Die britische Entertainerin Raye präsentierte sich in der Lanxess-Arena als der nächste große Weltstar.
Mit 21-köpfiger BandSängerin Raye in Köln – ein Konzert der Extraklasse

Die britische Sängerin Raye am 10. Februar 2026 in der Lanxess-Arena.
Copyright: Michael Bause
Ein Trompetenstoß wie in einem alten Spannungsfilm, in dem sich Menschen durch smogverhangene Großstadtgassen jagen und Pfützen Neonlichter spiegeln. Kriminaljazz. Ganz unauffällig von links betritt Raye die Rampe der noch von einem roten Vorhang verhüllten Bühne.
Trägt einen schwarzen Mantel über ihrem maßgeschneiderten roten Fransenkleid von Emilia Wickstead und die Art Sonnenbrille, die Frau trägt, wenn sie ein dunkles Geheimnis zu verbergen oder auch nur leicht einen sitzen hat. Sie ist allein und auf der Flucht aus einer Hotelbar.
In der Bühnenmitte wartet schon eine Gewitterwolke auf die Sängerin, ein perfekter Sturm, erklärt eine Stimme aus dem Off, braut sich zusammen. Aus dem Vorhang ragt ein Arm, reicht der Geheimnisvollen ein Mikrofon. Sie singt, beinahe opernhaft, von Seelenqualen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Vier Violinistinnen eilen von rechts herbei. Die Wolke leuchtet auf und entlädt sich im Glitzerregen allein über Raye.
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Schon immer habe sie das Drama geliebt, gesteht Raye
Schon immer habe sie das Drama geliebt, wird die Sängerin aus Südlondon später erklären, jetzt trete sie endgültig in ihre dramatische Ära ein. Das ist kaum zu übersehen oder -hören. Ebenso wenig wie die verschwörerische Lust am gemeinsamen, die ausverkaufte Lanxess-Arena umspannenden Hochjazzen allgemeingültiger Gefühle.
Als sich der Vorhang hebt, gibt er den Blick auf eine große, glänzende und ganz in Rot getauchte Showbühne frei, mit elegant geschwungenem LED-Schirm im Hintergrund. Die 21-köpfige Band, inklusive einer Sieben-Mann-Bläsersektion, wird vorgestellt, allesamt in Abendgarderobe, selbst die Stagehands tragen Anzugweste und Fliege. Triggerwarnung: „Diese Musik könnte Hoffnung enthalten.“
Wie zum Beweis eröffnet Raye – den schwarzen Mantel hat sie abgelegt, das Mikrofonkabel lässig über die Schulter geworfen – mit ihrem aktuellen Hit, „Where Is My Husband!“, einem wippenden Wunderwerk aus kunstvoll übereinander geschichteten Girl-Group-Harmonien, plapperndem Jazz-Gesang und aufgekratzten Hip-Hop-Rhythmen. Ein Lied, das man nebenbei im Radio mitpfeifen, oder in musikalischer Feinanalyse bewundernd zerlegen kann. Das man als forsche Suche nach dem Richtigen, oder als fröhlich überspielten Defätismus lesen kann. Das Alt wie Jung verstehen.

Im schwarzen Mantel über dem roten Fransenkleid beginnt Raye das Konzert.
Copyright: Michael Bause
Ein Blick ins Publikum, 15.000 haben den Weg in die Arena gefunden, gibt demografische Gewissheit: Hier schwingen Teenager ebenso mit, wie Paare, die effektvoll dem Ruhestand trotzen. Einmal ruft Raye ein solches gemeinsam ergrautes Paar aus: „Ich habe gesehen, wie ihr von der ersten Nummer an getanzt habt, und das hat mein Herz mit Freude erfüllt.“
Ob man nun mit Shirley Bassey, Amy Winehouse oder Little Simz seine ersten musikalischen Erfahrungen gemacht hat – bei Raye wird jede Generation ihre Anknüpfungspunkte finden. Ohne, dass irgendjemand der Künstlerin Beliebigkeit unterstellen könnte.
Nach einem tränenreichen Appell wurde Raye vom Label fallen gelassen
Die 28-Jährige hat ihre erstaunlichen Fähigkeiten und ihre große Bandbreite organisch und über lange Lehrjahre als Songschreiberin und Interpretin hinweg entwickelt. Weshalb ihr die Übergänge von Jazz-Standards wie „Fly Me to the Moon“ – mit schwebendem Scat-Gesang-Einschüben in einem eilig eingerichteten Abendclub mit Lampentischchen dargebracht – zu elektronischen Tanzboden-Bangern wie „Secrets“ so fließend gelingen, als wäre sie selbst ein eigenes, allumfassendes Genre.
Noch als Minderjährige nahm sie die Plattenfirma Polydor unter Vertrag. Raye feierte erste Erfolge als Gastsängerin bei Songs von Dance-Produzenten wie Joel Corry und David Guetta, schrieb Tracks für Charli XCX, John Legend und sogar Beyoncé. Trotzdem verweigerte ihr Polydor das Debütalbum, an dem sie die gesamte Zeit über im Hintergrund gearbeitet hatte. Nachdem sie einen tränenreichen Appell in den sozialen Medien veröffentlicht hatte, wurde sie vom Label schließlich fallen gelassen.
Ihr Debüt, „My 21st Century Blues“, veröffentlichte sie deshalb als unabhängige Künstlerin, vogelfrei – und ließ bei den Brit Awards 2024 die prominentere Konkurrenz von Harry Styles bis Adele leer ausgehen, als Künstlerin mit den meisten Auszeichnungen bei einer einzigen Zeremonie.

Rap-Passagen, Koloratur-Gesänge und Barfuß-Tänze: Raye in der Lanxess-Arena.
Copyright: Michael Bause
In Köln ist nach gut gelaunt improvisierten Publikumsansprachen, nach Rap-Passagen, Koloratur-Gesängen und Barfuß-Tänzen die Zeit gekommen, die ausgelassene Stimmung etwas zu dämpfen. Der Vorhang senkt sich, Raye stimmt, allein am Stehklavier, „Ice Cream Man“ an, ihre Ballade vom sexuellen Missbrauch. Kein Song, sagt sie, den sie besonders gerne singe. Aber es müsse sein. Wie sie darin in unverblümten Worten schildert, was ihr widerfahren ist und wie lange sie ihre Traumata verdrängt und verschwiegen hat, wie sie das Thema für alle Betroffenen im Publikum öffnet und mit dem nächsten, trostreichen Lied, „I Know You’re Hurting“, wieder aufgreift, – das zeigt ihre ganze Klasse.
„Fünf einfache, vielleicht sogar kitschige Worte“, singt sie an dessen Ende wieder und wieder: „It's gonna be allright.“ Es wird alles gut, das glaubt man am Ende wirklich, und zumindest das Konzert wird, nach einem kurzen Wechsel ins schwarze Cocktailkleid, immer noch besser: mit der wortreichen, orchestral weit ausgreifenden „Click Clack Symphony“, mit „Oscar Winning Tears“, der „Respect“-artigen Absage an einen performativ heulenden, ansonsten aber völlig unzulänglichen Partner.
Zum letzten Stück vor der Zugabe, „Joy“, stoßen ihre jüngeren Schwestern, Amma und Absolutely, dazu, deren kurze Sets den Abend eröffnet hatten – bevor Raye mit ihrem ersten Solohit, „Escapism“, triumphal abschließt. Darin geht es nicht um die Flucht in, sondern vor Scheinwirklichkeiten, um den Mut, sich aus unguten Situationen zu befreien, auch wenn man dann erst einmal allein unter seiner ganz persönlichen Regenwolke steht.
Es ist alles gut geworden, für uns, für Raye. Ende März erscheint ihr zweites Album: „This Music May Contain Hope“, dann wird sie endgültig ein Weltstar sein. Keine fromme Hoffnung, das ist Gewissheit.

