen seinen sexualisierten Songtexten mindestens einen faden Beigeschmack. Seinem Erfolg aber schaden sie nicht. Auch nach einer zehnjährigen Bühnenpause feiern ihn seine Fans heute wieder wie am ersten Tag. Die 2000er-Jahre sind zurück – mit ihrem Hedonismus und ihren unaufgelösten Widersprüchen.
