Der aktuelle Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai legt mit „Zsömle ist weg“ einen neuen, irrwitzigen Roman vor.
LiteraturnobelpreisträgerWenn Reichsbürger auf den Hund kommen

Ganz nah an der Macht: László Krasznahorkai unterhält sich mit der ehemaligen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Nobelpreisbankett in Stockholm.
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Ungarn, veranschaulichte der frischgekürte Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai dem schwedischen Fernsehen, als es nach seinem Verhältnis zur Heimat fragte, Ungarn sei wie ein alkoholkrankes Elternteil: „Meine Mutter trinkt, sie verliert ihre Schönheit, sie keift. Trotzdem liebe ich sie.“
Auch die Heimatliebe der Protagonisten in Krasznahorkais neuem, von Heike Flemming kunstvoll in lange Melodiebögen haltendes, rhythmisiertes Deutsch übertragenen Roman „Zsömle ist weg“ (in Ungarn ist bereits das nächste Werk namens „Die Sicherheit der ungarischen Nation“ erschienen) ist alles andere als ungetrübt. Sie misstrauen der Demokratie, eigentlich der Moderne an sich, sie misstrauen selbst dem ultranationalistischen Premierminister Viktor Orbán – der zur Zeit der Handlung erst zwei Jahre im Amt ist.
Revisionisten, die zurück ins 13. Jahrhundert wollen
20 Mann stark fallen sie in das Berghäuschen des greisen Sonderlings ein, wie die Zwerge in Bilbo Beutlins Wohnhöhle im ersten Kapitel des „Hobbit“, betiteln ihn als ihre Majestät, obwohl er selbst nur als Onkel Józsi angesprochen werden will. Sie sind Lehrer und Lackierer, Wandersänger (dem Krasznahorkai den eigenen Namen geliehen hat) und Polizisten, Referenten im Rechnungswesen und Stabfähnriche im Ruhestand, Elektriker und Gestütsbesitzer, spezialisiert auf die Rettung alter Rassen.
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Sie gehören verschiedenen Organisationen mit kurios bis mulmig anmutenden Namen an: Urungarische Schamanenkirche, Vierundsechzig Burgkomitate, Pfeile der Ungarn, Weltnationale Volksherrschaftspartei. Vereint sind sie allein in ihrem Geschichtsrevisionismus. Sie wollen die Monarchie wiederherstellen und nicht etwa die Herrschaft der Habsburger, sondern das alte Reich der Magyaren, kurz: man will zurück bis mindestens ins 13. Jahrhundert.

Der ungarische Nobelpreisträger László Krasznahorkai (Mitte) trifft zusammen mit anderen Nobelpreisträgern ein, um am 6. Dezember 2025 im Nobelmuseum in Stockholm die Nobelstühle zu signieren.
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In Onkel Józsi glauben die unbedarften Monarchisten den wahren Thronfolger der Árpáden entdeckt zu haben, und auch der 91-Jährige selbst hält sich für den Enkel des Enkels von Dschingis Khan, verweist auf seine zahlreichen illustren Bekanntschaften mit Maharadschas und arabischen Ölmilliardären, mit Prinzen, Grafen, „Brett Pitt und der Scholie“ und auch auf seine gute Freundschaft mit Heinrich XIII., Prinz Reuß – also dem Hauptangeklagten im größten Staatsschutzprozess der jüngeren Zeit in der Bundesrepublik Deutschland, ein Putschist im Tweed-Sakko, ein sogenannter Reichsbürger.
Dass der von Onkel Józsi verehrte Albert Wass ein völkischer Schriftsteller war, dem die Erschießung jüdischer und rumänischer Zivilisten vorgeworfen wird (und dem die Fidesz-Regierung eifrig Denkmäler baut), und Józsis große Liebe, die Sängerin Zita Szeleczky, eine eifrige Anhängerin der Faschisten, muss man selbst nachschlagen. Zugleich muss man aber gar kein Kenner der ungarischen Geschichte sein, um zu verstehen, von welcher Art politischen Wirrköpfen Krasznahorkai in „Zsömle ist weg“ erzählt. Man fliegt mit größtem Vergnügen durch seine Endlossätze – die elf Kapitel bestehen jeweils aus einem Satz, wie in seinem berühmten Debütroman „Satanstango“ von 1985. Im Verhältnis zu seinen anderen Werken fasst er sich in „Zsömle“ aber geradezu kurz.
Nur ein Komma trennt Weltpolitik und Dorftrottelei
Mit größtem Vergnügen, auch deshalb, weil der Nobelpreisträger sich diesen Schwurblern und ihren Großmannssüchten mit erstaunlich liebevollem Blick nähert, allen voran dem rüstigen Möchtegernkönig Józsi, der seinen Alltag in karger Einöde zwischen Kassettenkaffee vom Sparherd, seinem geliebten Kettenhund Zsömle und gelegentlichen Interaktionen mit halbdebilen Nachbarn verbringt, aber ein zweites, geheimes Innenleben als vermeintlicher Herrscherspross und rechtmäßiger König Ungarns führt. Bis eben der zwergenhafte Reichsbürgerhaufen in sein Leben tritt, wild entschlossen, seinen Verblendungszusammenhang zu teilen. Das führt immer wieder zu höchst komischen Kontrasten zwischen Weltpolitik und Dorftrottelei.
Die trennt oft nur ein Komma, Krasznahorkai benutzt seine Verschachtelungen als eine Art grammatikalischen Slapstick, auch sonst läuft in der Welt dieses Romans vieles nach den Gesetzen der Situationskomik ab, so scheint es etwa nahezu unmöglich, mit dem Auto von Onkel Józsis Berg zurück durch den Wald zu fahren, ohne dabei ein Reh auf die Motorhaube zu spießen. Bei den Dorfbewohnern gibt es daraufhin leckeres Wildgulasch.
Schon vor zehn Jahren hatte der Autor in „Baron Wenckheims Rückkehr“ die irrigen Hoffnungen beschrieben, die ungarische Kleinstädter an einen unwilligen Adligen knüpften, und damit sein grimmig-düsteres Frühwerk in ein kosmisches Lachen aufgelöst. „Zsömle“ fügt diesem Lachen nun noch einen Hauch Wehmut bei, denn irgendwo kann man diese verrückten Königstreuen und erst recht den eingebildeten Monarchen ja verstehen. Die Welt ist aus den Fugen und Europa im Abseits. Klar, dass Menschen Abkürzungen zu fester Ordnung und einstiger Bedeutung suchen.
Was Krasznahorkais Roman so wahnwitzig und auch so wahnsinnig witzig macht, ist der Taumel zwischen Hunde- und Heimatliebe, zwischen dem geistig zurückgebliebenen Pyromanen im Dorf, der der Frau seines Bruders nachstellt, und den Brandstiftern, die im Untergrund von Budapest Maschinengewehre für den kommenden Staatsstreich horten. Für Onkel Józsi geht die Verbindung mit seinen Untertanen nicht gut aus, der Árpáden-König endet Zsömle-los und scheinbar von allen Verbündeten verlassen in der Nervenheilanstalt.
Der größte Witz dabei ist selbstredend, dass sich Viktor Orbán inzwischen selbst zum Quasi-König der Ungarn aufgeschwungen hat, dass wir alle Insassen derselben Nervenheilanstalt sind. Sein Roman, schreibt Krasznahorkai in einer Nachbemerkung, sei eine Fantasie, die sich indirekt aus der Wirklichkeit speise, „aber von nun an mit dieser Wirklichkeit, in der hier gelesenen künstlerischen Form nichts mehr gemeinsam hat. Leider.“
László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“, S. Fischer, 304 Seiten, 25 Euro

