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Museumslegende über KölnWird's noch mal so schön wie früher?

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Herzogenrath-Lumpenball

Wulf Herzogenrath (links) im Jahr 2015 mit Claus Richter und Moritz Wesseler auf dem Lumpenball „seines“ Kunstvereins. 

  1. Wulf Herzogenrath leitete in den 70er und 80er Jahren den Kölnischen Kunstverein und zeigte dort legendäre Ausstellungen.
  2. Jetzt erinnert er sich in einem Interviewbuch voller Anekdoten und Einsichten an seine Kölner Jahre.
  3. Heutigen Lesern stellt sich eine Frage: Kommen diese guten Zeiten noch mal wieder?

Köln – Wenn man im kürzlich erschienenen Interviewband mit Wulf Herzogenrath blättert, könnte man tatsächlich daran glauben, dass früher alles besser war. Wobei dieses „alles“ grob die Grenzen der Kunststadt Köln umfasst und dieses „früher“ die 70er und 80er Jahre. Aber dann stößt man auf eine Stelle, in der sich Herzogenrath an eine Art Selbstgespräch erinnert: „Du bist der Ersatzmann für Jürgen Harten. Du bist jetzt in dem unattraktiven Köln gelandet. Da gibt es kaum Künstler. Du hast einen Minus-Etat von 100.000 D-Mark zu verwalten.“ Schön blöd, wer einem solchem Lockruf folgt.

Köln war damals schon etwas lahm, aber das ließ sich ändern

Eigentlich. Aber der gerade einmal 28-jährige Herzogenrath sah 1973 vor allem eine Chance darin, den hoch verschuldeten Kölnischen Kunstverein in einer hässlichen Stadt ohne Künstler zu übernehmen. „Etwas lahm“ sei Köln damals gewesen, so Herzogenrath im Gespräch mit Peter Moritz Pickshaus, was selbstredend die ideale Voraussetzung dafür ist, Schwung in die Sache bringen. In die knapp 17 Jahre, in denen Herzogenrath den Kunstverein leitete, fallen mittlerweile legendäre Ausstellungen zum Videokünstler Nam June Paik, der damals noch weitgehend unbekannten Rebecca Horn, Forschungsreisen in die Kölner Moderne (zum Dadamax Max Ernst und zu den Progressiven) sowie lokalpatriotische Übungen wie „Fünf in Köln“. Bei seinen Gruppenschauen Kölner Gegenwartskünstler kam Herzogenrath der aktuelle Zulauf gerade recht; der Kunstverein wuchs parallel zur Anziehungskraft der Stadt.

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Herzogenrath hatte seinen Posten von Toni Feldenkirchen übernommen, der nicht weniger als 30 Jahre Direktor des Kölnischen Kunstvereins gewesen war – und nebenbei noch Beauftragter der Stadtverwaltung für repräsentative Drucksachen. Zum Abschied hatte sich Feldenkirchen auf das Wagnis eingelassen, dem Kurator Harald Szeemann für dessen „happening & fluxus“-Schau mehr oder weniger freie Hand zu lassen. Die Folgen waren ein Massenexodus an Mitgliedern des bürgerlichen Kunstvereins (dem allerdings eine beträchtliche Anzahl an Beitritten entgegen stand) und besagter Schuldenberg.

Am erfolgreichen Neuanfang wirkten viele andere mit, wie Herzogenrath selbst betont. Besonders gute Erinnerungen verbindet er (wenig überraschend) mit dem Kölner Kulturdezernenten Kurt Hackenberg, dessen segensreiches Wirken aber, so Herzogenrath, ohne dessen Gegenspieler im Stadtrat, CDU-Kultursprecher Heinrich Lohmer, möglicherweise deutlich bescheidener ausgefallen wäre. „Lohmer wetterte immer gegen die Vorschläge von Hackenberg“, so Herzogenrath, „für den SPD-Mann waren die Tiraden seines politischen Widersachers Gold wert.“ Dank Lohmers erbitterter Ablehnung habe Hackenberg die eigene nicht durchgehend kulturaffine SPD-Truppe stets zur Räson bringen können.

Auch als Sammlung schöner Anekdoten ist der Band ein Gewinn

Der Gesprächsband liest sich nicht zuletzt wegen solcher Anekdoten mit Gewinn und selbstredend wegen der Erinnerungen an das bunte rheinische Künstlervölkchen: „Kricke kam auf mich zu und sagte: Tag. Schwarz-weiß. Ich sage: Heeh? Wieso? Antwortet: „Wenn ich Sie sehe, denke ich eher an Schwarz-weiß als an Farbe.“ So redeten in den 1970er Jahren also ein angesehener Akademiedirektor (der Künstler Norbert Kricke) und ein aufstrebender Kunstvereinsleiter miteinander; leider wird dann nicht aufgelöst, was Herzogenrath in Krickes Augen so farblos (oder war es kontrastreich?) machte.

Ansonsten staunt man, was vor gar nicht so langer Zeit in Köln noch alles möglich war: Alfred Biolek verschaffte Paik einen großen Bahnhof in der ARD, Robert Wilson zeigte seine „Civil Wars“ (und nebenbei Stühle im Kunstverein) und die Stadt baute dem Sammler Peter Ludwig im Zeit- und Kostenrahmen ein Museum. Auf die Frage, ob derlei mal wieder denkbar wäre, wartet man im Buch zwar vergeblich. Aber auch so wird deutlich, dass die in den 1970er Jahren einsetzende Erfolgsgeschichte der Kunststadt Köln kein unerklärliches Wunder, sondern Ergebnis harter Arbeit und kulturpolitischen Weitblicks war.

Es gibt also keinen Grund, beim Schmökern in Wulf Herzogenraths Erinnerungen in Nostalgie zu schwelgen und sich nach vorgeblich unwiederbringlichen Zeiten zu sehnen. Auch heute erscheint Köln mitunter etwas lahm, Künstler hatte es schon mal mehr, und viel attraktiver ist die Stadt bestimmt nicht geworden. Gerade deswegen lässt sich dieses lockere Gespräch als Anreiz lesen. Schon blöd, wer diesem Lockruf widersteht.

Zum Buch

„Energien/Synergien 15: Wulf Herzogenrath im Gespräch mit Peter Moritz Pickshaus. Die 1970er und 80er Jahre“, Verlag der Buchhandlung Walther König, 204 Seiten, 14,80 Euro.