KunstZum Jubiläum Überlebenskampf

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Lichtkunst von Martin Pfeifle an der Fassade der Sürther Fuhrwerkswaage im Jahr 2015

  1. Jochen Heufelder und Gerhart Baum über die Zukunft der Fuhrwerkswaage in Sürth

In der Winterzeit beginnt Sürth zu leuchten – jedenfalls für die Pendler, die zu Tausenden aus Köln in die Vororte heimkehren. Am Bahnhof blicken sie auf das alte Umspannwerk, das seit 40 Jahren die Heimat des privaten Kunstraums Fuhrwerkswaage ist und dessen Fassade sich vor Weihnachten in eine Lichtskulptur verwandelt. Mal verkündet sie in den bunten Buchstaben einer Leuchtreklame den großen Gewinn, von dem wir alle träumen, mal richten sich Neonröhren wie Eisenspäne an einem Magneten aus. In jedem Fall ist die Lichtmalerei ein Blickfang und für müde Pendler vielleicht auch eine Art Heimleuchten in der früh einsetzenden Dunkelheit.

Im Winter des nächsten Jahres könnte dieses Licht für immer verlöschen – wenn sich die bösen Ahnungen des Fuhrwerkswaage-Leiters Jochen Heufelder bewahrheiten. Wie berichtet plant ein Rodenkirchener Projektentwickler, einen Teil des alten Sürther Bahnhofsgeländes zu bebauen, und schweigt sich darüber aus, ob er den 2020 auslaufenden Mietvertrag mit der Fuhrwerkswaage verlängern will. Heufelder befürchtet, dass der Investor auf Zeit spielt: „Bereits das übernächste Jahr können wir nicht mehr seriös planen“, sagt er. Sollte sich nicht rasch eine Lösung ergeben, ist das Ende der Fuhrwerkswaage für ihn besiegelt.

Vom Sürther Bahnhof sind es mit der Linie 16 nur wenige Stationen zum Chlodwigplatz. Hier in der Südstadt blicken Jochen Heufelder und der ehemalige Innenminister Gerhart Baum auf die Geschichte der Fuhrwerkswaage zurück: Baum ist Vorsitzender des privaten Führwerkswaage-Fördervereins, das Amt hat er vor bald 20 Jahren übernommen, weil er glaubte, „etwas bewirken zu können“. Er lobt den Sürther Kunstraum für seine „wichtige Förderfunktion“ und nennt das geplante Bauprojekt „unverantwortlich“ – allein schon wegen des Wegfalls zahlreicher Park & Ride-Parkplätze. „Die Fuhrwerkswaage ist ein Motivator für junge Künstler“, so Baum, und zudem ein besonderer Ort: „Der Raum ist das Highlight, und deswegen ist die Fuhrwerkswaage auch nicht verpflanzbar.“

Jochen Heufelder

Gegründet, sagt Heufelder, habe er die Fuhrwerkswaage aus einem „naiven Zorn“ heraus. Vor 40 Jahren triumphierte auch in Köln die grobmotorische Malerei der Jungen Wilden, und Heufelder, Schüler des für seine grazil geschwungenen Skulpturen bekannten Norbert Kricke, wollte diesem Siegeszug etwas entgegensetzen. Er fand das Sürther Umspannwerk, mietete es für wenig Geld von der städtischen Gesellschaft für Häfen- und Güterverkehr und zeigte fortan bei freiem Eintritt Künstler, die ihm gefielen. Viele junge waren darunter, dazu Geheimtipps wie Ben Willikens, aber auch bekannte wie Günther Förg oder Reiner Ruthenbeck. Bis heute lebt dieser Pioniergeist in der Fuhrwerkswaage fort – und wird maßgeblich von der Stadt Köln unterstützt. Eines Tages, so Heufelder, stand ein Mitarbeiter des Kulturamts in der Tür und fragte: Dürfen wir sie fördern?

Auch Jochen Heufelders zahlreiche „Nebengeschäfte“ gehören zur Geschichte der Fuhrwerkswaage: Projekte wie die New Talents-Biennale, Skulptur am Fort, Maler malen auf Litfaßsäulen und Privatgrün. Bei Privatgrün stellten Künstler ihre Werke in Kölner Vor- und Dachgärten aus, dem Publikum standen die Haustüren der Gastgeber offen. Derzeit ist eine Art Fortsetzung mit kunstvollen Bienenstöcken geplant.

Auf ein Jubiläumsfest zum 40-jährigen Bestehen verzichtet Heufelder lieber. „Wir feiern durch“, sagt er, auch wenn ihm nicht danach zumute ist: „Eigentlich wollte ich dieses Jahr meine Nachfolge regeln. Stattdessen kämpfe ich ums Überleben.“ Seine Hoffnungen setzt er darauf, dass der Investor die Lust am umstrittenen Bauprojekt verliert – und auf ein mögliches Einschreiten der Denkmalschutzbehörde. In einer ersten Einschätzung habe das Amt der Fuhrwerkswaage zwar die Eignung als Denkmal abgesprochen, so Heufelder, sich dabei aber teilweise schlicht vertan. „Die Denkmalbehörde dachte, die Fuhrwerkswaage gehöre zum Ensemble des abgerissenen Bahnhofgebäudes; doch entgegen ihrem Namen war sie immer ein Umspannwerk.“

Allerdings bleiben die Hoffnungen auf den Denkmalschutz so vage wie die Aussagen des Rodenkirchener Projektentwicklers; die Uhr scheint für die Fuhrwerkswaage abzulaufen. So lange es noch geht, macht Heufelder gleichwohl weiter. Als nächstes mit einer Ausstellung der Düsseldorfer Künstlerin Anna Vogel. Die Eröffnung ist am 2. September.

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