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The Neighbourhood in KölnAlles ist traurig, aber auch ein bisschen sexy

3 min
10.05.2026: Köln: The Neighbourhood  spielt Konzert im Rahmen ihrer „The World Tour 2026“ in der Lanxess Arena. Foto: Martina Goyert

The Neighbourhood spielt Konzert im Rahmen ihrer „The World Tour 2026“ in der Lanxess Arena.

Mühelos vermischt The Neighbourhood in der Lanxess-Arena Genres und Stile zu einer eigenen Ästhetik, dem perfekten Coming-of-Age-Sound für gebrochene Teenagerherzen.

Als die kalifornische Indieband The Neighbourhood irgendwann spät am Abend endlich die ersten Töne ihres bekanntesten Songs „Sweater Weather“ anstimmt und die bis auf den letzten Platz gefüllte Lanxess-Arena jedes Wort mitsingt, überkommt es mich plötzlich, aber heftig: das Gefühl, alt geworden zu sein.

Hatte meine Generation die Zeilen des melancholischen Lovesongs noch vor Schwarz-Weiß-Bildern von Regenpfützen oder wahlweise besonders dramatischen Sonnenuntergängen auf der Blogplattform Tumblr gepostet, untermalt „Sweater Weather“ heute Millionen von TikToks. 13 Jahre nach dem Release erlebt der Song gerade ein Comeback: Schon 2013 erreichte er Platz 1 der Billboard Alternative Charts, doch seit 2020 steigen die Streamingzahlen wieder rasant. Mittlerweile ist er auf Spotify der drittmeistgestreamte Song aller Zeiten. Das sieht man auch am Kölner Publikum: Die 17.000 Zuschauerinnen sind eindeutig der Generation TikTok – nicht der Generation Tumblr – zuzuordnen.

10.05.2026: Köln: The Neighbourhood  spielt Konzert im Rahmen ihrer „The World Tour 2026“ in der Lanxess Arena. Foto: Martina Goyert

10.05.2026: Köln: The Neighbourhood spielt Konzert im Rahmen ihrer „The World Tour 2026“ in der Lanxess Arena. Foto: Martina Goyert

Nach ihrem ersten großen Erfolg mit „Sweater Weather“ und dem Debütalbum „I Love You“ folgten weitere Alben, bevor The Neighbourhood unter anderem wegen Drogenproblemen einige Jahre aus der Öffentlichkeit verschwand. Gerade lange genug, um auf TikTok wiederentdeckt zu werden. Als die Band im vergangenen Jahr ihr neues Album „Ultrasound“ und eine Welttournee ankündigte, war diese jedenfalls so schnell ausverkauft, dass Zusatztermine anberaumt werden mussten. Auch für die zusätzliche Show am 30. August in der Kölner Arena gibt es nur noch Restkarten. Längst hat die Gen Z den düsteren Indie-Sound von The Neighbourhood für sich beansprucht.

Eine KI-Stimme moderiert den Abend

Eine KI-Stimme, an Siri angelehnt, moderiert den Abend. Auch das mechanische „I love you“ des Computers wird vom kreischenden Publikum dankend angenommen. Noch lauter gilt das Kreischen der jungen, überwiegend weiblichen Fans aber Jesse Rutherford, dem 34-jährigen Leadsänger der fünfköpfigen Band – bestehend aus Zach Abels, Brandon Fried, Jeremy Freeman und Mikey Margott – und seinem nackten, von Tattoos übersäten Oberkörper, der auffällig oft von einer Kamera im schwarz-weißen Großformat an die Wand hinter der Bühne projiziert wird und damit zur Hauptattraktion des ansonsten eher minimalistischen Bühnenbilds avanciert.

Getragen von der soliden Leistung seiner im Hintergrund agierenden Band und des Publikums, das jede Zeile auswendig kennt, singt und rappt Rutherford zu den Hip-Hop-Beats und Gitarren: ob über schwierige Beziehungen in „Cry Baby“ oder das Aufwachsen ohne Vater in „Daddy Issues“. Zu dem tiefen Bassriff von „A Little Death“ – dem französischen Ausdruck für Orgasmus, „la petite mort“, entlehnt – fummelt er mit dem Mikroständer. Alles ist traurig, aber auch ein bisschen sexy.

Mühelos vermischt The Neighbourhood Genres und Stile zu einer eigenen Ästhetik, dem perfekten Coming-of-Age-Sound für gebrochene Teenagerherzen: melancholisch genug, um dazu zu heulen, hiphoppig genug, um sich dabei zumindest ein wenig cool zu fühlen. Wer zu ihren Songs nicht wenigstens einmal im Kinderzimmer geweint hat, hat The Neighbourhood nie wirklich gehört. Vielleicht also gar nicht so schlecht, festzustellen, aus dieser Musik offenbar herausgewachsen zu sein.