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Käfigkämpfe in den Satory Sälen„MMA ist wie das Lösen eines Zauberwürfels“

7 min
MMA-Kampfabend in den Satory Sälen in Köln. Rund 600 Zuschauer kamen zur Veranstaltung „Helix Combat Series 2“.

MMA-Kampfabend in den Satory Sälen in Köln. Rund 600 Zuschauer kamen zur Veranstaltung „Helix Combat Series 2“.

Die kombinierte Kampfkunst ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Als Sport – oder als vor Publikum zelebrierte rohe Gewalt?

Die Menge in den Kölner Sartory-Sälen johlt, viele Zuschauer hält es nicht mehr auf ihren Sitzen. Sie blicken in den hell erleuchteten Käfig in der Saalmitte, wo ein Kämpfer auf einem anderen sitzt und mit nur leicht behandschuhten Fäusten auf dessen Kopf eindrischt. Die Szene währt nur kurz, dann bricht der Ringrichter das Duell ab und Mert Basbudak hüpft wild jubelnd als Sieger durch den Käfig. Jan Mujtaba bleibt erst mal liegen und wird länger behandelt, ein tiefer Cut und ein zugeschwollenes blaues Auge werden ihn noch eine Weile an diesen Samstagabend erinnern.   

Damit drängt sich am Ende eines langen MMA-Kampfabends mit 14 Duellen vor rund 700 Zuschauern doch noch die Frage auf: Ist das Sport? Oder vor Publikum zelebrierte rohe Gewalt?

Mixed Martial Arts, abgekürzt MMA, ist eine kombinierte Kampfkunst. Es werden Techniken aus dem Boxen, Kickboxen, Ringen und Brazilian Jiu-Jitsu genutzt. Die Kampffläche hat die Form eines Oktagons und ist mit hohen Netzen begrenzt, so kommen die Veranstaltungen zu der Umschreibung „Käfigkämpfe“. MMA ist vor allem in den USA eine große Nummer, dort ist die bekannteste MMA-Organisation Ultimate Fighting Championship (UFC) beheimatet und setzt mit ihren Kämpfen inzwischen jährlich mehr als eine Milliarde Dollar um.

US-Präsident Donald Trump ist bekennender Fan der Käfigkämpfe.

US-Präsident Donald Trump ist bekennender Fan der Käfigkämpfe.

US-Präsident Donald Trump ist ein großer Fan des Sports. Aktuell sorgt das von ihm angekündigte „White-House-Event“ für heiße Diskussionen in der Szene. Zu seinem 80. Geburtstag am 14. Juni will Trump groß inszenierte MMA-Kämpfe auf dem Gelände des Weißen Hauses präsentieren. Überhaupt ziehen die Auseinandersetzungen im Käfig offenbar amerikanische Milliardäre an: seit einigen Jahren kokettieren die beiden Techgiganten Elon Musk (Tesla, SpaceX, X) und Mark Zuckerberg (Meta mit Facebook, Whatsapp und Instagram) mit der Idee, in einem Oktagon gegeneinander anzutreten.        

Umstrittenes MMA-Debüt 2009 in der Lanxess-Arena

In Deutschland feierte die UFC 2009 Premiere, das Debüt in der Kölner Lanxess-Arena verlief allerdings nicht so bahnbrechend, wie man sich das in den USA erhofft hatte. In der Kölner Politik regte sich damals erbitterter Widerstand, der Stadtrat stellte sich gegen die Käfigkämpfe und forderte vom Arena-Management, solche Veranstaltungen nicht mehr zuzulassen. Es würden niederste Instinkte bedient und eine „gesellschaftliche Akzeptanz brutaler und verabscheuungswürdiger Verhaltensweisen“ suggeriert, hieß es im entsprechenden Antrag. Kölns damalige Jugenddezernentin Agnes Klein setzte schließlich eine Altersbeschränkung ab 18 Jahren durch. 13.000 Zuschauer kamen in die Arena, der Abend verlief wenig spektakulär und der große Boom durch die deutsche UFC-Premiere blieb aus. 

Beim sogenannten „Grappling“ am Boden versuchen die MMA-Kämpfer, den Gegner mit einem Würge- oder Hebel-Manöver zu bezwingen.

Beim sogenannten „Grappling“ am Boden versuchen die MMA-Kämpfer, den Gegner mit einem Würge- oder Hebel-Manöver zu bezwingen.

Richtig Schwung scheint MMA in Deutschland erst jetzt zu bekommen. Das Boxen ist seit dem Karriereende der Klitschko-Brüder hierzulande unter die Wahrnehmungsschwelle einer breiten Öffentlichkeit gerutscht, und nun schickt sich die kombinierte Kampfkunst im Käfig an, in die Lücke zu drängen. Größter Veranstalter in Europa ist Oktagon aus Tschechien, Fernsehpartner in Deutschland ist RTL+. Auch in der Lanxess-Arena werden regelmäßig Oktagon-Veranstaltungen ausgetragen. Einen Kampfabend im vergangenen Oktober zeigte RTL zum ersten Mal im Free-TV. Und zu Deutschlands berühmtestem MMA-Kämpfer Christian Eckerlin hat RTL+ eine sechsteilige Doku produziert. Am 11. Juni soll es einen weiteren Oktagon-Kampfabend in der Lanxess-Arena geben, Tickets sind ab 49 Euro erhältlich. Es gilt weiterhin eine Altersbeschränkung ab 18 Jahren.      

Auf den Spuren von Klitschko und Halmich in den Satory Sälen

Die Käfigkämpfe am Samstagabend in den Sarory-Sälen wurden von Kölner MMA-Liebhabern veranstaltet. In den alt-ehrwürdigen Hallen haben schon Vitali Klitschko oder Regina Halmich geboxt, jetzt werden hier Talente der kombinierten Kampfkünste präsentiert. Die Veranstalter  nennen ihre MMA-Kampfabende Helix Combat Series und nummerieren sie wie in der Szene üblich durch. In Köln stieg die Helix Combat Series 2, die UFC ist inzwischen jenseits der 300 angekommen, Oktagon steuert auf die 100 zu.

Luca Frangenberg (l.), Kölner MMA-Trainer und Mit-Veranstalter des Kampfabends in den Satory Sälen, bereitet einen seiner Kämpfer auf dessen Auftritt vor.

Luca Frangenberg (l.), Kölner MMA-Trainer und Mit-Veranstalter des Kampfabends in den Satory Sälen, bereitet einen seiner Kämpfer auf dessen Auftritt vor.

Luca Frangenberg ist einer der Köpfe hinter Helix und zugleich mit einem Kollegen Betreiber des Kölner Gyms Roots MMA. Die Kampfsportschule in Mülheim eröffnete vor anderthalb Jahren und hat bereits 660 Mitglieder. „Die Leute kommen aus der gesamten Region zu uns geströmt“, sagt Frangenberg: „Es gibt nur wenige Gyms in Deutschland, die den Sport so ernst nehmen wie wir.“     

Manch einer orakelt, dass MMA werden könnte, was das Boxen in den 90er Jahren in Deutschland war, als RTL die Kämpfe von Henry Maske, Sven Ottke oder Axel Schulz als schillernde Spektakel einem Millionen-Publikum präsentierte. Das sei allerdings nicht das, wo Helix hinmöchte, betont Frangenberg. Dem Team gehe es um eine nachhaltige Entwicklung der MMA-Szene in Deutschland. „Das hat beim Boxen ja nicht funktioniert“, sagt er. Es sei mehr auf Star-Qualitäten denn auf kämpferisches Können gesetzt worden. Man dürfe nicht auf schnelles Geld aus sein, sondern müsse Strukturen schaffen, die Kämpfern eine qualitativ herausragende Ausbildung ermöglichen.

In den Satory Sälen in Köln wurden auch zwei MMA-Frauenkämpfe präsentiert.

In den Satory Sälen in Köln wurden auch zwei MMA-Frauenkämpfe präsentiert.

Den ersten Kampf am Samstagabend in den Sartory-Sälen bestreitet Tim Wegener von Cage MMA Cologne, einem weiteren Kölner Gym, gegen Maurice Nowak aus Bocholt. Für beide ist es ihr Debüt im Käfig, Wegener hat aber schon an allen großen Turnieren im Brazilian Jiu-Jitsu teilgenommen. Und so verlagert er den Kampf auch schnell vom stehenden Austausch von Schlägen und Kicks auf ein Gerangel am Boden, „Grappling“ nennen sie das im Fachjargon. Für den Zuschauer ist das weniger spektakulär, der Laie kann kaum erkennen, wer dabei gerade im Vorteil ist.

Die Regeln unterscheiden sich je nach Veranstalter und zwischen Amateuren und Profis

Gekämpft wird über drei Runden à drei Minuten (bei den Profis fünf Minuten). Erlaubt ist viel, was man sich so ausdenken kann, um dem Gegner wehzutun. Je nach Veranstalter einiges aber auch nicht: Kicks mit dem Knie zum Oberkörper etwa (bei den Amateuren) oder zum Kopf (bei allen), Schläge mit dem Ellenbogen, Kopfstöße oder Beißen. Den Sieg feiert, wer einen K. o. (der Gegner wird mit einem Schlag ausgeknockt) oder technischen K. o. (der Ringrichter bricht wegen klarer Überlegenheit eines der Kämpfer ab) schafft, den Gegner mit einem Hebel- oder Würgegriff zur Aufgabe zwingt (genannt Submission) oder am Ende von den Kampfrichtern zum Gewinner erklärt wird. 

Der Kölner MMA-Kämpfer Tim Wegener nach seinem Debüt-Sieg in den Satory Sälen mit Vater Reinhard.

Der Kölner MMA-Kämpfer Tim Wegener nach seinem Debüt-Sieg in den Satory Sälen mit Vater Reinhard.

Zu so deutlichen Ausbrüchen roher Gewalt wie im Hauptkampf am Ende des Samstagabends kommt es in den ersten Duellen nicht, einige enden mit Würgegriffen, ein Kämpfer nutzt dabei sehr gekonnt ein Bein. Frangenberg bezeichnet das als „die schonendste Art“, einen Gegner zu bezwingen. Auch Tim Wegener schafft bei seinem Debüt einen solchen Würge-Sieg, im Anschluss dankt er seinem Vater, der im Publikum sitzt: „Ich weiß, dass das nicht deine Welt ist, Papa.“

Später erzählt Reinhard Wegener, dass er kein Blut sehen könne. Die Kampfsport-Begeisterung seines Sohnes verstehe er allerdings, selbst betreibe er Aikido. Der Ausflug zum MMA sei für beide „eine Mutprobe“ gewesen, sagen Vater und Sohn. „Man kann hier ausgeknockt werden oder sich den Arm brechen“, erklärt Tim Wegener. „Aber die Hebeltechniken, die Tim drauf hat, sind hundsgefährlich“, lobt der Vater.  

Der Kölner Sportausschuss-Vorsitzende Oliver Seeck fordert: „Klare Regeln, Sicherheit und Jugendschutz“

In der Kölner Stadtpolitik sei das Thema MMA heute kaum noch wahrnehmbar, sagt Oliver Seeck (SPD), der Vorsitzende des Sportausschusses. MMA habe sich in den vergangenen Jahren in Köln deutlich weiterentwickelt und professionalisiert, der Sport erreiche inzwischen viele Menschen und zahlreiche Studios verzeichneten großen Zulauf. „Entscheidend ist aus meiner Sicht aber, dass klare Regeln, Sicherheit, Jugendschutz und ein verantwortungsvoller Umgang selbstverständlich gewährleistet sind“, sagt Seeck. Wenn das der Fall sei, verdiene MMA „grundsätzlich auch die gleiche sachliche Betrachtung wie andere Kampfsportarten“. Trotzdem sehe er die Entwicklung kritisch: „Wenn Kinder und Jugendliche sehr früh mit besonders martialischen und gewaltbetonten Formen des Sports in Kontakt kommen, habe ich ein ungutes Gefühl.“ 

Luca Frangenberg hat MMA mit 17 Jahren für sich entdeckt. Damals sei er übergewichtig gewesen und habe Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen gehabt. „Ich fand es geil, mich in einem geschützten Rahmen meiner Angst stellen zu können“, sagt der heute 32-Jährige. Tim Wegener startete seine Kampfsportkarriere vor neun Jahren mit 18, vorher spielte er Handball. „MMA ist wie das Lösen eines Zauberwürfels“, sagt er, „ein spannendes, sehr kognitives Spiel“. Für das es allerdings auch ein paar Muskeln braucht, die Kämpfer und vier Kämpferinnen am Samstagabend waren ausnahmslos alle sichtlich austrainiert. Beim Training träfen sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, sagt Wegener: „Vom Hooligan bis zum Polizisten.“ 

Und so formuliert Luca Frangenberg als Ziel für die Kölner Helix-Veranstaltungen – Nummer drei soll am 5. September stattfinden – diesen Wunsch: „Wir wollen in die Mitte der Gesellschaft, wir wollen Sportschau-Gucker abholen.“