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Nach „Die letzte Instanz“„Nicht der WDR, den ich kenne“

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Moderator Steffen Hallaschka (l) mit den Gästen von „Die letzte Instanz“ v.l.n.r. Schlagersänger Jürgen Milski, Autor und Moderator Micky Beisenherz, Schauspielerin Janine Kunze und Entertainer Thomas Gottschalk.

Köln – Als sie „Die letzte Instanz“ schaute, sagt Isabel Schayani, ging ihr kurz durch den Kopf: „Das ist nicht der WDR, den ich kenne.“ Fünf weiße Menschen diskutieren bei dem Talk von Steffen Hallaschka darüber, was ihrer Ansicht nach rassistisch ist.

Nach heftiger Kritik entschuldigt sich der WDR für die Sendung – und sendet wenige Tage später einem Zusammenschnitt des Kölner Karnevals, in dem weiße Menschen sich als Schwarze verkleiden. Eine angemessene Berichterstattung über Rassismus sieht anders aus, finden Iva Krtalic, Integrationsbeauftragte des WDR und Isabel Schayani, Leiterin des Online-Angebots für Geflüchtete WDRforYou. Doch der WDR habe bereits Konsequenzen aus der berechtigten Kritik gezogen.

„Wenn man sich mit Rassismus befasst, dann muss man mit den Menschen sprechen, die das auch erleben“, sagt Schayani. Gleichzeitig müsse man sie ins Gespräch bringen mit Menschen, die diese Erfahrungen eben nicht machen.

Auch Integrationsbeauftragte Krtalic sagt, eine Besetzung wie bei "Die letzte Instanz" sei für sie sehr befremdlich. Wie konnte so ein Fehler überhaupt passieren, gerade bei einem Sender, der sich mit Diversität rühmt? Und dann gleich zweimal? Eine zentrale Frage, auf die der WDR keine klare Antwort gibt.

Sendegebiet geprägt von Einwanderung

In dem Unterhaltungs-Talk, der als Wiederholung gesendet wurde, kommen die Gäste zum Schluss: Völlig in Ordnung, Schwarze weiter mit dem N-Wort zu bezeichnen und im Restaurant ihr Schnitzel mit einer Sauce zu bestellen, deren Name mit Z anfängt und dessen Ende sich jeder denken kann.

Der WDR räumt den Fehler ein, zeigt sich selbstkritisch: Dass dieser Talk unangemessen war, hätte nicht erst durch öffentliche Kritik auffallen dürfen. „Das müssen wir besser machen“, schreibt der WDR als Überschrift über ein Interview mit der Unterhaltungschefin Karin Kuhn, den die Rundfunkanstalt selbst veröffentlicht.

Wenige Tage später folgt die nächste Entschuldigung für das Blackfacing im Kölner Karneval. „Nichts gelernt“, finden viele Nutzer auf den Sozialen Medien.

Schayani spricht davon, dass auch der WDR ein heterogener Sender ist. Unter dem Dach des WDR sammeln sich tatsächlich eine ganze Reihe Redaktionen, die sich der Diversität verschrieben haben: Cosmo beispielsweise, das interkulturelle Radioprogramm und WDRforyou, ein viersprachiges Format, das Zugewanderten in Deutschland Orientierung geben soll.

Iva Krtalic sagt, sie sei die erste Integrationsbeauftragte eines deutschen Fernsehsenders. „Wir haben ein Sendegebiet, das von Einwanderung und Vielfalt geprägt ist“, sagt Krtalic. 29 Prozent der potenziellen Zuschauer haben eine Zuwanderungsbiografie – das, so Krtalic, sollte sich auch in der Redaktion, der Moderation und in dem Programm wiederspiegeln. „Es geht uns im WDR um Qualität: Menschen mit verschiedenen kulturellen und biografischen Hintergründen bringen neue Perspektiven hinein.“ Deshalb hätten auch 50 Prozent der aktuellen Programmvolontäre, die der WDR ausbildet, einen Migrationshintergrund.

Enissa Amani organisierte „Die beste Instanz“

Von ihrer Arbeit für das WDRforyou spricht Isabel Schayani voller Leidenschaft. Das viersprachige Format soll Geflüchteten in Deutschland Orientierung geben. Schayani erzählt, wie ihr Team Zugewanderten Corona-Updates gibt, Geflüchteten aus einer Diktatur das demokratische System in Deutschland nachvollziehbar erklärt, ihnen Fragen beantwortet wie zum Beispiel zur Öffnung der Fahrschulen. Wie ein Auszubildender in einem Hotel in Passau, der aus Afghanistan geflohen ist, sie und ihr Team erkannte und ihnen alle eine Pizza spendierte.

Die Rassimusvorwürfe gegen den WDR, sagt Schayani, treffen Iva Krtalic und sie gerade deshalb, weil sie sich bewusst entschieden haben, für einen Sender zu arbeiten, der für sie für Vielfalt stehe. Jetzt arbeite der WDR daran, aus der „berechtigten Kritik etwas nachhaltig Konstruktives für den WDR zu schaffen.“ Sie habe sich selbst im Zuge der Kritik vermehrt mit Literatur von Schwarzen Autoren auseinandergesetzt und das Gespräch mit einer Schwarzen Freundin gesucht. Wichtig sei es, einen Dialog herzustellen.

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Schayani, die selbst Tochter eines iranischen Vaters ist, sagt, im WDR habe sie noch keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Bei anderen Sendeanstalten und außerhalb der Arbeit dagegen schon: „Das letzte Mal war es im Dezember: Da war ich mit einer Freundin auf der Geburtsstation und habe übersetzt“, sagt Schayani. Die beiden Frauen sprachen persisch miteinander, als eine Frau rief: „Hören Sie auf, diese schreckliche Sprache zu sprechen!“ Oft, sagt Schayani, passieren ihr Vorfälle in dieser Art jedoch nicht. „Da gibt es Leute, die erleben ganz andere Sachen.“

Wenige Tage nach „Die letzte Instanz“, sagt Krtalic, habe der WDR eine Projektgruppe gegründet. Diese Gruppe, zu der auch Isabel Schayani gehört, plant einen Themenschwerpunkt zu Rassismus – die erste Sendung soll mitte März sein.

Themenschwerpunkt Vielfalt und Integration

Mitte März setzt der WDR einen Themenschwerpunkt zu gesellschaftlicher Vielfalt und Integration. Einer Mitteilung zufolge soll es dabei um Klischees, Vorurteile und die Bekämpfung von Rassismus gehen. Am 18. März sendet der WDR um 20.15 Uhr eine längere Reportage und Diskussion zu diesen Aspekten.

In der Mediathek beginnt der Schwerpunkt früher: Vom 15. März an sollen die Beiträge auch online verfügbar sein. Auch die „Aktuelle Stunde“ wird sich mit dem Thema auseinandersetzen, ebenso das „Morgenecho“ auf WDR 5.

Bereits am Dienstag, 23. Februar, war Roma-Aktivist Gianni Jovanovic im WDR2-Talk bei Jorg Thadeusz zu Gast und sprach dort unter anderem über den kritisierten Talk mit Steffen Hallaschka. Als Hintergrund des Schwerpunkts nennt der WDR „die berechtigte Kritik an der Sendung »Die letzte Instanz«“. (lh) 

Komikerin und Aktivistin Enissa Amani wollte anscheinend darauf nicht warten: Nur wenige Tage nach der Ausstrahlung von „Die letzte Instanz“ organisierte sie eine Gesprächsrunde, die sie „Die beste Instanz“ nannte. Die Kosten übernahm Amani selbst und streamte das Gespräch auf YouTube.

Es entstand ein Dialog über Rassismus, Antisemitismus und Privilegien mit jüdischen, muslimischen und Schwarzen Gästen, in dem es nicht darum ging, ob es Rassismus gibt, sondern um die Erfahrungen von Betroffenen. „Ich fand es gut und habe es mit Gewinn gesehen“, sagt Schayani. 

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