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Udo Lindenberg wird 80Ein persönlicher Geburtstagsgruß: Stärker als die Zeit

6 min
Udo Lindenberg singt am Donnerstag (11.05.2017) in der Sachsen Arena in Riesa. RM001

Udo Lindenberg sings at Thursday 11 05 2017 in the Saxony Arena in Riesa RM001

Keine Panik: Udo Lindenberg wird am Sonntag 80. 

Er bereut keine Sekunde seiner Karriere, sagt Udo Lindenberg. Einen geileren Beruf als Rockstar gebe es nicht. 

Glückwunsch, Udo! 80. Groß feiern willst Du ja nicht. Am Sonntag. Hast ja angeblich ein Rendezvous. „Ein bisschen weiter weg“, in der Südsee. Schreibt die Zeitung mit den großen Buchstaben.

Schreib‘ ich Dir halt auch was, wenn ich Dich schon nicht erreiche, weil immer nur die Mailbox drangeht. Du wirst Dich eh nicht an mich erinnern. Das nehme ich Dir nicht übel. Bei der großen Panikfamilie kann man den Überblick schon mal verlieren.

Wir haben uns an der Nordsee kennengelernt. 1976. Ist Ewigkeiten her. Also nicht direkt an der Nordsee. Sondern im Kino. In Wuppertal bei der Filminitiative. Nordsee ist Mordsee. Ein, wie man heute sagt, Coming-of-Age-Drama Deines Kumpels Hark Bohm. Ich war knapp 17 und Du hast mit Deiner fiepsigen Stimme im Vorspann davon gesungen, dass Du davon träumst, einfach abzuhau’n. Mit einem geklauten Segelboot.

Ganz so wild entschlossen war ich damals nicht. Aber es hat immerhin gereicht, den katholischen Knabenchor zu schmeißen, sich der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung anzuschließen und in Läden abzuhängen, die Börse oder Café Kaputt hießen.

Jetzt, da ich Dir schreibe, fällt mir auf, dass Du Dich immer mal wieder in mein Leben eingemischt hast. Knapp zehn Jahre später zum Beispiel. Im September 1987. Man war das geil, wie Du vor dem Engelshaus in Wuppertal Erich Honecker, dem „Oberindianer Honni“, eine E-Gitarre in die Hand gedrückt hast. Gitarren statt Knarren. In meiner Heimatstadt. Du, Honni und der Sonderzug nach Pankow.

Dass ich den Auftritt verpasst habe, ärgert mich bis heute. Ich fand das einfach cool. Du hast niemals aufgegeben, wolltest immer vor richtigen Fans in der DDR spielen. Nicht wie im Oktober 1983, als ihr in Erichs Lampenladen in Ostberlin auftreten durftet. Für 20 Minuten! Vor handverlesenen FDJ-Funktionären. Da habt ihr aber euch mächtig verarschen lassen. Das wollte ich Dir immer schon mal sagen.

ARCHIV - 09.09.1987, Nordrhein-Westfalen, Wuppertal: Rockmusiker Udo Lindenberg (l) überreicht dem ehemaligen SED-Generalsekretär Erich Honecker (M) eine Gitarre mit der Aufschrift «Gitarren statt Knarren». (zu dpa: ««Panikrocker» Udo Lindenberg: In 80 Jahren um die Welt») Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Udo Lindenberg überreicht im September dem ehemaligen SED-Generalsekretär Erich Honecker (M) eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“.

Damit hast Du mir einen Bärendienst erwiesen. Was habe ich mir im Straßenwahlkampf vor der Bundestagwahl im März 1983 in der Fußgängerzone mit meinem Öko-Pullover der und Grünen-Plakette nicht alles anhören müssen. „Dann geh‘ doch nach drüben, wenn es Dir bei uns nicht passt.“ Nach Deiner Aktion vor dem Engelshaus habe ich Dir verziehen.

Ich habe gerade mal in meinem Plattenschrank gestöbert. Zur Wahrheit gehört dazu. Da ist eine Riesenlücke. Ende der 80er Jahre haben wir uns aus den Ohren verloren. Sündenknall, Phönix, Feuerland, Ich will Dich haben! Da muss man schon lange suchen, um auf diesen Platten ein paar Perlen zu finden. Das war mir echt zu mühselig.

Du hast gesoffen wie ein Loch. Wie schlimm das wirklich war, habe ich erst viele Jahre später durch Deinen Kumpel Benjamin erfahren, der das in „Panikherz“ schonungslos beschrieben hat.

Mich hat es dann aus dem Ruhrpott nach Köln verschlagen. Kurz vor der Jahrtausendwende. Ich hatte verdammt lang nichts von Dir gehört. Plötzlich fällt diese Silberscheibe vom Himmel. „Stark wie zwei“. Du gibst Unplugged-Konzerte und bist auf einmal wieder voll im Geschäft.

Und ich habe plötzlich die Gelegenheit, mal ein paar Sätze mit Dir zu reden. Dank Roland „Balou“ Temme, der BAP in den 80er und 90er Jahren betreut und irgendwann Dein Management übernommen hat. Leider ist „Balou“ im August 2021 gestorben. Mit 67. Viel zu früh.

Irgendeiner muss etwas schreiben – über Dein Comeback in Köln im März 2012. Du füllst längst die großen Hallen. Der Irgendeine – das bin ich. Weil sich sonst so recht keiner für Dich erwärmen will. „Balou“ gibt mir Deine Nummer und bittet mich inständig, Dich nicht vor fünf Uhr nachmittags anzurufen. Und dazu noch den Rat: „Sie sollten Udo duzen. Ansonsten ist das alles kein Problem.“

Wir haben Anfang November 2011. Ich bin verdammt nervös. Stelle auf laut. Diktiergerät an. 12 Minuten, 53 Sekunden. Übers bevorstehende Konzert reden wir nur drei Sätze. „Das wird eine richtige Panik-Rock-Tour. Mit ein paar Songs unplugged - auf einer Spezialbühne. Ansonsten ist das das volle Brett, voll Stecker, 100 Prozent Phon bis zur Ohramputation.“ Okay. War es das jetzt schon?

Der Rest geht über Kunst und Deine Likörellos. „Die mache ich immer so nebenbei. Das ist so eine Art Daily Pop. Nachts an der Bar. Ein bisschen abschmecken. Ob das auch gut knallt. Ob die Farben gut sind, ob sie haltbar sind. Die Dinger müssen ja ein paar Jahre halten.“

Kauf mal keine Aktien, kauf Udo-Bilder
Udo Lindenberg

Anschließend gibst Du mir noch einen Insider-Tipp. „Kauf mal keine Aktien, kauf Udo-Bilder. Die halten - mit Konservierungsstoffen aus der Alchimisten-Küche. Ein Freund von mir ist Apotheker.“ Hab‘ ich nicht beherzigt, Udo. Aber Platten, die kaufe ich seither wieder.

In den nächsten Jahren hören und sehen wir uns regelmäßig. Also im Vergleich zu vorher. Vor einem Konzert in Oberhausen fläzt Du Dich nach dem Soundcheck mit Deinen grünen Socken auf dem Sofa, laberst entspannt über Gott und die Welt, um zu offenbaren, wie glücklich Du gerade bist, als ich Dich nach Deiner Karriere frage.

„Das war schon eine Achterbahnfahrt. Viele Durchhänger, viele Krisen und so. Und dieses Nicht-mehr-weiter-Wissen. Das Switchen vom Teenie-Idol, vom Bravo-Starschnitt zu so einer Art Rock-Chansonnier,“ sagst Du. „Das war in meinen Fünfzigern. Da wusste ich nicht so genau, wie kriege ich das am besten hin. Aber irgendwie habe ich das geschafft. Darüber bin ich sehr glücklich, weil ich der Einzige bin, der das gepackt hat. Ich habe zum Teil ein völlig neues Publikum.“

Wir treffen uns in all den Jahren sporadisch mal in Baden-Baden. Im Büro von „Balou“ an der Schanzenstraße in Mülheim trällern wir gemeinsam ein paar Takte meines Lieblingssongs – ja, Du hast mich danach gefragt.

Udo Lindenberg beim letzten Kölner Konzert im Juni 2022.

Udo Lindenberg beim letzten Kölner Konzert im Juni 2022.

Beim Finale der 2017er Tour in der Lanxess-Arena meine ich mich zu erinnern, dass Du den baldigen Vorverkaufsstart für die Stadion-Tour zu Deinem 100. Geburtstag ankündigst. Oder war das 2022? Kann aber auch sein, dass ich mir das nur eingebildet habe. Egal. Ich wäre dabei - mit 83.

Glückwunsch nochmal, mein lieber Udo! Und sieh zu, dass Dein Knie in Ordnung kommt. Ich schieb‘ Dir dann von der Bühnenkante schnell ein weiches Kissen drunter, wenn Du Dich auf die Knie wirfst, weil es die Show verlangt. Und zwischendurch mal ein Eierlikörchen gurgeln. Denk dran! Nur gurgeln, sonst nichts. Und noch 20 Jahre weitermachen. Du bist eben doch stärker als die Zeit.