Die erfolgreichen Autorinnen und Podcasterinnen haben ihr erstes gemeinsames Buch geschrieben, in dem es um die ganz großen Themen des Lebens geht.
Neues BuchChristine Westermann und Mona Ameziane reden über Glück, Liebe und den Tod

Christine Westermann und Mona Ameziane
Copyright: Lena Heckl
Frau Ameziane, Frau Westermann. Sie machen den Bücher-Podcast „Zwei Seiten“. Nun haben Sie ein Buch über die großen Themen des Lebens geschrieben – Liebe, Tod, Glück, Glaube. Erschien Ihnen die Aufgabe, dazu etwas zu sagen, nicht manchmal zu groß?
Mona Ameziane: Es wäre überheblich zu denken: Die Welt hat auf meine Gedanken zum Thema Liebe oder Glück oder Glaube gewartet. Und hätte mich jemand gefragt, ob ich das allein machen möchte, hätte ich abgesagt. Aber für mich ist es kein Buch, in dem es im Kern darum geht, etwas Neues über die Liebe oder den Tod zu verstehen, sondern es lebt vom Austausch. Es lebt davon, dass zwei Frauen unterschiedlicher Generationen an besonderen Orten aufeinandertreffen. So treffen zwei Perspektiven aufeinander, die für mich einen solchen Reiz haben, dass ich mich gar nicht gefragt habe, ob wir eigentlich größenwahnsinnig sind, über so große Themen zu schreiben.
Sie trafen sich zu den Gesprächen an unterschiedlichen Orten. Sie waren etwa im Planetarium in Nippes, im Club Bootshaus oder im Rhein-Energie-Stadion. Mein Eindruck war, dass es sich zu einem kleinen Wettstreit entwickelt hat, besondere Orte zu finden, oder?
Ameziane: Ja. Christine hat das ganze Planetarium für uns beide gemietet. Wir hatten ein ganz tolles Gespräch über die Liebe in einem Kino in Sülz. Wann wird man als erwachsene Person schon mal so komplett überrascht? Irgendwann habe ich für das Thema Niederlage eine Anfrage gestellt, ob wir im leeren Stadion des 1. FC Köln sitzen dürfen. Ich habe dich noch nie so aufgeregt gesehen wie da. Wir brauchten wirklich erst mal eine Dreiviertelstunde, bis wir mit dem Interview angefangen haben.
Christine Westermann: Ich habe eine Dauerkarte und bin Mitglied, ich kenne das Stadion natürlich knallvoll. Aber ich habe es noch nie in dieser Friedlichkeit und in dieser Ruhe erlebt. Gänsehautgefühl.
Warum war es so wichtig, nicht im Podcast-Studio über diese Themen zu sprechen?
Ameziane: Diese Orte haben uns die Möglichkeit gegeben, den Interviews einen bestimmten Twist zu geben. Wir konnten beispielsweise viel über Christines Empfindungen als Fußballfan sprechen und darüber dann zu den eigenen Niederlagen kommen. Ich glaube, dieses Buch hätte wirklich ganz viel von seinem Spirit verloren, wenn wir in einem Studio gesessen hätten.
Westermann: Es hat unsere Gespräche so viel intensiver, offener, zugewandter gemacht. Und jeder Ort, den die eine für die andere ausgesucht hat, war auch ein kleiner Liebesbeweis. Ich habe mich natürlich mordsgefreut, dass Mona auf die Idee mit dem Stadion gekommen ist. Es zeigt, wie sehr man jemanden mag, dass man ihm eine Freude macht, auch wenn man ihn gleichzeitig fordert.
Ich habe eine Dauerkarte und bin Mitglied, ich kenne das Stadion natürlich knallvoll. Aber ich habe es noch nie in dieser Friedlichkeit und in dieser Ruhe erlebt
Wo haben Sie einander sonst noch überrascht?
Westermann: Beim Kapitel „Liebe“ habe ich mir als Location für unser Gespräch das Weißhaus-Kino in Sülz ausgesucht. Wir beide ganz allein in dem großen Kinosaal. Wir haben „ Für immer" gesehen, ein Dokumentarfilm über ein Ehepaar, das 65 Jahre miteinander verheiratet sind. Das die Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen erlebt hat. Mona zum Thema Liebe zu befragen, war für mich eine Herausforderung. Ich weiß, wie vorsichtig sie ist, was ihr Privatleben angeht. Dass sie wenig an Emotionen preisgeben mag. Sie ist erst seit ein paar Jahren verheiratet und ich konnte nicht so richtig einschätzen, was passieren würde, wenn sie die Geschichte eines Ehepaares sieht, das sich in Krisen verstrickt, sich getrennt und wieder zusammengefunden hat. Das die Liebe erlebt, aber dabei auch gelitten hat.
Ameziane: Mich hat der Film sehr bewegt. Ich habe viel von dem, was ich da gesehen habe, auf meine eigene Beziehung bezogen und mich gefragt: Wie muss sich das anfühlen, irgendwann das Leben und dann auch die große Liebe loslassen zu müssen? Das hat mir bewusst gemacht, dass diese Liebe, die für mich so wichtig ist in meinem Leben, ein Ablaufdatum hat. Ich habe mich in dem Kapitel deutlich mehr geöffnet, als ich es geplant hatte. Ich glaube, das ist das Persönlichste, was ich je von mir in die Öffentlichkeit getragen habe.
Das ist ja eine sehr wichtige Frage: Wie viel gebe ich von mir preis? Wie haben Sie für sich darauf eine Antwort gefunden?
Westermann: Ich glaube, dass ich anders als Mona mein Herz eher auf der Zunge trage und manchmal Dinge raushaue, bei denen ich hinterher denke: Das hättest du dir bei längerem Nachdenken vielleicht auch sparen können.
Ameziane: Was das Persönliche angeht, ist es wirklich immer ein In-sich-Reinhorchen und Austarieren. Mir hat es geholfen, dass ich erst mal gedacht habe, ich rede nur mit Christine. Und dann überlege ich darüber hinaus, ob das etwas ist, das nach außen gehört oder nicht. Es war überraschend wenig, was es dann am Ende nicht ins Buch geschafft hat.
Sie trennen 45 Jahre. Warum ist dieser Altersunterschied wichtig für das Buch?
Westermann: Dass alte Menschen auch mal jung waren, attraktiv, stark, das habe ich oft vergessen, als ich noch jung war. Und dann sieht man Fotos von diesen Menschen am Beginn ihres Lebens und ahnt, wieviel Kraft und Zuversicht auch von ihnen in jungen Jahren ausgegangen ist. Mich fasziniert an unserer Beziehung, dass wir trotz des Altersunterschiedes auf Augenhöhe sind, die Lust groß ist, mit der anderen über’s Leben zu reden. Ich tue das mit Neugier und hoffentlich nicht mit der Selbstgefälligkeit einer alten Frau, die so tut, als wisse sie genau, wo es langgeht. Nur ab und zu denke ich, wie es wohl wäre, hätte Mona noch 30 Jahre mehr, um zu erleben, wie sich manche Sachen dann anfühlen.
Ameziane: Das sagst du aber eigentlich nie. Und das rechne ich dir hoch an. Es passiert ja leider schnell, dass ein Altersunterschied dazu führt, dass keine Augenhöhe entstehen kann. Das Besondere an der Nähe, die wir haben, ist, dass ich nicht eine Sekunde das Gefühl hatte, Christine sieht mich von oben herab an oder ich schaue zu ihr hinauf.
Das Besondere an der Nähe, die wir haben, ist, dass ich nicht eine Sekunde das Gefühl hatte, Christine sieht mich von oben herab an oder ich schaue zu ihr hinauf
Gab es denn auch Momente, in denen Sie gemerkt haben, dass es Ihnen aufgrund des Altersunterschiedes schwerfällt, die andere zu verstehen, weil die eigene Lebensrealität gerade doch so anders ist?
Westermann: Spontan fällt mir das Kapitel „Liebe“ ein. Mona hat das bei mir mal als dynamisches Liebesleben bezeichnet. Am Anfang habe ich mich fast ein bisschen dafür geschämt, dass ich so viele Affären hatte, weil Mona die große Liebe mit 16 gefunden hat. Irgendwann war klar: Du lebst anders als ich und du liebst anders als ich. Das ist eben meine Art, die mich im Leben auf viele Irrwege geführt hat, aber die waren meistens auch ganz schön.
Ameziane: Bei mir war es beim Thema Körper. Mir fehlte ein Gefühl dafür, wie sich ein Mensch mit 77 in seinem Körper fühlt. Ich kenne das vor allem von Verletzungen, dass der Körper mir Grenzen setzt. Da hat mir das Buch geholfen, weil wir darüber im Podcast oder privat gar nicht so viel geredet haben. Aber hier war der Körper eben ein ganz eigenes Thema, und da habe ich, glaube ich, ein bisschen mehr das Gefühl dafür bekommen, wie sich Christine fühlt.
Was haben Sie Neues voneinander beim Schreiben gelernt?
Westermann: Ich habe gelernt, wie wichtig es für Mona ist, dass es einen Plan gibt, den man einhält. Und Mona hat von mir erfahren, dass ich kein Plan-Einhalter bin. Mir hat das sehr leidgetan, als ich gemerkt habe, dass ich dich damit verletzt habe, eine Seite an dir zwar wahrgenommen, aber ignoriert zu haben. Jetzt bin ich jemand, der Deadlines einhält.
Ameziane: Und andersrum lerne ich natürlich genauso. Ich habe ein großes Problem damit, Deadlines nicht einzuhalten. Was vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle übertrieben ist. Wir haben das Buch später abgegeben als geplant. Nicht super viel später, aber für mich schon so, dass ich jeden Morgen aufgewacht bin und dachte, ich halte es nicht aus. Am Ende hat trotzdem alles geklappt. Vielleicht habe ich dadurch gelernt, ein bisschen lockerer zu bleiben.
Wie gehen Sie damit um, dass Sie wissen, dass Ihr Podcast aufgrund des großen Altersunterschiedes irgendwann ein Ende finden wird, wenn Sie sich nicht mehr fit genug dafür fühlen, Frau Westermann?
Westermann: Ich empfinde schon jetzt eine mittelschwere Melancholie bei dem Gedanken daran, weil das gemeinsame Arbeiten eine große Bereicherung für mein Leben ist. Ich bin ja eh nicht so gut im Abschiednehmen, und damit das schon mal klar ist: bei unserem Abschied komme ich einfach nicht. Den kannst du bitte allein machen.
Ameziane: Wir machen das ja noch keine zehn Jahre, aber es fühlt sich jetzt schon wie ein so bedeutendes Kapitel in meinem Leben an. Normalerweise merkt man so etwas immer erst im Nachhinein, aber mir ist schon jetzt bewusst, wie viel Bedeutung diese Zusammenarbeit für mich in der Zukunft haben wird. Ich versuche, den Gedanken weit wegzuschieben. Deswegen hat mich auch dieser Moment so kalt erwischt, als mir klar wurde, dass ich bei der Trauerfeier sitzen werde, die Christine im Buch beschreibt, wenn alles so läuft, wie das Leben es vorsieht, und mir nichts Schlimmes passiert. Wenn ich das nicht von mir wegschiebe, kommt die Traurigkeit schon jetzt. Deswegen bin ich einfach super froh, dass wir all das gerade erleben können.
Ihr Buch ist kein Lebensratgeber, sondern ich sehe es eher als ein gemeinsames Nachdenken über das Leben. Was sollen die Leserinnen und Leser mitnehmen aus der Lektüre?
Westermann: Mich würde freuen, wenn die Menschen, die es lesen, merken, dass wir zwei ganz normale Menschen sind. Keine Promis, die wichtigtuerische Sachen übers Leben erzählen, sondern zwei Frauen, die kämpfen, die verlieren, die siegen, die Herausforderungen annehmen, an ihnen scheitern oder sie bestehen und gute und schlechte Tage haben. Ich will keine Botschaft in dieses Buch reinbringen.
Ameziane: Wenn es eine Botschaft gäbe, dann die: Ins Gespräch zu kommen, kann toll sein. Wie schön wäre es, wenn das Buch dazu führt, dass vielleicht auch im echten Leben die eine oder andere Person sagt: „Die Frage finde ich spannend. Ich schnappe mir meine beste Freundin, meine Tante oder meine Mutter, und wir setzen uns hin und reden einfach mal über den Tod oder über die Liebe.“ Das wäre mein größter Wunsch.
Mona Ameziane (32) und Christine Westermann (77) arbeiten als Autorinnen, Journalistinnen und Moderatorinnen. Gemeinsam machen sie den Bücher-Podcast „Zwei Seiten“. Ihr erstes gemeinsames Buch „Wann wusstest du, dass es gut wird?“ ist gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Ihre Buchpremiere feiern sie am 4. Oktober im Rahmen der lit.Cologne Spezial, die an diesem Wochenende startet. Die Lesung ist ausverkauft. Alle Infos zur lit.Cologne Spezial finden Sie hier.
Das ganze Gespräch mit den beiden hören Sie im Podcast „Talk mit K“, den Sie auf allen Plattformen und unter ksta.de/podcast finden. Darin erfahren Sie auch alle Informationen zu unserem Gewinnspiel, bei dem wir fünf Exemplare des Buches verlosen.