Ein ehemaliger Hörsaal statt Messehallen, silberne Aluminiumtische statt weißer Stellwände – Köln hat eine neue Kunstmesse, die sich zwar nicht als Gegenort, sondern als Ergänzung zur Art Cologne versteht, aber doch vieles anders machen will. Die Kölner Sammlerin und Ärztin Antonia Nolte, die Galeristen Manoucher Khoshbakht und Max Mayer haben sich mit Carola Seher, Lilli von Bodman und Clara Gehlen zusammengetan, um 19 ausgewählte Galerien in die Räume der ehemaligen Hochschule für Fotografie am Hohenstaufenring 48 einzuladen. Damit folgt die „Prospect Cologne“, wie sie sich nennt, dem internationalen Trend zur Boutiquemesse – bewusst kleineren Parallelveranstaltungen, die auf persönliche Begegnungen und oft eine neue Generation von Galeristen setzen, wie gerade erst die „London Invitational“ oder die „Post-Fair“ in Paris.
Neue Generation
In Köln haben die Initiatoren einen Mittelweg gewählt: Unter den Galerien sind sowohl etabliertere Größen wie Nagel Draxler, Gisela Capitain oder Buchholz – von denen wiederum einige auch auf der Art Cologne vertreten sind – als auch jüngere und internationale Galerien, etwa aus London, New York und Tokio. Eine Mischung, die aufgeht. Am Eröffnungsnachmittag drängen sich die geladenen Gäste um die Tische der Galerien, die versprochene Nähe entsteht da ganz von selbst. Etwa in der Mitte des Raumes, am Stand von „Soft Opening“ (London), ragt in Schieflage eine dreistöckige Gipstorte der Schweizerin Gina Fischli, Tochter von Peter Fischli (Fischli/Weiß), hervor. Ansonsten beschränken sich die Präsentationen – gezwungenermaßen – eher auf Kleinformatiges: Videoarbeiten, Computerspiele (Felix Gauditz, Wien), Zeichnungen und sogar ein unfertiger Entwurf für eine Klanginstallation bei Max Mayer, für den man um kaufkräftige Sponsoren wirbt.
Im Vordergrund sollten aber ohnehin Arbeiten mit konzeptionellem Charakter stehen, wie der mit eigenem Stand vertretene Mitbegründer und Kölner Galerist Manoucher Khoshbakht erklärt. Bei der Auswahl hätte man sich auf Galerien konzentriert, die „Wagnisse eingehen, überwiegend auf experimentelle Positionen setzen und bei denen es zumindest eine vage Hoffnung gibt, dass das, was wir heute machen, auch noch in der entfernteren Zukunft relevant ist“. Stark kommerzielle Galerien habe man hingegen bewusst gemieden.
Vom Feminismus der 70er bis zur heutigen Überwachungstechnologie
Gut möglich, dass es die großartigen, vor feministischer Wut strotzenden Zeichenhefte Miriam Cahns, die Meyer Riegger zeigt, auf einer größeren Messe schwerer gehabt hätten. Vor allem die eindringlichen, durchaus verstörenden Zeichnungen, die sie jüngst von den Gräueltaten im ukrainischen Butscha anfertigte, sind schwer auszuhalten. Daneben präsentiert die gerade einmal 28-jährige New Yorkerin Jordan Barse, Gründerin der Galerie Theta, eine Video-Installation von Kelsey Isaacs, die mit Endoskopkameras arbeitet und auf eine beunruhigende Weise die Überwachung und Kontrolle des technologischen Zeitalters vor Augen führt. Und auf dem Tisch von Molitor (Berlin) summt in der Menge kaum vernehmbar das „Auto-Phone“ von Dora Budor, ein klassisch anmutendes Holz-Instrument, in dessen Klangkörper aber in unregelmäßigen Abständen ein Vibrator aktiviert wird.
Kin (Brüssel) zeigt Modelle von öffentlichen Parkbänken aus recyceltem Plastikschrott, ein Thema, das sich direkt daneben bei Gisela Capitain fortsetzt, die die Mosaike der Peruanerin Ximena Garrido-Lecca wie Solarpaneele aufgestellt hat. Was Assoziationen an bunte Kirchenfenster weckt, sind in Wahrheit prekolumbianische Muster aus wiederverwertetem Silicium – Bestandteil von Computern, Handys und eben Solarpaneelen.Für andere Werke muss man wiederum ein bisschen mehr Zeit einplanen, die Präsentation zwingt zum Genauerhinsehen.
Eigener Preis mit dem Museum Abteiberg verliehen
Verkaufen will man natürlich auch hier. Wobei man vor allem das „sammelnde Bürgertum“ des Rheinlands, wie Carola Seher es nennt, im Blick hat – und dabei zugleich den Austausch mit lokalen Institutionen fördern will. In diesem Geiste verlieh die „Prospect Cologne“ am Donnerstagabend sogar einen eigenen, von zwei Sammlerinnen gesponserten Preis. Ausgezeichnet wurde der Beitrag der Tokioter Galerie Misako & Rosen – die Videoarbeit des japanischen Konzeptkünstlers Yuki Okumura (geb. 1978) bleibt im Rheinland: Sie wird mit dem Preisgeld vom Museum Abteiberg angekauft.
Die Initiatoren sind mit einem großen Anspruch gekommen, um zu bleiben. Auch nächstes Jahr wollen sie wieder antreten. Man darf gespannt sein, wohin sich dieses Format noch entwickelt, und sich bis dahin über jede Belebung des Kunstortes Köln freuen.
Prospect Cologne, Hohenstaufenring 48–52, Köln, Freitag 14–19 Uhr, Samstag 11–18 Uhr.

