Moderatorin Jessy Wellmer„Viele Ostdeutsche fühlen sich definitiv zurückgesetzt“

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Jessy Wellmer

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Ost- und Westdeutschland driften immer weiter auseinander, findet die Moderatorin Jessy Wellmer. Dagegen schreibt sie mit ihrem Buch „Die neue Entfremdung“ an, mit dem sie auch zur lit.Cologne kommt.

Frau Wellmer, in Ihrem Buch „Die neue Entfremdung“ schreiben Sie über das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen. Wie sind die ersten Reaktionen von beiden Seiten?

Es gibt westdeutsche Kollegen, die sagen: „Das Buch klingt so, als hätte es eine junge Westdeutsche anklagend gegen die Ossis geschrieben“. Und wieder andere sagen: „Das ist wirklich ein Vermittlungsversuch.“ Und dann gibt es auch welche aus dem Osten, die sagen: „Das ist zu konfrontativ, Du verrätst uns.“ Und das ist ja genau das, was ich auch im Buch beschreibe: Ich versuche wirklich immer, durch jede Brille zu gucken. Aber man kriegt natürlich nie alle auf einen Nenner. Weil es ja letztendlich mein Bild ist: Das Bild einer jüngeren Ostdeutschen, die nicht den Großteil ihres Lebens in der DDR verbracht hat.

Krieg in Nahost und in der Ukraine, Donald Trump droht wieder amerikanischer Präsident zu werden: haben wir nicht gerade dringlichere Probleme als innerdeutsche Befindlichkeiten?

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Wir können ja auch bei nationalen Konflikten bleiben: Der Radikalisierung innerhalb unserer Gesellschaft. Das ist natürlich kein rein ostdeutsches Phänomen. Aber trotzdem sind die Umfragewerte im Osten am rechten Rand deutlich höher. Auch deswegen ist es wichtig, sich mit diesen Ost-West-Befindlichkeiten zu beschäftigen - gerade um zu verstehen, warum das so ist.

Haben Sie eine Erklärung gefunden?

Viele Ostdeutsche fühlen sich definitiv zurückgesetzt. Und das hat auch mit einer starken Verunsicherung und vielleicht auch Enttäuschung durch einen großen gesellschaftlichen Umbruch zu tun. Auch im Westen gibt es Frust über die Regierung, Angst vor sozialem Abstieg, Verunsicherung wegen der vielen Krisen. Nur der Osten hat noch einen großen gesellschaftlichen Umbruch mehr auf dem Buckel als Westdeutschland. Die Ostdeutschen sind veränderungsmüde, wie der Soziologe Steffen Mau sagt. Und dann gibt es bei vielen Ostdeutschen ja auch eine tief verankerte Skepsis gegenüber der Regierung, die sie in der DDR gelernt haben. Und diese Skepsis ist geblieben - auch, wenn es um demokratische Institutionen geht.

Welche Folgen hat das?

Diese Skepsis ist der perfekte Nährboden für Populisten. Sie instrumentalisieren die Sorgen und Ängste und versprechen den Menschen einfach, dass sie das Rad der Zeit zurückdrehen können: Ihr müsst euer Leben gar nicht verändern, es gibt überhaupt keinen Klimawandel, es gibt überhaupt keine Energiewende, Menschen mit Migrationshintergrund kommen einfach alle weg. Und das ist ein Versprechen, das auch im Westen wirkt, aber im Osten noch mal mehr.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat die Wunden wieder aufgerissen, die schon ein bisschen verheilt schienen
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Warum heißt Ihr Buch eigentlich „Die neue Entfremdung“ - waren sich Ost- und Westdeutschland denn schon mal näher als heute?

Ja, gerade aus ostdeutscher Sicht würde ich sagen, es gab eine gute Phase nach der großen Umbruchszeit in den 1990ern. Aber dann kamen in den vergangenen Jahren so viele Krisen von außen: Die Flüchtlingskrise mit den Pegida-Demonstrationen zum Beispiel. Corona mit den Montagsspaziergängen. Da rumorte es schon. Aber für mich hat besonders der Krieg Russlands gegen die Ukraine die Wunden wieder aufgerissen, die schon ein bisschen verheilt schienen.

Warum?

Es gibt so eine grundlegende moralische Haltung des Westens, auch bei den politischen Vertretern, die sich mit der westlichen Demokratie auf der richtigen Seite sehen. Die Erzählung ist: Wir sind die Guten und der Osten ist das Böse. So ähnlich wie früher bei den Russen im James-Bond-Film. Und dieses Stigma triggert den Osten auf einer emotional-psychologischen Ebene total. Da fühlt sich mancher erinnert an die 1990er Jahre, als ihnen gesagt wurde: „Macht jetzt mal, was wir hier im Westen machen, denn wir sind die tollen Demokraten und haben das bessere System. Und ihr habt übrigens ein falsches Leben in einem falschen Land geführt.“ Auch den Russen gegenüber verhält der Westen sich moralisch arrogant. Und das führt zu einem Solidarisierungseffekt der Ostdeutschen. Manche fühlen sich dann sogar in die Sackgasse getrieben, auch noch Putins Verhalten mit zu rechtfertigen. Obwohl viele früher total genervt waren von diesem „Wir und die Sowjets sind Brüder und Schwestern“, das von der DDR diktiert wurde.

Man darf hier überhaupt nichts mehr sagen - mit solchen Äußerungen sollte man sensibel umgehen
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Hat Ihr Verständnis auch Grenzen?

Bei vielen Gesprächen, die ich im Osten führe, höre ich: „Wenn ich zum Beispiel gegen Waffenlieferungen für die Ukraine bin. Da darf ich meine Meinung nicht mehr frei äußern.“ Und das wird dann häufig verglichen mit einem totalitären System wie der DDR oder sogar behauptet, dass man in der DDR seine Meinung freier äußern durfte. Da ist für mich eine rote Linie. Denn in der DDR wurden Schüler nicht zum Abi zugelassen, da sind Menschen ins Gefängnis gesperrt worden, wenn sie sich politisch nicht korrekt geäußert haben. Und jetzt leben wir in einem Rechtsstaat. Das ist ein wesentlicher Unterschied und ich finde, deswegen sollte man sensibel umgehen mit solchen Äußerungen wie „man darf hier überhaupt nichts mehr sagen.“ Auf allen möglichen Kanälen äußern Leute sehr unverblümt und ungefiltert und sehr radikal ihre Meinung. Und dann gleichzeitig zu behaupten, wir würden in einem Land leben, in dem man das nicht darf – das erschließt sich mir nicht.

In Ihrem Buch zitieren Sie Dirk Oschmann, den Autor des Bestsellers „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ mit dem Satz: „Wenn ich im Buch differenziert hätte, hätte mir niemand zugehört.“ Sie haben sich aber bewusst gegen plakative Polemik entschieden.

Ja, das Risiko gehe ich ein, dass Leute sagen: „Das finde ich irgendwie langweilig, das unterhält mich nicht gut genug oder triggert mich nicht ordentlich.“ Für mich funktioniert es nur so. Wenn man immer nur in diese Empörung, in die Angst und in die Sorge rein arbeitet, spulen wir uns als Gesellschaft einfach immer weiter hoch und laden immer mehr plakatives und radikales Zeug ab. Mein Buch ist ein Vermittlungsversuch in einer Zeit, in der wir uns immer stärker empören. Ein Versuch, ins Gespräch zu kommen in einer Zeit, in der viele sagen: Mit denen rede ich nicht mehr.

Ihr Zugang zu dem Thema Ost/Westdeutschland ist sehr persönlich - sowohl im Buch als auch in einer Dokumentation, die Sie im vergangenen Jahr gedreht haben. Warum haben Sie sich dafür entschieden, so viel von Ihrem Privatleben preis zu geben?

Es gibt immer Leute, die sagen: „Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, dann erzähl nicht so viel über dich.“ Aber mir ist es wichtig, den Leuten zu vermitteln, dass ich nicht irgendeine Fernsehfrau bin, die mal eine Dokumentation drehen oder ein Buch schreiben möchte.  Sondern dass die Vermittlung zwischen Ost und West mein Lebensthema ist. Und so entsteht auch eine ganz andere Glaubwürdigkeit.

Sie beklagen die mangelnde Repräsentanz von Ostdeutschen in der Politik und in den Medien.

Tatsächlich gibt es in der Bundesregierung kaum Ostdeutsche, genauso wie in den großen Verlagshäusern. Und wenn überhaupt, werden die dann losgeschickt, wenn es Naziskandale im Osten gibt. Kein Wunder also, dass sich viele Ostdeutsche überhaupt nicht gesehen fühlen. Die Geschichten spielen immer in Stuttgart, Köln oder Hamburg, aber selten in Chemnitz oder in Magdeburg oder in Rostock. Das ist eine Entwicklung, die westdeutsche Medien verschlafen haben. Aber jetzt kommt meine Generation in die Führungsetagen oder eben ins „tagesthemen“-Studio, da ändert sich gerade etwas.

War das für Sie auch ein Grund, die Moderation der Sportschau für die „tagesthemen“ aufzugeben?

Ich möchte, dass Leute Politik und politische Prozesse verstehen und ich möchte sie so transparent wie möglich machen. Insofern ist das also für mich schon sowas wie eine Aufgabe, der ich jetzt journalistisch folge.


Jessy Wellmer, Jahrgang 1979, wurde in Güstrow, Mecklenburg-Vorpommern, geboren. Seit 2014 moderierte sie die „ARD Sportschau“ und das „Sportschau Thema“ sowie Sportgroßereignisse wie Olympische Spiele und Fußballwelt- und Europameisterschaften.  Im vergangenen Jahr hat sie die vielbeachtete ARD-Reportage „Putin, Russland und wir Ostdeutsche“ über den Blick vieler Ostdeutscher auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine gemacht. Seit Ende Oktober 2023 ist sie eine der beiden Hauptmoderatoren der Tagesthemen. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

„Die neue Entfremdung: Warum Ost- und Westdeutschland auseinanderdriften und was wir dagegen tun können“, Kiepenheuer&Witsch, 256 Seiten, 24 Euro.

Auf der lit.Cologne ist Jessy Wellmer zusammen mit Dirk Oschmann am Donnerstag, 14. März, um 21 Uhr in der Kölner Stadthalle bei der Veranstaltung: „Im Osten nichts Neues?“ zu sehen.  Wir verlosen 3x2 Tickets.

Außerdem verlosen wir auch noch  2 x 2 Tickets für die Gala in der Kölner Philharmonie am Freitag, 8. März 2024, um 20 Uhr. Alle Infos zu den Verlosungen unter www.ksta.de/redaktion

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