Vor zwei Jahren trat die junge britische Sängerin noch in der Stadthalle Mülheim auf. Jetzt verkauft sie die Kölner Arena aus. Unsere Kritik.
Olivia Dean in der Lanxess-ArenaIn Köln wird ein Weltstar geboren

Olivia Dean während der Brit Awards 2026. Die Kölner Show durfte nicht fotografiert werden.
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Weder wisse sie, wo die Lichtschalter sind, noch, wo er das Besteck aufbewahre. Aber wenn sie ihn in Italien besuchte, schlägt Olivia Dean in ihrem Song „Nice to Each Other“ einer alten Flamme vor, könnte man sehr nett zueinander sein. Gerade erst hat sich der pfirsichfarbene Vorhang geöffnet, hat den Blick freigegeben auf ihre in einer Reihe aufgestellte, neunköpfige Band, inklusive Backgroundsängerinnen und Bläsersatz – und auf den jungen Star selbst, im langen ärmellosen schwarzen Kleid, verziert nur mit einem weißen und einem roten Band. Man denkt an das Albumcover von Steely Dans „Aja“. Nichts könnte Dean ferner liegen als der Zynismus des legendären Mucker-Duos, aber auch sie weiß, wie man schwindelerregende Virtuosität in sanft schwingenden Radiohits verbirgt.
Für ihre enge Freundin Raye – man kennt sich aus der renommierten Brit-School für darstellende Künste, die schon Talente wie Adele, Amy Winehouse und Tom Holland hervorgebracht hat – ist die Liebe ein großes Filmdrama, wahlweise in Cinemascope oder als vernebelter Film noir. Dean wirkt dagegen lieber deeskalierend. Singt von den Lehren ihrer Großmutter Carmen, die mit der Windrush-Generation von Guayana nach England kam, vom Wert der Eigenliebe und darüber, dass man manchmal loslassen lernen muss. Auch gescheiterte Beziehungen haben ihren Wert: „Jedes Mal, wenn du dich verliebst“, vertraut die 27-Jährige der ausverkauften Lanxess-Arena an, „ist das sinnvoll verbrachte Zeit.“
Olivia Dean ist die erste Sängerin mit vier Top-Ten-Singles zur gleichen Zeit
Mit ihrem zweiten Album „The Art of Loving“ ist der jungen Singer-Songwriterin der internationale Durchbruch gelungen. Ein Grammy als beste Nachwuchskünstlerin, etliche Brit-Awards, ein Auftritt bei „Saturday Night Live“ und ein bemerkenswerter Rekord: Olivia Dean ist die erste Künstlerin, die gleichzeitig vier Singles in den britischen Top Ten hatte, und selbstredend endet die Kölner Show mit ihrem Nummer-eins-Hit „Man I Need“ im rosa Konfettiregen. Vor zwei Jahren trat sie noch in der Köln-Mülheimer Stadthalle auf, jetzt musste ihr Konzert von der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Hall in die Deutzer Arena hochverlegt werden.
Daran, dass Dean ein Star ist (und es lange bleiben wird), wird schon nach den ersten Minuten des Konzerts niemand ernsthaft zweifeln. Aber sie ist ein nahbarer Star, ihre Stimme, ihre Phrasierung makellos, aber unangestrengt und voller Wärme. Ihre kurzen Zwischenansagen wirken spontan, ihre Bewegungen angenehm unchoreografiert. Oft schüttelt sie einen Shaker oder ein Tambourin mit der rechten Hand, als bräuchte sie noch ein weiteres Ventil für ihre Lebenslust.
Als nach dem frühen Folksong „UFO“ – sie hat auf einem Barhocker Platz genommen und begleitet sich selbst auf der akustischen Gitarre – besonders starker Jubel aufbrandet, scheint sie ernstlich überrascht und muss beim nächsten Stück kichernd noch einmal neu ansetzen. Aber der Jubel war hochverdient. Dort, wo sich ihre Folkwurzeln zeigen, und auch dort, wo sie an die Songkunst des New Yorker Brill Buildings anknüpft – an Burt Bacharach oder Carole King, an eine Zeit noch vor den Beatles – scheint ihr Talent am hellsten durch. Ihre Ausflüge auf den Tanzboden – „Baby Steps“ oder „Ladies Room“ – klingen dagegen arg generisch, nach Kreuzfahrschiff-Unterhaltung.
Aber das sind Kritteleien. In ihren besten Momenten trifft Dean die ideale Mitte zwischen der eleganten Dionne Warwick und dem frühen Enthusiasmus von deren Nichte Whitney Houston. Und das ist doch schon sehr viel mehr als nur sehr nett.
