Madonna hat mit 67 noch einmal ein richtig gutes Album veröffentlicht. Auf „Confessions II“ lädt sie nicht nur in den Club, sie bilanziert ihr ganzes Leben.
Neues Album „Confessions II“Madonna, wie sie tanzt und beichtet

Madonna veröffentlicht mit „Confessions II“ ihr 15. Studioalbum
Copyright: Raffael Pavarotti
Zu Anfang ihrer Karriere etikettierte sich Madonna als „material girl“. 15 Jahre später entdeckte sie auf „Ray of Light“ ihre spirituelle Seite, Kabbala-Studien ersetzten die Jagd nach dem „cold hard cash“. Dann suchte sie ihr Glück auf der Tanzfläche: „Confessions on a Dancefloor“ von 2005, gilt als das letzte rundum gelungene Album der Pop-Königin.
Jetzt hat sie auf „Confessions II“, ihrem 15. Studioalbum, erneut mit dem Produzenten Stuart Price zusammengearbeitet, nachdem sie den britischen Discoteer bereits vor drei Jahren für ihre Celebration-Tour als musikalischen Leiter reaktiviert hatte. Auf dieser Tour wagte die notorisch unnostalgische Diva zum ersten Mal den Blick zurück, sang ihre größten Hits, führte ihre ikonischsten Kostüme vor, präsentierte sich als Kuratorin ihrer selbst.
Dass niemand mehr rausgehen will, macht Madonna fertig
Wenn Madonna nun an ihren bislang letzten, 20 Jahre zurückliegenden, künstlerischen Triumph anknüpft, könnte man ihr das böswillig als Alterssentimentalität auslegen, wenn nicht als pure Verzweiflung. Stattdessen hat sie im Renteneintrittsalter eines der besten Alben ihrer Karriere aufgenommen. Das Beste, heißt es in so gut wie jeder bereits erschienenen Kritik, seit „Confessions on a Dancefloor“.
Die Fortsetzung ist freilich keine blasse Kopie des Originals, auch wenn die Songs hier ebenso im kontinuierlichen Mix ineinanderfließen, sie schlägt den ganz großen Bogen von Frau Ciccones Anfängen in der New Yorker Clubszene der späten 1970er bis zum heutigen Clubsterben. „Niemand will mehr rausgehen“, singt sie in „Everything“: „Das ist nicht in Ordnung, das macht mich total fertig.“
Die Menschen, klagt Madonna in einem Interview mit dem bekannten Life-Coach Jay Shetty, seien noch nicht einmal bei sich, wenn sie zu Hause sind, sie seien Gefangene ihrer Smartphones. Wer bewusst leben will, braucht dafür aber einen dritten Ort, der weder der Arbeitsplatz noch die eigenen vier Wände ist (und am allerwenigsten die Sozialen Medien). Früher war das die Kirche. Heute, schlägt „Confessions II“ vor, könnte es immer noch der Club sein. Wo sonst können die materiellen und spirituellen Aspekte des Lebens in einem Bassdrumschlag zusammenfallen?
„I feel so free“, singt sie im Refrain des Auftaktstücks der neuen Platte, die Tanzfläche gebe ihr Sicherheit durch Gemeinschaft. „Nur wenn ich tanze, fühle ich mich so frei“, quietschte sie schon vor mehr als 40 Jahren in „Into the Groove“. Sie sampelt Lil Louis’ Chicago-House-Klassiker „French Kiss“ (1989) und zitiert Donna Summers „I Feel Love“ (1977), mit anderen Worten: Es geht zurück zu den Quellen, zu den eigenen Anfängen als Club-Kid (in „Bring Your Love“, dem Duett mit der aktuellen Pop-Blondine Sabrina Carpenter, klingt dann noch „Good Life“ von Techno-Pionier Kevin Saunderson an).
Track fünf, „Danceteria“, hat sie nach jener Diskothek benannt, in der 1982 ihr Aufstieg begann, als sie deren Discjockey Mark Kamins für sich und als Produzent ihrer Debütsingle „Everybody“ gewinnen konnte. Und everybody der damaligen Clubszene findet sich nun auch in dem Song wieder: ihre Freundin Debi Mazar, die nun auch im prominent besetzten Kurzfilm zum Album wieder auftaucht. Martin Burgoyne, Madonnas damaliger Mitbewohner und Tänzer, der auch ihre erste Tour organisierte. Dazu Fab Five Freddy und Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Nile Rodgers, David Byrne und die B-52's. Kurz stimmt sie sogar die Doo-doo-doo’s aus Lou Reeds „Walk on the Wild Side“ an, und man fragt sich, wie sich das wohl angehört hätte, wären diese beiden vielleicht gar nicht mal so grundverschiedenen New Yorker Subkultur-Ikonen jemals zusammen ins Studio gegangen. Immerhin: Jetzt teilen sie sich einen Song-Credit.
Nach zwei Dritteln der gut einstündigen Laufzeit nimmt Madonna den Fuß vom Gas. Es ist die Beichte nach dem Tanz. Die letzten Songs erinnern weniger an den 2005er-Dancefloor als an ihr unterschätztes, hypnotisches Trip-Hop-Album „Bedtime Stories“ von 1994. Es gibt einen Grund, warum vom alten Titel nur die Bekenntnisse übrig geblieben sind, denn diese finalen Stücke sind noch einmal sehr viel persönlicher: Schon im noch recht dynamischen, entfernt an „Sweet Dreams“ von den Eurythmics erinnernden „Bizarre“ arbeitet Madonna noch einmal ihre erste Ehe mit Sean Penn auf.
In „Fragile“ ruft sie ihrem Bruder Christopher nach, mit dem sie noch kurz vor dessen Tod Frieden geschlossen hat. Im Gegensatz zu ihrer Stiefmutter, der sie in „Betrayal“ – eine Miles-Davis-Trompete trifft auf Erik Saties „Gnossienne No. 1“ – zwar den Hass verweigert, aber auch die Versöhnung. In „The Test“ ist es wiederum Madonna, die sich zu entschuldigen hat: „Kleiner Stern“, wendet sie sich an ihre Tochter, „ich habe versucht, dich auf ein Podest zu stellen, aber du hast nicht um all die grellen Lichter gebeten.“ Als „Little Star“ hatte sie Lourdes Leon schon auf „Ray of Light“ adressiert. Jetzt haben Mutter und Tochter erstmals zusammen ein vielleicht nicht besseres, aber immerhin ehrlicheres Lied geschrieben.
„Confessions II“ endet brüchig-zart, eine klackernde Drum-Machine, eine akustische Gitarre, eine verwaschene Reminiszenz an frühe Tage in Downtown Manhattan, unsicher auf den Beinen wie nach einer durchfeierten Nacht. In „L.E.S. Girl“ erinnert sie sich an ihr junges, unberühmtes Ich, die Lippen kirschrot geschminkt, der Eyeliner verschmiert, der Make-up-Spiegel zerbrochen, verliebt in einen Marlon-Brando-Typ, der ihr nicht gut tut. So ungeschützt hat sich der Kontrollfreak Madonna noch nie gezeigt. Mit „Confessions II“ kehrt Madonna zu ihrem alten Label Warner zurück
